And it came out of the closet… again – Keshet Revival

And it came out of the closet… again – Keshet Revival

Keshet ist zurückgekommen, doch warum genau jetzt und wie schaffen wir es, dass dies auch so bleibt? Für alle, die sie noch nicht kennen: Keshet Österreich ist eine Organisation, die wir vor zwei Jahren gegründet haben. 

Es war klar, dass es in Österreich einen dezidiert queeren jüdischen Space geben muss. Keshet bedeutet auf Hebräisch Regenbogen und ist eine weltweite Organisation, die endlich auch, nach guter österreichischer Tradition, ein paar Jahrzehnte zu spät in Wien angekommen ist. 

Homophobie, Queerfeindlichkeit und Transphobie sind gesellschaftsordnende Elemente. Cisgeschlechtliche Heteronormativität ordnet unsere Gesellschaft. Damit ist gemeint, dass der „default state“, davon ausgeht, dass alle hetero sind und sich in dem Körper wohlfühlen, mitdem sie geboren sind. Dem ist halt, wie wir wissen, einfach nicht so. Könnte uns wurscht sein, ist es aber nicht. Oft wird mit Religion argumentiert, dass “das” so nicht sein sollte. Aber es geht um mehr. Die Welt ist in Ordnung, solange Manderl auf Weiberl steht, Weiberl auf Manderl und alle Manderl oder Weiberl sind. Wenn diese imaginäre Grenze überschritten wird, kommen Weltbilder ins Wanken, die einem die eigene Sicherheit nehmen. So sind auch Homophobie und Queerfeindlichkeit zu verstehen. Es wird angenommen, dass Gewalt gegen queere Personen, egal ob physisch oder psychisch, diese Weltordnung wiederherstellt . Sie ist eine Form der sozialen Sanktion. Sie ist eine Form der Vernichtung und Gefährdung. Durch homophobe Gewalt werden diejenigen, die sie trifft, auf ihren vermeintlich rechtmäßigen Platz verwiesen. Und das sehen wir überall auf der Welt. Keshet hat es sich zur Aufgabe gemacht, vor allem für queere Jüdinnen und Juden ein Safe Space zu sein und gegen diese Gewalt, wo auch immer sie auftritt, anzukämpfen. Politischer Aktivismus kostet Kraft. Kraft, die wir nicht aufbringen konnten. Doch wir sind wieder zurück. Warum, fragt ihr euch?

Vorkommnisse, die nicht vorkommen sollten

Die Jugendabteilung der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), kurz JUKO, veranstaltete im März ein Fußballturnier, in dem die verschiedenen jüdischen Jugendorganisationen gegeneinander antraten. Dies ist ein jährliches Event und hat den Zweck, die verschiedenen Jugendorganisationen einander näherzubringen und Brücken zu bauen. Während des Turniers kam es jedoch zu homophoben Beleidigungen, in denen Spieler als „Schw*chtel“ beleidigt wurden und die mitgebrachte Flagge – eine Pride-Flagge mit Magen David – der Jugendorganisation Hashomer Hatzair von Teilnehmer:innen anderer Jugendorganisationen bespuckt wurde. Daraufhin gab es interne Gespräche mit dem Dachverband der Jugendorganisationen, die, so scheint es, nicht wirklich gefruchtet haben. Der Hashomer Hatzair hat daraufhin Konsequenzen gezogen und ist mit dem Fall, in Form eines Instagram Statements mit dem Titel ”Kein Platz für Homophobie – Schon gar nicht in unserer Gemeinde”, an die Öffentlichkeit gegangen. Diese Vorgehensweise kann kritisiert werden, jedoch hat sich in den Kommentaren eine Form des queerfeindlichen Hasses ausgebreitet, die bis dato unbekannt war. Es wurde heiß diskutiert, wer sich als jüdisch bezeichnen darf und wer nicht. Jüdinnen und Juden wurde abgesprochen, queer zu sein, queeren Personen wurde abgesprochen, jüdisch zu sein. Levitikus wurde ausgepackt, als wäre es eine Trumpfkarte, die jede Anprangerung der Homophobie in der jüdischen Gemeinde mundtot machen sollte. “Stop trying to normalise sick things” war eines unserer persönlichen Highlights in den Kommentaren. Die Lage war, gelinde ausgedrückt, angespannt. 

Wie soll man damit umgehen? Um eines vorwegzunehmen: Homo- und Transphobie sowie Queerfeindlichkeit sind kein jüdisches Problem. Wir sehen das Phänomen in allen Kulturen. Wir nehmen wahr, wie überall auf der Welt die Rechte queerer Menschen eingeschränkt werden. Oft im Namen der Religion. Leute dürfen so religiös sein, wie sie religiös sein möchten. Das steht nicht zur Debatte, doch wie damit umgehen, wenn religiöse Menschen plötzlich im Namen ihres Glaubens queeren Personen das Existenzrecht absprechen? Diskutieren bringt selten etwas. Überzeugungsarbeit ist anstrengend und die wenigsten Menschen haben Kapazitäten dafür. Wir sind davon überzeugt, dass wir eine Form von counter culture aufstellen müssen. Räume schaffen, in denen queere Jüdinnen und Juden sie selbst sein dürfen, sich auch religiösen oder areligiösen Themen widmen können und dort nicht der Diskriminierung ausgesetzt sind. Die meisten queeren Jüdinnen und Juden haben eine Form der Ausgrenzung und des Hasses erfahren, egal, in welcher Welt sie sich bewegen. Zu jüdisch für die queere Welt, zu queer für die jüdische Welt. Klingt plakativ und wie ein schlechter Poetry Slam, ist aber meistens leider die Wahrheit. Queer und jüdisch zu sein, bedeutet immer noch, dass man für die Koexistenz beider Identitäten kämpfen muss. Und eine alleine ist schon schwierig genug. 

Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass der 7. Oktober für alle eine enorme Belastung war. Verblendete Palästinasolidarität, die in Terrorverherrlichung mündet, hat eine Bewegung geschaffen, in der viele queere Räume, aufgrund des latenten und offenen Antisemitismus, nicht mehr sicher sind. Viele queere Jüdinnen und Juden haben Angst, sich auf Dating-Apps – bis heute eine der wenigen Möglichkeiten, wie queere Menschen sich treffen und vernetzen – als jüdisch zu outen. Es gibt zu wenig Platz. Homophobie, Transphobie, Queerfeindlichkeit und Antisemitismus sind Dauerbrenner. Trotz dieses Missstands, oder gerade deswegen, müssen wir uns wieder organisieren. Wir müssen uns den Platz am Tisch holen, der uns zusteht. Und wenn nicht, müssen wir unseren eigenen Tisch zimmern (hat auch Beyoncé schon gesagt). 

Queer Joy

Ganz lange, bevor Netflix queere Charaktere zum Status Quo gemacht hat, gab es einen gay trope in Fernsehsendungen. Queere Personen haben nie ein Happy End bekommen, meistens sind sie gestorben. Für viele war es nicht denkbar, dass es so etwas wie queer joy überhaupt geben könnte. Aufgrund der fehlenden Repräsentation, der gesellschaftlichen Zustände und aber auch der “Aids-Krise”. Wenn wir aber eines gelernt haben, dann ist es das: Queere Menschen mussten schon immer für ihr eigenes Leben kämpfen. Ein Leben in Würde und ein Leben, das es wert war, gelebt zu werden. In allen Bereichen, wo auch immer sie waren und wann auch immer sie waren. Auch Heute noch.

Keshet ist tot, lang lebe Keshet

Wir wollen wieder starten, aber dafür brauchen wir Unterstützung. All hands on Deck. Wir wollen, dass Leute sich bei uns melden. Wir werden demnächst ein offenes Treffen veranstalten für alle, die Lust und Laune haben, bei uns mitzumachen. Wir wollen Keshet der nächsten Generation übergeben. Es braucht junge, motivierte Leute! Eine politische Organisation wieder ins Leben zu rufen, ist keine leichte Aufgabe. Wir sind uns dessen bewusst und versuchen dennoch, es zu tun. Dies geht jedoch nicht ohne die vielen queeren jüdischen Personen, die es gibt. Wir ermutigen euch, laut zu sein und für euch selbst einzustehen. Aus Erfahrung können wir euch sagen: Wenn ihr es selbst nicht tut, dann tut es niemand. Jetzt ist nicht die Zeit, um sich zu verstecken. Jetzt ist die Zeit, sich zu mobilisieren und laut zu sein. Meldet euch bei uns auf Instagram @keshet_at. Seien wir laut für ein Leben, in dem alle Platz am Tisch haben. Wie eine Orange am Seder-Teller. Schaffen wir einen Raum, in dem wir uns austauschen können und unsere Queerness und unser Jüdisch-Sein zelebrieren können. Denn darum geht es auch. Der Kampf für Freiheit und Emanzipation ist wichtig, aber man sollte eines nicht vergessen: Wir sind hier, um zu bleiben.

Euer Keshet-Team ❤

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