Liegt Tel Aviv in Israel?
„Medinat Tel Aviv“: Kulturelle Blase versus Anker für soziale Veränderung
Viele Menschen ziehen nach Tel Aviv aufgrund der Illusion, es sei die einzige weitgehend liberale Stadt Israels. Sie fühlen sich angezogen vom kosmopolitischen Charakter, der jungen Bevölkerung und dem überwiegend säkularen Lebensstil. Dies sind Aspekte, die für die meisten Bürger:innen westlicher Hauptstädte selbstverständlich erscheinen, die aber einen deutlichen Unterschied zu anderen israelischen Großstädten darstellen. Die politischen Probleme im Rest des Landes und generell in der Gesellschaft lassen sich scheinbar leicht übersehen, wenn man in der Bubble von Tel Aviv lebt, da die Stadt von ihrem lebhaften alternativen Lebensstil und ihrem abgehobenen Blickwinkel beansprucht wird. Tel Aviv ist vielleicht eine Art Einstiegsdroge, um Aliyah zu machen – zunächst zögert man, aber wenn man es erst einmal in die Nähe geschafft hat, wacht man eines Tages auf und stellt fest, dass man dabei ist, nach Petach Tikvah zu ziehen. Aber ich komme vom Punkt ab.
Was macht die Stadt zu einem solchen politischen Rätsel? Oft hört man den Ausdruck „Medinat Tel Aviv“ („Der Staat Tel Aviv“), der unterstreicht, wie sehr die Stadt vom übrigen Land losgelöst, ja sogar eine eigene kleine Welt ist. Bei Wahlen stimmt Tel Aviv ganz anders ab als der Rest des Landes, fast immer genau das Gegenteil des Wahlergebnisses. Ohne Zweifel ist Tel Aviv ein überwiegend liberaler Ort, aber wie nachhaltig kann dies auf Dauer sein, und noch wichtiger: Vermag es einen dauerhaften nationalen Wandel zu bewirken?
Und überhaupt, ist Tel Aviv wirklich so einzigartig? Es gibt viele andere Städte in Israel, die als liberaler gelten können und eine größere Vielfalt unter ihrer Bevölkerung aufweisen. Zum Beispiel Haifa: Die Stadt ist viel repräsentativer für die gesamte israelische Gesellschaft und bietet somit einen fruchtbareren Nährboden für politische Initiativen und sozialen Wandel.
Dennoch kann keine andere Stadt eine so ausgeprägte linke Denkstruktur aufweisen wie Tel Aviv – aber ist das unbedingt eine positive Eigenschaft? In ihrer schieren Abgehobenheit vom übrigen politischen Spektrum ist die Stadt insofern einzigartig, dass es ihr gelingt, sich von der konservativen und manchmal gefährlichen Denkweise in anderen Teilen des Landes zu isolieren. Aber so sehr die Tel Aviver:innen es auch lieben, in ihrer Bubble zu leben, ohne sich mit religiösen Rechtsextremist:innen unterhalten zu müssen, und frei sind, tiefschürfende Gespräche über die Mängel des Landes zu führen, so sehr könnte diese Isolation schädlich sein, da sie auf einer Haltung von Exklusivität und unrealistischen Vorstellungen beruht.
Die Stadt ist tatsächlich ein Zufluchtsort für links gesinnte Menschen in Israel, die mit dem Status quo nicht einverstanden sind und wollen, dass sich vieles im Land ändert. Es ist ein Ort, an dem es sozial akzeptabel ist, die Grundlagen der Gesellschaft in Frage zu stellen, und ein Ort, an den Menschen gerade deshalb ziehen, um diese Befreiung zu erleben. Ein großer Teil von Aktivismus besteht darin, Gleichgesinnte zu finden und sich für eine gemeinsame Sache einzusetzen – und zwar am richtigen Ort. Tel Aviv ermöglicht diesen Austausch, da es der Treffpunkt für Menschen ganz unterschiedlicher Prägungen ist, die auf der Suche nach dieser Verbindung sind. Die Stadt bringt zudem eine viel progressivere junge Generation hervor, die mit diesen Idealen aufwächst und sie sich zu eigen macht, wenn sie älter wird.
Es bleibt jedoch die Frage, welchen Effekt dies tatsächlich hat. Wenn die Tel Aviver:innen für immer in ihrer liberalen Bubble bleiben. Welche wirkliche Veränderung kann dann erreicht werden? Das ist die Kehrseite der Medaille in Bezug auf liberale Großstädte, nämlich, dass sie eine Art Illusion sind. Medinat Tel Aviv bezieht sich nicht nur auf die metaphorische Vorstellung, so einzigartig anders zu sein als der Rest des Landes, dass es eine eigene Regierung verdient. Vielmehr gibt es der weitverbreiteten Überzeugung Ausdruck, dass Tel Aviver:innen nichts mehr mit der Mehrheit der israelischen Gesellschaft gemein haben, was die Kluft zwischen den Lagern vertieft. Folglich wird es zu einer separatistischen Illusion.
Was in jüngster Zeit in Bezug auf die vorgeschlagene Justizreform geschah, ist besonders interessant, denn die Proteste begannen machtvoll in Tel Aviv und weiteten sich dann aus, dabei die Kluft zwischen den politischen Lagern, dem religiösen Spektrum und der Urbanität überbrückend. Es hat sich gezeigt, dass etwas was wie eine Grasrootbewegung anfängt, tatsächlich die Begrenztheit der Stadt und ihrer Bewegung überwinden kann. So ist Tel Aviv vielleicht doch repräsentativer für das ganze Land, als viele sich eingestehen wollen. Tel Aviv hat die Freiheit, die Grenzen zu dehnen, und ermutigt damit kleinere Städte nachzuziehen, trotz der Unterschiede im gesellschaftlichen Klima und des Rückschlags für politischen Aktivismus und entschiedenen Liberalismus. Möglicherweise kann es sogar zum Sprachrohr einer Stimme werden, die sich viele nicht trauen anderswo zu erheben.
Vielleicht ist Tel Aviv weder eine Utopie noch eine Echokammer, sondern tatsächlich eine Stimme des Wandels.
Judith Offenberg
Aus dem Englischen übersetzt von Alisa Offenberg