Performativ gegen Zionismus?

Performativ gegen Zionismus?

Eindrücke einer konsternierten Kunststudentin

Es ist Montagmorgen, der 13. November. Die Zeichenklasse trifft sich heute nicht im Seminarraum Mixed-Media 2 in der Vorderen Zollamtsstaße 7, sondern am Georg-Koch-Platz 2, meinem Lieblingsgebäude der Angewandten. Das Foyer der alten Postsparkasse ist ideal, um perspektivisches Zeichnen zu üben. Ich kann mich aber nur schwer auf meine Zeichnung konzentrieren. Heute Abend findet die Lesung der NOODNIK Sonderausgabe zum 7. Oktober statt. In meinem Kopf schwirren offene Fragen zum Sicherheitskonzept, die Angst, ob genug Leute kommen und wir etwas Wichtiges vergessen haben. Ich muss kurz raus, telefonieren. Als ich zurückkomme, setze ich mich zurück an den Tisch mit der verspiegelten Platte, und blicke auf einen Zettel, der vorhin noch nicht da lag. Neben dem Spiegelbild meines verwirrten Blickes lese ich in Großbuchstaben „MOBILIZE AGAINST GENOCIDE“ und mir fällt wieder ein, dass ich an einer Kunstuniversität in Österreich studiere.

Wenn mir heute eine jüdische Person erzählt, dass sie so wie ich an einer Kunstuniversität in Österreich oder Deutschland studiert, habe ich erstmal Mitleid. Mit uns beiden. Denn seit dem 7. Oktober hat sich unter Kunststudierenden eine antiisraelische Hegemonie etabliert, die es uns schwer macht, an unseren Universitäten ein Gefühl der Sicherheit, geschweige denn der Akzeptanz zu entwickeln. Zahlreiche studentische Gruppen mobilisieren seit Monaten gegen den jüdischen Staat und nutzen dafür nicht selten die Räumlichkeiten der Uni. Die “Kunst” ist ja ein Ort des Widerstands und des Progressiven und Kunstuni-Aktivismus bietet viel an, von Shoah-Relativierung bis zu Intifada-Aufrufen ist alles dabei. Wissen sie, dass “Intifada” Gewalt gegen israelische Jüdinnen und Juden bedeutet? Bei einer Aktion im Haupteingang der Angewandten versicherte eine Aktivistin, dass es am 7. Oktober keine Gewalt gegeben habe. Dann ist ja alles gut!

Es ist nicht unwichtig, sich die Frage zu stellen, warum Kunst- und Kulturinstitutionen so anfällig für israelbezogenen und verschwörungsideologischen Antisemitismus sind. Die Antworten liegen vermutlich auf mehreren Ebenen. Was wir wissen und wo wir ansetzen können, ist die enorme Anpassungsfähigkeit des Judenhasses. Denn Antisemitismus macht Jüdinnen und Juden für alle Übel der Welt verantwortlich, dabei spielt es keine Rolle von welchem Übel die Rede ist oder in welcher Welt wir uns befinden. Die Probleme sind austauschbar und kennen keine Widersprüche. Und das macht ihn so schwer zu erkennen. Die Juden sind schuld am Kommunismus und bilden zugleich die kapitalistische Elite, die den Markt und das gesamte Weltgeschehen kontrolliert. 

So sprechen die poshen, postkolonialen, liberalen Kunstschwurblers schnell vom bösen kolonialen Projekt westlicher, privilegierter und vor allem weißer Jüdinnen und Juden. In meiner zweiten Woche an der Angewandten, vier Tage nach dem 7. Oktober, erklärte mir meine Professorin für Kunstvermittlung, dass Zionisten eigentlich Juden hassen, weil der Zionismus in Wirklichkeit schlecht für uns sei. Mein Wohlergehen lag ihr offenkundig am Herzen. Ich bin so dankbar, dass derart viele Menschen wissen, was gut für uns ist, was wir wollen und was unsere Geschichte eigentlich bedeutet. Wie beispielsweise Whoopie Goldberg, die 2022 in einem Interview meinte, der Holocaust wäre nicht rassistisch gewesen, denn es hätten ja nur Weiße gegen Weiße gekämpft.

Dass die meisten Jüdinnen und Juden eher so aussehen, wie sich Europäer:innen Araber:innen vorstellen, und dass das Konzept weiß und POC nicht auf das Judentum angewendet werden kann (siehe Artikel Jews ≠ White von Alon Ishay, Ausgabe #5), wird in der wahnhaften Projektion auf den jüdischen Staat ausgeklammert. 

TikTok Intifada?

Kunststudierende wollen so gerne links sein. Wollen so gerne bedeutungsvolle Kunst, politische Kunst machen. Aber nur weil du Kunst machst, bist du nicht links, und das @angewandte in deiner Instabio macht dich auch nicht zu einem coolen Aktivisten, Jonas. Aktivismus ist ein meist kollektiver Prozess, der viel Arbeit und theoretische Auseinandersetzung erfordert. Wer sich nicht mit Theorie, Geschichte und politischer Realität jenseits von TikTok und Instagram auseinandersetzt, verfällt schnell in verkürzte Erklärungsmuster. Unwissen und Geschichtsvergessenheit sind deshalb leider oft Voraussetzung der antiisraelischen Mobilisierungen. 

Gerade die Medialisierung des Krieges wird gemeinhin  als “Sieg” der Hamas analysiert. Terror-Propaganda zielt direkt auf verkürzte und theorielose Erklärungen, die auf Social-Media verbreitet und von einem aktivistischen Netzwerk aus Influencer:innen und Instagram-Journalist:innen getragen werden. Sie lassen sich für den Zweck der Intifada instrumentalisieren und instrumentalisieren so nicht zuletzt das Leid der palästinensischen Bevölkerung für das Ziel der Hamas: die Auslöschung  des Staates Israel. So schreibt das die Hamas in ihrer Charta, die leider kaum jemand gelesen hat, weil man nur liest, was die Bubble in den Feed schickt. Es scheint wegen dieser “gelungenen” Kriegskampagnen daher ein großes Bedürfnis unter den Wiener Kunststudierenden zu geben, sich zum Israel-Gaza-Krieg zu positionieren. Und wie tut man das am besten? Man erstellt zehn neue Free Palestine Accounts auf Instagram, folgt sich gegenseitig (und Nicole Schöndorfer) und prompt ist man politsche:r Aktivist:in. Links, cool und alternativ, wie es sich an der Kunstuni von selbst versteht. Dass es keine zehn Instagram-Accounts über die kurdische Freiheitsbewegung oder die iranische Frauenrevolution gibt, liegt wahrscheinlich daran, dass dort nicht das zionistische Gebilde den Feind ausmacht, sondern brutale Islamisten – aber das passt nicht so gut ins dualistische Weltbild, in dem es (literally) nur Schwarz und Weiß gibt.

Bedürfnisstillend und selbstverleugnend 

Die Antisemitismusforscherin und Bildungswissenschaftlerin Hannah Grabenberger beschreibt Antisemitismus als bedürfnisstillend. Das funktioniert seit dem 7. Oktober wunderbar und auch sehr effizient! Denn der Konflikt ist gerade Thema Nummer 1 und sich als “Pro-Palästina” (was auch immer das bedeuten soll) zu positionieren, gehört zum guten Ton. Denn der Nahe Osten ist eine Projektionsfläche, in der das Wort Jude durch Zionist, Kolonialist oder Weltherrscher beliebig ersetzt wird. Plötzlich werden auch wieder Brücken der Verständigung zum rechten Lager gebaut. Und so bleibt die Welt normal, die Enkel von HJ-Heinrich und BDM-Herta können auf linke Demos gehen und „Free Palestine from German Guilt“ rufen und niemand findet das komisch. Gemeinsam mit AfD und FPÖ lässt sich so auf ein Ende des Schuldkults hoffen. Kunststudis können links sein, sogar gegen den “national-zionistischen” Staat aufrufen und gleichzeitig die Schuldgefühle wegen der nicht so attraktiven Familiengeschichte loswerden. Es ist also alles beim Alten. Von Antisemitismus wollen sie nichts hören, denn der ist in Wirklichkeit eine rassistische Silencing-Strategie gegen Palästinenser:innen und ihre europäischen Repräsentant:innen, Paul und Chiara.

Die Historikerin und Antisemitismusforscherin Isolde Vogel spricht dabei vom Antisemitismus in der liberalen Kunst- und Kulturwelt unter anderem als genau das: Selbstverleugnend. Sei es der Skandal um die documenta15, bei der die Gruppe ruangrupa auch nach der Entfernung des judenfeindlichen Kunstwerks noch damit beschäftigt war, die gegen sie gerichteten Antisemitismusvorwürfe abzuwehren, oder bei jeder antiisraelischen Demonstration der letzten Wochen und Monate, bei denen es immer heißt, gegen Jüdinnen und Juden haben wir nichts, aber Zionisten sind Faschisten. Interesse an Selbstreflexion ist dabei kaum ersichtlich. Antisemit:innen sind eben immer die anderen.

Sashi Turkof

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