Nagellack-Feminismus
Eine Kritik am Konzept der kritischen Männlichkeit
Kritische Männlichkeit ist ein Konzept für Männer, die ihre eigene Männlichkeit kritisch reflektieren (möchten). Kritische Männer sitzen nicht breitbeinig und achten auf ihre Redezeit, denn sie wollen sich nicht ins Zentrum stellen; sie gendern, sie tragen Nagellack oder pinkfarbene Kleidung, denn sie wollen mit dem normativen Geschlechterbild brechen. Das klingt im ersten Moment fortschrittlich und feministisch. Was oftmals hinter dem Konzept der kritischen Männlichkeit steht, ist aber nicht mehr und nicht weniger als ein pinker Anstrich des Patriarchats: Männer, die sich mit Privilegienchecks befassen und dabei Selbstmitleid verspüren, die ihr individuelles Wohlbefinden ins Zentrum rücken, um anschließend Lob für ihren Profeminismus und einen positiven Bezug auf Männlichkeit einzufordern.
Emanzipation durch Privilegiencheck?
Die „kritische“ Auseinandersetzung mit der eigenen Männlichkeit besteht oftmals aus der Reflexion des individuellen Zustands. Ihr Ziel ist es daher, individuelle Lösungen zu finden und die eigenen Verhaltensweisen anzupassen. Letztlich kreisen Themen und Optionen, welche die kritische Männlichkeit anbietet, um die positive Selbstentfaltung von Männern im Patriarchat. Das Patriarchat ist aber kein individueller Zustand, dem persönliche Maßnahmen und Handlungen entgegengesetzt werden können. Die Bestrebungen der kritischen Männlichkeit, Männer zu „guten Männern“ zu machen, unternehmen nicht den Versuch, an der Ideologie und dem System des Patriarchats zu rütteln.
Dabei können zweifellos auch Männer unter patriarchalen Mechanismen leiden; männliche Sozialisation bedeutet ebenso Zurichtung wie weibliche. Doch das Patriarchat ist ein System, das nicht primär Männern schadet, sondern grundlegend auf der Unterdrückung von Frauen, Queers und nichtbinären Personen basiert. Rollenzuweisung, die Reduktion weiblicher Existenz auf deren Körper und Reproduktionsfunktionen, alltäglicher Sexismus und männliche Dominanz sind der Kern patriarchaler Geschlechterverhältnisse. Männer sind in diesen Verhältnissen begünstigt – und sie profitieren von ihnen, egal wie sehr sie ihre Privilegien checken.
Profeminismus als Selbstoptimierung
Die Realität der gesellschaftlichen Besserstellung von Männern steht in inhärentem Widerspruch zum selbstbezogenen und selbstmitleidigen Konzept, das unter dem Titel der kritischen Männlichkeit geliefert wird. Eine individuelle und freie Entfaltung von Männern zu fordern, ist nicht emanzipatorisch, wenn sie nicht zugleich die männliche Vorherrschaft angreift. Der Autor Kim Posster plädiert daher dafür, Männlichkeit zu verraten, und sich nicht dem Gedanken des „immerhin etwas“ hinzugeben.
Die Energie, die in die Forderungen und Umsetzungen männlicher (Selbst-)Hilfe geht, fehlt in tatsächlich feministischen Kämpfen, die eine Kritik an den Geschlechterverhältnissen, an männlicher Dominanz und die Realitäten von Frauen mit einbeziehen. Kritische Männlichkeit sorgt zwar für sich-gut-fühlende-Männer, die ihre Maskerade auf Twitter, in linken Räumen und Uni-Hörsälen erproben können, doch weder diese Performance noch Männer-Selbsthilfegruppen mit Privilegienchecks haben emanzipatorisch-feministisches Potential über männliches Besserfühlen hinaus.
Dass die kritische Männlichkeit als scheinbar progressives und besonders für linke Männer anschlussfähiges Projekt daherkommt, macht das Ganze besonders frustrierend. Auch hier, wo man es erwarten könnte, werden Verbindungen zu gesellschaftlicher feministischer Analyse oder gar zu feministischen Kämpfen kaum hergestellt. Was der kritischen Männlichkeit fehlt, ist die Einbettung in eine breitere gesellschaftskritische Analyse der Verhältnisse, die die individuellen Situationen bedingen. Die Zusammenhänge von Kapitalismus, Patriarchat und Männlichkeit bleiben ausgespart. Das Ideal funktionstüchtiger, „guter“ Männlichkeit, im Gegensatz zum „toxischen“ Verhalten, suggeriert die Möglichkeit einer Auflösung der Probleme durch individuelle Selbstoptimierung, durch die Abschaffung „toxischer“ Männlichkeit in einer Art Detox-Kur.
Nagellack allein macht noch keinen Feminismus
Mit der kritischen Männlichkeit wird die „gute“ Männlichkeit als erstrebenswertes Ideal zu einer systemstützenden Performance. Kritische Männergruppen drehen sich in solch einer identitären Selbstbeweihräucherung im Kreis. Diese Männer wissen, wie sie aufzutreten, sich zu kleiden, zu sprechen und welche Körperhaltung sie einzunehmen haben, um als „gute“ und „kritische Männer“ zu gelten. Das Brechen mit dem ein oder anderen Genderklischee ist jedoch nicht revolutionär. Wenn darüber hinaus keine Forderung nach der Veränderung patriarchaler Muster folgt, fällt es schwer, die Haltung als feministisch zu erkennen. Das widerspräche der angenehmen Vorstellung und dem Bedürfnis, reinen Gewissens als „guter Mann“ im Patriarchat existieren zu können. Doch Feminismus ist nicht bequem. Emanzipatorische Kämpfe sind anstrengend – und sie kosten Männer ihre Vormachtstellung.
Wer Feminist sein will, muss über Selbstreflexion und -mitleid hinausgehen. Das Bild des „guten Mannes“ verhindert diese Auseinandersetzung – denn es gibt keine gute Männlichkeit. Wenn Männlichkeit zur positiven Identität wird, kann sie letztlich auch als Rechtfertigung dienen. Denn die profeministische Maskerade erschwert die Kritik von außen, hat zwar einen selbstaufwertenden, aber keinen emanzipatorischen Effekt. Gerade wenn es um Gewalt gegen Frauen geht, wird die Auseinandersetzung auch für viele kritische Männer unbequem und daher schlicht gemieden. Auch darüber, dass hinter männlicher Gewalt patriarchale Unterwerfungsinteressen gegen Frauen stehen, die zudem viel zu oft in vermeintlich progressiven Kreisen verharmlost und ausgeblendet werden, wird zu wenig gesprochen.
Kein Privilegiencheck, kein Nagellack-Feminismus oder pinkes Accessoire wird – so begrüßenswert der Bruch mit Genderklischees und das Aufzeigen alternativer Rollenbilder auch ist – die Strukturen des Patriarchats und die permanente gesellschaftliche Besserstellung von Männern aufheben. Egal wie ein Mann sich kleidet, wie gut er über Gefühle reden kann, wie konsequent er gendert: Aus materialistisch-feministischer Perspektive muss immer das Eintreten für die feministische Sache und gegen männliche Dominanz und Gewalt an erster Stelle stehen. Solange es nicht das Ziel ist, die gesellschaftlichen Verhältnisse umzuwerfen, sondern das eigene Befinden zu verbessern, so lange bleibt eine Kritik an Männlichkeit systemstützend. In pinkem Nagellack steckt noch keine emanzipatorische Praxis.
In diesem Sinne überlasse ich das letzte Wort der kürzlich verstorbenen Feministin und Historikerin Ingrid Strobl, die zum Widerstand jüdischer Frauen gegen den Nationalsozialismus forschte (und die übrigens auch nie müde wurde, Antisemitismus und das Ausblenden der Shoah in der Linken anzukreiden):
„Frauen, die das Machtverhältnis zwischen Frauen und Männern bekämpfen (…), bedürfen nicht so sehr der männlichen Genossen, die sich für ihre Freunde halten, als der männlichen Genossen, die bereit sind, zum Feind des Mannes zu werden.“
Isolde Vogel