Hashomer Hatzair und der einsame Kampf gegen Hass und Ungerechtigkeit

Hashomer Hatzair
und der einsame Kampf
gegen Hass und Ungerechtigkeit

Hashomer Hatzair sind nicht nur vier Worte auf Hebräisch (auf Deutsch: Der Junge Wächter), sondern es ist auch der Name einer Jugendbewegung, die 1913 in Wien gegründet wurde. Seit jeher ist die Bewegung säkular-jüdisch, zionistisch und sozialistisch eingestellt. Dies sind die drei Säulen, die unsere Bewegung seit ihrer Gründung ideologisch tragen. Heute ist der Hashomer Hatzair (kurz: Shomer) weltweit verbreitet. Ob in Australien oder den USA, in der Ukraine, oder seit kurzem auch in Usbekistan, der Shomer ist überall und ständig aktiv und an vorderster Front, um unsere Welt zu verbessern. In der Wiener jüdischen Gemeinde ist der Shomer zwar als älteste zionistische Bewegung bekannt, jedoch ist Zionismus nicht das Einzige, wofür man unsere Organisation kennt. Vielen Gemeindemitgliedern fällt etwa unsere politische Haltung auf, Einigen nicht immer positiv. Die jüdische Gemeinde Österreichs (kurz IKG: Israelitische Kulturgemeinde) wird seit mehr als 20 Jahren von der konservativen Partei ATID geleitet. Unter der IKG steht die Jugendkommission (JUKO), welche der jüdischen Jugend und ihren Vereinen (auch dem Shomer) Ressourcen zuteilt. Neben dem Shomer gibt es in Wien noch einige andere Jugendorganisationen wie Bnei Akiva, Jad Bejad, Club Chai und BBYO. Diese sind entweder modern orthodox, rechtskonservativ und/oder total unpolitisch. Demnach ist der Shomer die einzige jugendliche, linke und säkulare Stimme in der jüdischen Gemeinde Wiens.

Wofür wir stehen

Unsere wöchentlichen Treffen werden von der Bogrut geleitet. Hier ist das Wort für Jugendautonomie schrittgebend, denn die Bogrut besteht aus Jugendlichen im Alter zwischen 16 und 18 Jahren. Neben den wöchentlichen edukativen, spielerischen und sozialen Aktivitäten legen wir großen Wert darauf, die Kinder und Jugendlichen sozialpolitisch zu bilden: Wir fördern das Demokratieverständnis intern durch Programme und Prozesse, an denen sich auch unsere Jüngsten beteiligen können. Sogar der Name des Wiener Kens (des Ortes, an dem die Aktivitäten stattfinden), Ken Tel Amal, wurde basisdemokratisch beschlossen. Aktivismus drücken wir auch durch externe Tätigkeiten aus, wie zum Beispiel die organisierte Teilnahme an Demonstrationen und Kundgebungen zu Themen wie “Gegen Schwarz-Blau”, “Für Menschenrechte”, “Für die Wahrung der Demokratie in Israel” und “Für die Rechte der LGBTQ+-Community”. So kann man die Shomer-Flagge seit vielen Jahren auch auf der Regenbogenparade finden, insbesondere die Variante unserer Flagge mit einem Shomer-Davidstern auf einem Regenbogen-Hintergrund.

Ein Safe Space für queere Jüdinnen und Juden

Einer der wichtigsten Komponenten unserer Aktivitäten ist es, einen Safe Space für Kinder und Jugendliche zu schaffen. Wir sind der festen Überzeugung, dass es diesen benötigt, um unseren Kindern und Jugendlichen Inhalte nachhaltig überliefern zu können. Diesen Safe Space muss es auch für queere Personen geben, da ihnen dieser in anderen Räumen oft verwehrt bleibt. Natürlich ist uns bewusst, dass auch unsere Mitglieder Teil einer Gesellschaft sind, in der Queerfeindlichkeit weiterhin in vielen Strukturen verankert ist. Im Gegensatz zu anderen haben wir uns jedoch dafür entschieden, Maßnahmen gegen diese Probleme zu setzen. Zum einen haben wir einen Posten eingeführt, der Rosh Keshet (auf Deutsch: Regenbogen) genannt wird. Dieser ist dafür verantwortlich, Programme und Ideen in unsere Aktivitäten zu integrieren, die für einen gestärkten Safe Space sorgen, insbesondere für unsere LGBTQ+-Mitglieder. Dazu legen wir großen Wert darauf, das Thema Queerness in unseren Aktivitäten zu behandeln. Um das zu tun, gehen wir auch jedes Jahr mit den Kindern und Jugendlichen auf die Regenbogenparade. Dabei ist es uns wichtig, das auch öffentlich zu zeigen, um den Kindern zu vermitteln, dass man Queerness und Allyship offen feiern kann. 

Homophobie und Queerfeindlichkeit beim
Hallenfußballturnier 

Jedoch sind nicht alle Gemeindemitglieder dieser Meinung. Weil der Großteil der IKG in einem Interessenkonflikt mit unserer Ideologie steht, wird es wohl keine Überraschung sein, dass wir reichlich Gegenwind erfahren haben. In den vergangenen Jahren war es oft der Fall, dass Anfeindungen in Bezug auf Queerness gegen unsere Aktivitäten stattgefunden haben. Ob in der Kommentarleiste auf Instagram oder bei Versammlungen der Gemeinde – die Unzufriedenheit mit unserem Verhalten wurde ausgiebig Nachdruck verliehen. Doch den Höhepunkt stellte das JUKO-Hallenfußballturnier am 3. März 2024 dar. Wir brachten unter anderem auch LGBTQ+-Flaggen zum Turnier, insbesondere die bereits erwähnte Regenbogenflagge, die mit dem Shomer-Davidstern geschmückt ist, was zu großer Aufregung führte. So wurden unsere Mitglieder mehrmals als „Schw*chteln“ beleidigt, es wurde versucht, unsere Regenbogenflaggen von den Trennnetzen herunterzureißen und es wurde gar verweigert, unseren Mitgliedern die Hände zu schütteln, denn „Schwulen schüttelt man nicht die Hand“. Ein Armutszeugnis für diejenigen, die für deren Erziehung verantwortlich sind. Trotz unserer Versuche, die verantwortlichen Gemeindefunktionäre auf das Verhalten der anderen aufmerksam zu machen, kam es lediglich zu Ermahnungen und Aufforderungen, sich bei uns zu entschuldigen. Einen Spielverweis oder Ähnliches gab es nicht.

Das Nachspiel

Nach einigen Gesprächen und Meetings mit verschiedensten Gemeindefunktionär:innen war uns klar, dass es scheinbar niemandem (außer uns) ein Anliegen ist, Queerfeindlichkeit in der Gemeinde ordentlich zu bekämpfen. Also beschlossen wir, uns öffentlich mit den betroffenen Menschen solidarisch zu zeigen und posteten ein Statement, welches klare Forderungen an die Gemeinde beinhaltete. Dieser Post führte zu einer Explosion queerfeindlicher Kommentare, unter anderem etwa die Gleichsetzung von Homosexualität mit sexueller Belästigung oder Aussagen wie „Stop normalizing sick things“ einer angehenden Lehrerin. Im Zuge der Aufarbeitung dieser Vorfälle haben sich einige Privatpersonen, sowie die Organisationen JÖH und Keshet, eine internationale Organisation für queere Jüdinnen und Juden, die auch in Wien einen Ableger hat, mit unseren Aktionen solidarisiert. Allerdings kamen von den Entscheidungsträger:innen der Gemeinde keinerlei nennenswerte Versuche, das strukturelle Homophobieproblem anzuerkennen und schon gar nicht, es effektiv zu bekämpfen. Die Bewegung Hashomer Hatzair hat seit ihrer Gründung die Wichtigkeit ihrer erzieherischen Arbeit verstanden und hat stets dafür gekämpft, die Welt zu einem besseren Ort für alle zu machen. Auch heute sehen wir, dass unsere Arbeit dringend benötigt wird. Selbst wenn sich alle anderen Stimmen der Konformität hingegeben haben und alle anderen Köpfe sich vor ihr verneigt haben, bleiben wir stark, mutig und gerecht.

Kwutza Shomria 

Für Hashomer Hatzair

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