Stolzer Protest
Die Jerusalem Pride Parade und der Widerstand gegen ultraorthodoxe Repression – ein persönlicher Einblick
In einem ultraorthodoxen Stadtteil Jerusalems aufzuwachsen, bedeutete für mich bis zu meinem zehnten Lebensjahr, nichts außerhalb der heterosexuellen Matrix zu kennen. Zwischen 2002, als die Jerusalem Pride Parade in meiner Stadt zum ersten Mal stattfand und dem Jahr 2005, als Yishai Shlisel zum ersten Mal versuchte Teilnehmende abzustechen, protestierten die haredi (ultraorthodoxen) Gemeinden in Jerusalem jedes Jahr ausgiebig gegen die „abscheuliche” Parade. Als Kind habe ich nie verstanden, was diese Abscheulichkeit war, über die so hitzig diskutiert wurde. Im wahrsten Sinne des Wortes; eine beliebte Form des Protestes war damals das Anzünden von Müllcontainern in der Stadt, der Geruch von brennendem Müll hielt tagelang an. Bis ich schließlich mit ein paar Freund:innen in einem Park saß und einer von ihnen mir erklärte, dass die Parade für Jungen war, die Jungen heirateten und für Mädchen, die Mädchen heirateten. Diese simple Idee ließ meinen kleinen Verstand explodieren.
Die Ultraorthodoxen haben nach ein paar Jahren aufgehört zu protestieren. Sie erkannten, dass sie genau das Gegenteil erreichten und indem sie gegen die queere Community vorgingen, verschafften sie ihr eine gewisse Präsenz in ihrer eigenen Gemeinde. Ich war nicht das einzige Haredi-Kind, das auf diese Weise mit der Idee von Queerness in Berührung kam.
Eine tragische Zäsur
Seitdem hat die Gegenbewegung die alternative Haltung eingenommen, am Tag der Parade den Kopf zu senken und ja nicht hochzuschauen. Sie akzeptierten ihr Stattfinden in keiner Weise, versuchten aber auch nicht sich dagegen zu wehren. Die Dinge blieben ruhig bis 2015, ein Jahr, das uns auf tragische Weise in Erinnerung bleiben wird, als ein Jahr in dem die 16- jährige Shira Banki ermordet wurde, weil sie nichts anderes tat, als Liebe zu verbreiten. Das Verbrechen nach der Schule mit Freund:innen zu einer Pride Parade zu gehen, sollte in den Augen von Yishai Shlisel mit dem Tod bestraft werden. Die Jerusalemer Parade sollte nie wieder dieselbe sein. In den darauffolgenden Jahren gab es zwar einen Anstieg der Teilnehmenden, aber es gab auch andere, weniger positive Veränderungen.
Wir lassen uns Jerusalem nicht wegnehmen
Die Sicherheitsvorkehrungen, unter denen die Parade nun stattfindet, sind unglaublich. Ähnlich wie an Flughäfen nach dem 11. September wurden die Sicherheitsvorkehrungen bei der Parade nach der Ermordung von Shira Banki verschärft. Es gibt zwei Kontrollpunkte, an denen die Menschen ein- und ausgehen können, der Rest ist eingezäunt. Die Gassen rund um die Hauptstraße, auf der die Parade stattfindet, werden im Voraus abgesperrt. Autos sind nirgendwo erlaubt und selbst Fußgänger:innen dürfen nur eingeschränkt passieren. Die größte Ironie des Ganzen besteht darin, dass die Polizei, die die Veranstaltung überwacht, nicht dafür bekannt ist, besonders freundlich gegenüber der queeren Community eingestellt zu sein. Viele der Beamt:innen sind konservative, homophobe Fanatiker:innen und dennoch haben sie für einen Tag im Jahr die Aufgabe, genau die Leute zu bewachen, die nicht in ihr Weltbild passen. Eine weitere hässliche Seite der Jerusalemer Pride Parade ist die Beast Parade, die direkt gegenüber stattfindet. Sie wird von rechtsextremen und religiösen Gruppen angeführt. Itamar Ben-Gvir und Bezalel Smotrich waren stolze Anführer dieser Gegendemonstration, bis Ben-Gvir letztes Jahr zum Minister für Öffentliche Sicherheit ernannt wurde. Sie erscheinen jedes Jahr mit großen Bannern, auf denen queerfeindliche Zitate aus der Torah stehen und sie gehen sogar so weit, Esel und Hunde mitzubringen, um zu visualisieren, was sie von der LGBTIQ+-Gemeinschaft halten. Das ist vulgär und einschüchternd, wird aber die stolzen queeren Menschen nicht davon abhalten, dafür zu sorgen, dass jeder:m klar wird, dass auch sie ein Recht auf Raum in ihrer Stadt haben. Dass jeder schwule Junge und jedes lesbische Mädchen, der:die in einem religiösen Elternhaus aufwächst, ob jüdisch oder muslimisch, weiß, dass er:sie einen Platz in Jerusalem hat. Sie müssen nicht nach Tel Aviv ziehen, um gesehen und akzeptiert zu werden. Die Jerusalemer Pride Parade war schon immer politisch. Sie war immer mehr ein Protest als eine Party. Es gibt nicht viel Musik oder Tanz, keine Wägen mit Markennamen, die versuchen aus Queerness Kapital zu schlagen.
Wo Rabbiner, Mütter und Friedensaktivist:innen zusammenkommen
Die Parade ist der Ort, an dem man einen Rabbiner sieht, der ein kleines Schild mit der Aufschrift „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ hochhält. Hier gibt es eine Organisation von Müttern, die Umarmungen und Aufkleber mit der Aufschrift „Jeder braucht die Liebe der Eltern“ verteilen. Hier laufen Gruppen religiöser Schwuler mit einem großen Lautsprecher, aus dem Lieder von Avraham Fried, einem ultraorthodoxen Sänger, dröhnen, neben Gruppierungen, die rosa T-Shirts mit dem Slogan „LGBTIQ+ gegen Diktatur & Pinkwashing“ tragen, Handtrommeln spielen und „Stoppt die Besatzung“ rufen. Die extremen Meinungsverschiedenheiten auf so engem Raum sind meiner Meinung nach eine Besonderheit Jerusalems und machen das Ganze so einzigartig. Für mich ist es jedes Mal überwältigend dabei zu sein. Viele Menschen entscheiden sich, nicht teilzunehmen, einige, weil sie um ihre persönliche Sicherheit besorgt sind und andere, weil sie nicht in einer Stadt marschieren wollen, in der alleine die Existenz von Queerness so eindeutig abgelehnt wird. Dementsprechend sind die Menschen, die dort mitgehen, Personen, die unbedingt dabei sein wollen. Individuen, denen es am Herzen liegt, dass es trotz der Widerstände eine stolze Präsenz queerer Menschen in dieser Stadt gibt. Und das spürt man während der gesamten Parade. Auf der Jerusalem Parade mitzugehen, ist eine familiäre Erfahrung. Man geht mit Schwestern und Brüdern, die Ideale teilen und denen sie genauso am Herzen liegen wie einem selbst. Sie setzen ihre eigene Sicherheit aufs Spiel, um ihre Überzeugungen sichtbar zu machen. Dies ist der eine Tag im Jahr, an dem meine Stadt voller Liebe, Fürsorge und gleichgesinnter Menschen ist, die versuchen etwas zu bewirken. Das ist ein Tag, den ich mir in der Stadt, in der ich aufgewachsen bin, niemals entgehen lassen werde und ich kann nur jeder:m empfehlen, einmal teilzunehmen. Es ist ganz anders als die Paraden in Tel Aviv oder Haifa, die wunderschön und farbenfroh sind. Doch hier in Jerusalem geht es darum, selbstbestimmt und stolz aufzustehen und allen zu zeigen, dass diese Stadt auch uns gehört.
Leah Steinberger
übersetzt aus dem Englischen von Sophie Orentlikher