Nazis mit High Heels in Männergrößen treten

Nazis mit High Heels in
Männergrößen treten

Heterosexualität ist wie die Luft zum Atmen. Sie umgibt einen, und man entkommt ihr nicht, egal wie sehr man es auch versucht.

Nur im Gegensatz zu Sauerstoff ist die Heterosexualität nicht lebensnotwendig. Was ist aber, wenn die Existenz derer, die nicht in klare heteronormative Strukturen passen, plötzlich angegriffen wird? Führen wir einen amerikanischen Diskurs. Amerikanisierung hier, Amerikanisierung da. Der vermeintliche amerikanisierte Diskurs ist ein Kampfbegriff. Gemeint wird damit, dass amerikanische Gesellschaftsanalysen- und debatten aufgegriffen werden und in Europa oder anderswo (Stichwort Israel) ausgetragen werden. Oft wird dann die vermeintliche Amerikanisierung des Diskurses als Kampfbegriff verwendet, um Kritik, vor allem wenn sie von People of Colour kommt, zu negieren: „Das ist hier in Europa komplexer.“ Alles scheint in Europa komplexer zu sein. Lustigerweise kann man aber gerade wirklich von einer Amerikanisierung in Europa sprechen, wenn es beispielsweise um die Rechte von LGBT+ Menschen geht. In den USA wird gerade systematisch trans Personen das Anrecht auf „gender affirming care“, also zum Beispiel die Gabe von Hormonen etc., abgesprochen. In Florida kann Eltern, sofern sie ihren minderjährigen trans Kindern eine Transition zu dem Geschlecht, mit dem sie sich identifizieren, ermöglichen, das Sorgerecht abgesprochen werden. Trans Jugendliche sind außerdem um 82% mehr gefährdet, Suizid zu begehen als cis Jugendliche (Studie des Trevor Projects, 2021). Wenn man ihnen „gender affirming care“ gibt und die Transition zu ihrem Geschlecht, mit dem sie sich identifizieren, ermöglicht, geht die Wahrscheinlichkeit, dass diese sich das Leben nehmen um ungefähr 70% zurück- (Studie von D. Tordoff, J. Wanta, A. Collin, 2022). Aber wir müssen die Gschroppen schützen. Vor sich selbst. Denn wie jeder weiß, weiß das Gschropp nicht, was gut für es ist. Die Studie des Trevor Projects hat ergeben, dass alle 45 Sekunden ein queeres Kind versucht, sich das Leben zu nehmen. Die Rechten glauben dennoch, dass man die Kinder vor sich selbst schützen muss, denn sie wüssten ja nicht, was gut für sie sei. So müsse man sie aber auch vor den anderen bösen Queers schützen, die sie alle auf die dunkle Seite ziehen wollen. Besonders Drag Queens. Es werden zurzeit vermehrt Lesungen von Drag Queens angeboten, bei denen Kinderbücher über Toleranz und Vielfalt vorgelesen werden. Die Kinder lernen dabei einiges über Diversität und Offenheit und haben nebenbei Spaß an einer bunt verkleideten Person. Die Rechten sehen hinter diesen Veranstaltungen eine Frühsexualisierung der Kinder.  Woran genau sie diese festmachen? An der reinen Existenz einer Drag Queen. Dass es viel mehr sexualisierend ist, wenn der dreijährige Bengel gefragt wird, ob er denn im Kindergarten schon eine Freundin hat, lassen wir mal außen vor. Was soll man denn machen? Wer selbst kein Stecher ist, muss wohl auf die nächste Generation hoffen. Aber anscheinend sind nun Drag Queens  das Problem. Sie stehen ja auch dafür, dass es mehr als Cisgeschlechtlichkeit und Heterosexualität gibt. Manche US-Staaten gehen sogar so weit, dass Drag Queens verboten wird, in Drag in der Öffentlichkeit zu erscheinen. So manche:r Gewiefte:r realisiert nun, dass dies de facto trans Frauen, die nicht als cisgeschlechtlich durchgehen, kriminalisiert. Weit hamma’s bracht. Und der Aufschrei fehlt.

Wird Wien Florida?

Was hat das alles mit Amerikanisierung zu tun? Das „European Parliamentary Forum for Sexual and Reproductive Rights“ hat in einem Bericht offengelegt, dass zwischen 2009 und 2018 707,2 Millionen US-Dollar an Anti- Gender Organisationen in Europa überwiesen wurden. Die meisten Geldgeber:innen kommen aus den USA und sind fundamentale Christ:innen. Also war es nur eine Frage der Zeit, bis es auch in Europa so weit war. Die Identitären versuchen schon länger, Drag Queen-Lesungen zu stören. Im März wurde das Thema in den Wiener Landtag gehievt. Die FPÖ verlangte einen Sonderlandtag, um den „Transgenderwahnsinn“ zu stoppen.  Die ÖVP unterstützte sie dabei. Nur einmal zur Erklärung: Drag Queens sind Personen, die sich wie Frauen verkleiden und damit die Grenzen des Geschlechts aufbrechen. Trans Personen sind Personen, die sich nicht mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren können. Nicht dasselbe. Das braucht einen aber nicht zu wundern. Die erkennen ja nicht einmal die Nazis in ihren eigenen Reihen.

Rechte auf der Straße

Am 15.04 ging es dann heiß her. Die Identitären riefen dazu auf, eine Drag Queen Lesung in der Türkis Rosa Lila Villa, einem von queeren Personen selbstverwalteten Haus, zu stören. Die Rechten kamen. Nicht ganz so zahlreich wie die Gegendemonstrierenden. Aber sie kamen. Und es war wild. Während die rechten Leute versuchten, die Lesung zu stören, wurde diese von  linken Gegendemonstrierenden  geschützt. Und die Polizei schützte die Rechten. Wow. Unerhört. Weil unsere Freunde und Helfer diese so gut schützten, konnten  die Rechten während der Kundgebung Interviews geben. Es bleibt irgendwie, ich weiß nicht, ein komischer Nachgeschmack. Manche waren ganz neurotisch und hatten Angst um die Kinder, denen die Lesung ziemlich gut gefiel und die alle freiwillig dort waren. Andere sangen, beteten und eine Frau hatte gleich eine ganze Marienstatue dabei. Ich wusste nicht, dass “mit Heiligenstatuen Gassi gehen” Teil der christlichen Tradition ist. Aber die wollen anscheinend auch mal an die frische Luft. Sie alle hatten Angst, dass die Gesellschaft verschwult wird. Man könnte fast meinen, sie haben Angst, dass sie bald so behandelt werden, wie ihre heterosexuelle Welt mit nicht-heterosexuellen Menschen umgeht.  Aber der Homo Homosexualis bleibt für die Rechten ein Gespenst, dem fast übermächtige Kräfte zugesprochen werden (man kennt das irgendwoher). Dann bleibt aber nur die Frage offen, warum in der heutigen Zeit so viele Länder queere Menschen kriminalisieren und gesellschaftspolitische Fortschritte wieder rückgängig machen wollen. Und warum niemand dagegen aufschreit. Es ist an der Zeit, sich zu positionieren und es ist an der Zeit, Nazis,  pardon, die um Kinder besorgte Bürger (gegendert wird nicht) mit High Heels in Männergrößen von den Straßen zu jagen.

Chris Steinberger

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