Kritische Theorie und Antisemitismus

Kritische Theorie und
Antisemitismus

An der Widersprüchlichkeit von linkem Antisemitismus kann man zu Grunde gehen. Die theoretischen Überlegungen einer handvoll intellektueller Juden versuchen diesen “Sozialismus der Dummen” zu durchleuchten.

Der normalsterbliche Mensch wird möglicherweise schon von dem Männerkreis der sogenannten Frankfurter Schule rund um Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Herbert Marcuse sowie deren Kritischer Theorie gehört haben. Vielleicht versteht er oder sie davon intuitiv genauso wenig wie ich. Daher möchte ich mit diesem Artikel ein weiteres Loblied auf Übersichtsartikel und Wikipedia singen. 

Mit dem welthistorischen Bruch des Nationalsozialismus, der auch die Vertreter der Kritischen Theorie ins Exil drang, ergaben sich theoretische Konsequenzen für ihre marxistische Analyse von Herrschaft und Unterdrückung: Fataler als der Kapitalismus selbst, ist dessen barbarische Aufhebung in Form eines ressentimentgeladenen Antikapitalismus, für den Nationalsozialismus und Faschismus stehen. Daher misstraut die Kritische Theorie jedem linken Heilsversprechen von Klassenkampf und konfrontiert jede antikapitalistische Kritik mit Adornos kategorischem Imperativ, das “Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz nicht sich wiederhole”. Der Antisemitismus wird nicht als bloßes Herrschaftsinstrument oder Unterform des Rassismus verstanden, sondern als Teil einer umfassenden Weltanschauung. Durch die Gefahr, die von dieser Weltanschauung ausgeht, kommt es in logischer Folge zu der Solidarität mit Israel als Zufluchtsstätte der von Antisemitismus bedrohten, trotz aller Kritik im Einzelnen. Speziell Horkheimer sah in der Gründung Israels einen Moment der Resignation – man hielt ja weiterhin an dem Ideal fest, mit der Abschaffung von Staat und Kapital auch die Notwendigkeit des Zionismus aus der Welt zu schaffen. Jedoch hatten die Vertreter der Frankfurter Schule ein grundsätzliches Bewusstsein für die Gefahren, denen der jüdische Staat seit Anbeginn ausgesetzt war. So schrieb Adorno in einem Brief am Tag des Ausbruchs des 6-Tage-Kriegs: “Wir machen uns schreckliche Sorgen wegen Israel.” Als zwei Jahre später der israelische Botschafter in Frankfurt von deutschen Linken und arabisch-nationalistischen Student:innen niedergebrüllt wurde, war Adorno dermaßen entsetzt, dass er von der Gefahr eines Umschlagens der Studierendenbewegung in Faschismus sprach. Auch der in Wien als Hans Chaim Mayer geborene Schriftsteller und Shoah-Überebende Jean Améry schrieb von der Gefahr, dass die Linke “hinübergleite zu jenen, die ihre Feinde sind, so gut wie die meinen” und berichtet von einer pro-palästinensischen Kundgebung, bei der “Zionismus” als “Weltpest” verdammt und “Tod dem jüdischen Volke” skandiert wurde. Gegen diesen “alten miserablen Antisemitismus”, der sich unter dem “Banner des Anti-Zionismus” hervortat, sah sich Améry in der Pflicht zu widersprechen. Den alten Antisemitismus betrachtete er durchaus nicht als begraben, doch zu diesem geselle sich eine aktualisierte Form, die als vermeintlicher “Antiimperalismus” einen ehrbaren Charakter erhielte: der “ehrbare Antisemitismus”. Die Schuld der Nazi-Täter:innen und ihrer Nachfahren konnte so ob dem Entlastungswunsch in ein Ressentiment münden, der Jüdinnen und Juden kurzerhand eine Täterrolle zukommen ließ. 

Antiimperialismus der dummen Kerle

Die bereits anderthalb Jahrhunderte zurückliegenden Ursprünge des modernen linken Antisemitismus richteten sich nach 1948 und insbesondere nach 1967 verstärkt gegen den Jüdischen Staat. Dieser Entwicklung ist ein gewisser Pessimismus über die Veränderlichkeit der bis heute noch weitläufig von Ressentiments getriebenen Linken immanent. Vielleicht spendet die durch die Jahrzehnte vergleichbare jüdische Lebenserfahrung einen gewissen Trost –  à la “geteiltes Leid ist halbes Leid”. So oder so ist zugegebenermaßen in diesem Artikel bisher nur wenig erklärt oder in einen großen Zusammenhang eingebettet worden. An diesem Punkt eilt Moishe Postone zu Hilfe, ein weiterer Jude, kanadischer Historiker und Sozialtheoretiker, der tatsächlich auch lange Zeit Mitarbeiter am selben Frankfurter Institut für Sozialforschung war, wie einst Adorno, Horkheimer und Marcuse. In seinem enorm aufschlussreichen Essay „Antinomien der kapitalistischen Moderne – Reflexionen über Geschichte, den Holocaust und die Linke“ setzt er den linken Antisemitismus in Bezug zu den Verschiebungen in der Interpretation des Holocausts und den verschiedenen Epochen der kapitalistischen Moderne. Um nachzuvollziehen, inwiefern das alles relevant ist, müssen wir einen Schritt zurückgehen und die Spezifität von Antisemitismus, vor allem in Abgrenzung zum Rassismus, aufgreifen. 

Der Rassismus schreibt einem als minderwertig betrachteten anderen konkrete physische und sexuelle Macht zu, wohingegen der moderne Antisemitismus den Jüdinnen und Juden als gefährlichen Träger des Bösen mit universeller und ungreifbarer, also abstrakter Macht betrachtet. Damit ist der Antisemitismus nicht bloß Vorurteil, sondern eine antihegemoniale Weltanschauung, welche die moderne kapitalistische Welt zu erklären vorgibt, indem sie die abstrakte Herrschaft des Kapitalismus als konkrete Herrschaft des “internationalen Judentums” verdinglicht und dadurch greifbar macht. Die Befreiung der Welt schließt somit deren Befreiung von den Jüdinnen und Juden ein: die Vernichtungsideologie von Auschwitz ist nicht Nebeneffekt, sondern logische Konsequenz des Antisemitismus. Das Erkennen dieser Sonderrolle des antisemitischen Ressentiments als antikapitalistische Weltanschauung fällt der globalen Linken bis heute schwer und offenbart ihr, wie Postone schreibt, “inadäquates Verständnis des Antisemitismus und ihre Schwäche in der Konzeption des Kapitalismus”. Durch den scheinbar emanzipatorischen Charakter, den Antisemitismus annehmen kann, tendiert er dazu, Unterschiede zwischen reaktionärer und progressiver Kritik zu verschleiern. August Bebel nennt ihn deshalb den “Sozialismus der dummen Kerle”, den Améry im Begriff sah, ein “integrierender Bestandteil des Sozialismus” zu werden. Noch aktueller bezeichnet ihn Postone als “Antiimperialismus der dummen Kerle”. 

Shoah ohne Juden

Nach 1945 wurde diese Spezifität des Holocaust – die Ermordung der Juden als Juden, stellvertretend für die Kapitalistische Moderne – vollkommen ausgeklammert und stattdessen Nazismus als allgemeine Revolte gegen die Moderne, also universalistisch, erklärt. In Osteuropa und der Sowjetunion wurde der Faschismus des NS-Regimes als Herrschaftsinstrument gegen die Arbeiterklasse relativiert und dessen Antisemistismus vollständig negiert. In den zahlreichen sowjetischen Mahnmalen werden Jüdinnen und Juden als Opfergruppe, wenn überhaupt, nur als eine unter vielen “Nationen” genannt. Jede Erwähnung von Juden als Juden galt der kommunistischen Ideologie als “inakzeptabler Partikularismus”. Doch auch im Westen realisierte man die Wesentlichkeit des Antisemitismus für den Nazismus nicht. In einem Le Monde-Artikel von 1948, der die Deportation von 280.000 Menschen thematisierte, ist von Jüdinnen und Juden kein einziges Mal die Rede, in den ersten Filmen über die Vernichtungslager ebensowenig. Mit dem Kalten Krieg war außerdem ein neuer globaler Machtkampf in den Vordergrund gerückt, bei dem sich beide Seiten abermals einer allgegenwärtigen, abstrakten und universellen Bedrohung (Kommunismus im Westen, Imperialismus im Osten) ausgesetzt sahen. Aufmerksame Leser:innen sollten ahnen, was nun folgt: Der McCarthyismus in den USA fokussierte häufig Jüdinnen und Juden als Abbild des “internationalen Kommunismus”, und den 14 Angeklagten der Prager Schauprozesse (1952), von denen elf Juden waren, wurde vorgeworfen, als Agenten internationaler Mächte eine “zionistische” Verschwörung gegen die sowjetischen Führung zu planen. Das kommunistische Regime konnte aus ideologischen Gründen nicht vom „internationalen Judentum“ sprechen und sprach deshalb von „Zionismus“. Es folgte die reihenweise Entlassung, Verhaftung und Hinrichtung sowjetischer Juden, die glücklicherweise mit Stalins Tod einen Monat später ein frühes Ende nahm. Diese spätstalinistische Hetze gegen den „Zionismus“ wurde von der Studierendenbewegung der 60er Jahre aufgenommen und ist bis heute elementarer Bestandteil des linken Antisemitismus. 

Mit dem Aufkommen der sozialen Bewegungen in den 1970er-Jahren rückten konkrete Manifestationen von Herrschaft und Unterdrückung in den Mittelpunkt, die auch die Auseinandersetzung mit der Spezifik des Holocausts diskursiv ermöglichten. Gleichzeitig glorifizierte ein erstarkender Antiimperialismus den Nationalismus jener Gruppen, die das unterdrückte „Andere“ repräsentieren sollten. Das unterdrückte “Andere” steht für die  Revolte des “Authentischen” gegen die Herrschaft des Kapitals, welche als “Imperialismus” umschrieben auf die Vereinigten Staaten, Israel oder den „Zionismus“ projiziert und somit verdinglicht wurde. Bis heute gilt oftmals allein die Opposition gegen die amerikanische Regierung als antihegemonial und Ausdruck eines allgemeineren “Kampfes gegen den Kapitalismus”. Diese Verschiebung kann als Erbe des Kalten Krieges und dessen binäre Weltanschauung gesehen werden, welche die Tatsache verdeckt, dass es auch faschistische Formen des Antiimperialismus gibt und gab. Horkheimer schreibt dazu sehr treffend: “Die Souveränität eines Landes ist etwas anderes als die Freiheit derer, die in ihm leben.” In einer Art ist derartiger Antiimperialismus tatsächlich nur Neuformulierung einer rechten “Globalisierungskritik” des frühen 20. Jahrhunderts, die von “den Juden und Großbritannien“ sprach. 

Zionismus = Hakenkreuz?

Was bleibt ist eine Linke, für die seit 1967 der palästinensische Befreiungskampf ins Zentrum antikolonialer Bestrebungen gerückt ist. Gerade, weil Ende der 1960er der Holocaust (wieder) ins Bewusstsein drang, mussten Gegenkräfte der Verdrängung mobilisiert werden. Dieser Entlastungswunsch erklärt, wieso der Nahostkonflikt für die Linke derart wichtig ist und in der Tendenz kulminiert, Jüdinnen und Juden erneut die Rolle der Verfolger zuschreiben zu wollen und die Palästinenser:innen als die „wahren Juden“ und Opfer eines „Genozids“ zu betrachten. Der israelische Psychoanalytiker Zvi Rex formuliert diesbezüglich sehr treffend: „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen“. Deren enorm emotional aufgeladene Kritik am “Zionismus”, den sie als bösartige Ideologie und Kraft verstehen, die so mächtig ist, dass sie selbst die Politik der amerikanischen Supermacht bestimmt, geht weit über die Grenzen politischer und kritischer Analyse hinaus. Diese Haltung lässt sich in historischen Bezug zur Niederlage der Sowjet-Verbündeten nach 1967 setzen, nach der die UdSSR begann, den bereits erwähnten spätstalinistischen “Antizionismus” zu verbreiten. Bis heute sucht die Linke in nicht-westlichen, nationalistischen Bewegungen eine Möglichkeit des Antikapitalismus, die von reduktionistischen Geschichtsauffassungen und Leugnungsmechanismen durchzogen ist. Letzten Endes, schreibt Postone, ist diese Tatsache vor allem Ausdruck eines defizitären Verständnisses von Kapitalismus und einer theoretischen Hilflosigkeit der Linken, die es nach wie vor nicht schafft, eine übergreifende Gesellschaftskritik zu formulieren, die gleichzeitig das Universale und das Partikulare aufgreifen kann. Etwas einfacher könnte man  die Kritik von Adorno,  Améry und Postone so formulieren: Solange der Linken der Zusammenhang zwischen Kapitalismus, Antikapitalismus und Antisemitismus schleierhaft bleibt, wird der linke Antisemitismus sein Unwesen treiben.

ALON ISHAY

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