Golda Meir – „Die Eiserne Frau“ an der Spitze
In dem Biopic Golda (US/UK 2023), das eigentlich gar keines ist, beschäftigt sich Regisseur Guy Nattiv mit dem Leben und Wirken Golda Meirs während des Jom-Kippur-Kriegs. Golda Meir ist bis heute eine der berühmtesten weiblichen Politiker:innen und prägend für ein israelisches Selbstverständnis.
Israel, 1948. Der neu gegründete jüdische Staat gewinnt den Unabhängigkeitskrieg – dann ein Sprung nach vorne. Juni 1967, die umliegenden arabischen Länder greifen Israel im Sechstagekrieg an – Israel gewinnt. Zwei Jahre darauf wird Golda Meir Israels Ministerpräsidentin und somit eine der ersten Frauen in diesem Amt weltweit. Historische Archivbilder zeichnen zu Beginn des Films Golda in knapp drei Minuten die Entstehungsgeschichte Israels. Dann eine Blende. Golda, gespielt von Helen Mirren, zieht an ihrer Zigarette. Das Augenpaar im Close-up löst sich aus dem schwarz-weißen Setting, das Bild wird langsam in Farbe getaucht. Das historische Material abstreifend, begibt sich der Regisseur ab hier in das Terrain Spielfilm. Die Geschichtsabhandlung, welcher der Film bis zum Ende nicht entkommt, geht ab dieser Minute mit Star-Besetzung weiter und entstaubt den Geschichtsfilm zumindest etwas.
Zwischen persönlicher Fragilität und politischer Stärke
Während der Film sich inhaltlich auf den Jom-Kippur-Krieg und seine Bedeutung für Meirs politische Karriere fokussiert, thematisiert Regisseur Guy Nattiv gleichzeitig die Ambivalenz zwischen Golda Meirs persönlicher Fragilität und politischer Stärke. Erfrischend anders ist diese Darstellung, immerhin wurde Meir der Spitzname „die Eiserne Lady Israels“ verliehen und das lange bevor Margaret Thatcher der gleiche Namen verpasst wurde. Wie viel das über Meir als Politikerin, oder doch mehr über eine noch starr patriarchale Polit-Welt aussagt, sei dahingestellt. Vielleicht auch deswegen der Versuch Nattivs, Golda Meir in seinem Film eine weichere Seite zu geben.
Jom-Kippur-Krieg, 1973
„Die Eiserne Lady Israels“ zu sein, haftet Meir nicht zuletzt, sondern allen voran wegen ihrer Funktion während des Jom-Kippur-Kriegs an. Als sich 1973 die Spannungen mit den arabischen Nachbarländern verschärften, unternahm Meir wiederholte diplomatische Vorstöße Richtung Ägypten, die allesamt abgewiesen wurden. Eine nationale Sicherheitskrise brach aus, als Geheimdienstquellen berichteten, dass syrische und ägyptische Truppen für einen gemeinsamen Angriff an Jom Kippur, dem heiligsten Tag des jüdischen Kalenders, mobilisiert wurden. In dem Bestreben, die im Krieg von 1967 verlorenen Gebiete zurückzugewinnen, griffen sie gleichzeitig an zwei Fronten an: Ägypten auf der Sinai-Halbinsel und Syrien auf den Golanhöhen. Schwere frühe Verluste durch den Überraschungsangriff und die zögerliche amerikanische Militärhilfe führten zu massivem öffentlichem Druck, einen Waffenstillstand auszurufen. Stattdessen billigte Meir aggressive Maßnahmen zur Verbesserung der israelischen Verhandlungsposition und hielt durch, bis Verstärkung eintraf und Israel die Oberhand gewann.
Die „Eiserne Lady“ als gefühlvolle Golda
Meirs entschlossene Führung während des 19-tägigen Jom-Kippur-Kriegs brachte ihr besagten Kosenamen ein – und der Krieg führte auch dazu, dass sie nur zwei Monate später zurücktrat. Die israelische Öffentlichkeit machte sie für den Tod von rund 2700 israelischen Soldat:innen in diesem Konflikt verantwortlich, auch wenn ihr tatsächliches Wirken in diesem Zusammenhang bis heute umstritten ist. Ein Verlust, der den militärischen Triumph in den Hintergrund drängte. In Nattivs Golda nutzt der Regisseur eher Zurückhaltung und subtile visuelle Hinweise in der Darstellung der blutigen Kriegshandlungen, um die Aufmerksamkeit auf die moralischen Herausforderungen und Entscheidungen zu lenken, mit denen Golda Meir konfrontiert ist. Der Film wirft nicht nur die Frage nach einem Schuldempfinden auf, sondern beantwortet sie und lässt Meir auf emotionaler Ebene politische Verantwortung und Entscheidungsprozesse auf sich nehmen. Golda Meir von ihrer gefühlvollen und verletzlichen Seite zu zeigen, ist omnipräsent, genauso wie die Zurschaustellung ihrer Uneitelkeit, für die sie (neben ihrer Schuhe) durchwegs berühmt ist.
Die Vereinnahmung einer Politikerin
Dass Golda gerade 2023 seine Premiere auf der Berlinale feierte, gibt Anlass, mögliche Parallelen zwischen dem Jom-Kippur-Krieg und dem gegenwärtigen Krieg in Gaza zu ziehen. Sowohl der Jom-Kippur-Krieg als auch der aktuelle Krieg sind von einem plötzlichen Angriff gezeichnet, der Israel überrascht und zu politischen und militärischen Ausnahmezuständen geführt hat. Sowohl damals als auch heute nimmt Israel große Opfer für die Verteidigung seiner Existenz in Kauf – wenn auch auf unterschiedliche Weise. Golda Meir ist außerdem eine der Menschen, die Israels amtierender Ministerpräsident Benjamin Netanyahu besonders häufig zitiert, auch im Verlauf des aktuellen Gaza-Kriegs. Eines dieser berühmten – in diesem Fall allerdings nicht einmal belegten Zitate ist: „Du kannst nicht mit jemandem über Frieden verhandeln, der gekommen ist, um dich zu töten!“. Zu Beginn des Gazakrieges kursierte dieser Satz vermehrt in den sozialen Medien. Es finden sich etliche Meir-Zitate, die mittlerweile symbolisch für eine gewisse Israel-Position instrumentalisiert werden. Das ist besonders makaber, da Meir politisch in der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Avoda beheimatet war und sie und ihre Partei eine klare Haltung und Standpunkte im Nahost-Konflikt vertraten. Nur zwei Monate nach dem Ende des Jom-Kippur-Kriegs wurde in Israel neu gewählt. Avoda ging erneut als Wahlsieger hervor. Golda Meir übergab ihr Amt Jitzchak Rabin – dem Mann, unter dem es fast zwei Jahrzehnte später zu Frieden gekommen wäre und zu dessen Gegner sich Netanyahu stilisierte. Das lässt die Frage entstehen, was rechts-konservative Politiker:innen wie Netanyahu dazu treibt, sich durch das immer wiederkehrende Bedienen von Meir-Zitaten in die Nähe der Politikerin zu rücken.
Kinostart für Golda
Der reguläre Kinostart von Golda hat im deutschsprachigen Raum – womöglich wegen des Kriegs im Nahen Osten – noch nicht stattgefunden. Trotz Starbesetzung findet der Film offenbar keine Abnehmer:innen, oder der Verleih hält den Film zurück. Beide Szenarien wirken wie das bekannte Wegducken vor Geschichten, die nicht der jüdischen Fremdwahrnehmung des Opfers entsprechen. Ein Phänomen, das im deutschsprachigen Raum öfters zu beobachten ist und mit der Angst vor Antisemitismus zu tun haben könnte – besonders in politisch angespannten Zeiten.
Avia Seeliger