A.I. as in: alles irgendwas
„du bist dran” lese ich im share button und denke „dafuq ist das schon wieder?”, als ich das ki-generierte bild mit den worten „all eyes on rafah” sehe.
aha, schon wieder wurde ein neues level an peinlicher gruppendynamik unlocked, schon wieder ein weiteres werkzeug entwickelt, um sich selbst in den mittelpunkt zu stellen und dabei ernsthaft zu glauben, man sei in irgendeiner weise aktivistisch, weil man sich einen augenklick (see what i did there?) lang mühe gegeben hat. zu diesem zeitpunkt weiß ich noch nicht, dass ich dieses bild tagelang überall sehen werde und es zu einem symbol für den inhalts- und sinnlosen online grind wird, den wir seit dem 7. oktober 2023 durchgehend erleben.
zwischen A.I. und WTF
ich bin mir zwar sicher, dass alle sehr genau wissen von welchem bild die rede ist, aber hier eine kurze beschreibung, was darauf zu sehen ist: das bild, das auf allen sozialen plattformen viral ging, zeigt ein zeltlager von geflüchteten inmitten einer wüsten-kulisse, umgeben von bergen, auf denen schnee liegt. einige der zelte stehen so zusammen, dass sie zusammen die worte „all eyes on rafah“ ergeben.
das ki-generierte bild wurde alleine auf instagram innerhalb von nur zwei tagen weit über 40 millionen mal geteilt – auf der ganze welt gibt es btw knapp 17 millionen judis. ich weiß nicht genau, wie viele shares es schlussendlich auf allen plattformen kumuliert waren, aber so viel ist klar: es sind zu viele.
YOUR SILENCE IS COMPLICIT!!!11!!!!11!
denn unabhängig davon, was man inhaltlich von dem ki-bild halten möge, steht es für eine art des vermeintlichen engagements, das wir in dieser taktung und art seit dem 7. oktober 2023 so noch nie erlebt haben. immer wieder werden neue theorien, „fakten”, videos und bilder geteilt, die irgendetwas beweisen oder rechtfertigen sollen. nichts zu den ziOnisTe … äh … juDeN … äh israel posten? unmöglich. vor allem beim thema nahost bleiben menge und vielfalt dieser art von beiträgen ungeschlagen – und erschlagend. das hat viele gründe. oder vielleicht hat es auch nur einen und der nennt sich antisemitismus. aber wer weiß das schon so genau? kann natürlich auch alles reiner zufall sein.
das ki-generierte bild ist (für mich) jedenfalls zum stellvertretenden symbol des peak-performativen online-aktivismus geworden, den ich gerne unter anführungsstriche setzen möchte, weil das alles so unangenehm passiv ist, dass es wirklich nichts mit aktivismus zu tun hat. es ist „aktivismus”, der zu 100 prozent einem selbstzweck dient.
aber zurück zu ki-generierten share pics und weshalb sie generell so erfolgreich sind: zum einen sind sie einfach da und man muss weder selbst recherchieren noch etwas formulieren, um sich zu positionieren. zum anderen machen sie user:innen dadurch ganz einfach und schnell zum teil der bewegung, zum teil von etwas großem. endlich nicht mehr silent, endlich nicht mehr complicit – toll. das problem daran ist allerdings, dass es – wie so vieles, das seit dem 7. oktober 2023 passiert – ausschließlich etwas für die eigenen befindlichkeiten und das eigene standing tut. denn weder war das ki-bild an einen link gekoppelt, der zu spendenaktionen von hilfsorganisationen geführt hätte, noch gab es inhaltliche aufklärung. auch mit community care hatte das alles nichts zu tun, denn weder sorgte das ki-bild für relief, noch für irgendeine art von halt. das einzige, was ein share also brachte, war zu zeigen, dass man *dabei* ist. 24 stunden lang konnte man allen präsentieren: ich bin oN thE riGht siDe oF hiStorY. und das reicht den meisten ja schon.
betroffen fühlen vs. betroffen sein
seit dem 7. oktober 2023 beweisen leider sehr viele menschen in aller regelmäßigkeit, dass es ihnen weniger darum geht, für etwas oder jemanden zu sein, sondern dass es eher darum geht, sich gegen etwas zu stellen. das ist auch viel einfacher, denn ausschluss ist per se weniger aufwändig als die komplexität der berücksichtigung mehrerer perspektiven auszuhalten. und es macht vermutlich auch mehr stimmung auf den eigenen kanälen, öl ins feuer zu gießen – zum beispiel mit ki-bildern – als gleichzeitigkeiten anzunehmen, schmerz aller betroffenen anzuerkennen, seine eigenen motive zu hinterfragen und zu überlegen, welche rolle man als sinnvoll einnehmen könnte. vor allem als nicht direkt betroffene person (kleiner input: sich betroffen zu fühlen und betroffen zu sein, ist nicht dasselbe). wer nicht direkt betroffen ist, sollte nicht mit aller kraft und 437 instagram stories pro tag versuchen, der eigenen identität mehr spice zu verleihen und sich zu eben so einer person zu stilisieren. sinnvoller wäre es zum beispiel räume zu schaffen, in denen direkt betroffene ihren schmerz verarbeiten und man miteinander in den austausch gehen kann. das ist nämlich unglaublich schwer, wenn man tatsächlich betroffen ist und es braucht dafür ein netzwerk, das dabei unterstützt, solche räume zu schaffen.
großes nichts
das ki-bild wurde also millionenfach geteilt. und danach? … passierte nicht viel. das share pic ging für eine knappe woche viral, alle hatten für einen kurzen augenblick ihre digitalen „eyes on rafah“ und waren sich einig, dass sie sich wieder gut gegen die white colonizer durchgesetzt hatten. dann verschwand das bild wieder genauso schnell, wie es gekommen war. das ist btw mein größter kritikpunkt an dieser art des „aktivismus”: er tut nichts, außer weiteren hass zu schüren. er bewegt nichts, außer die eigenen followerzahlen. er müllt das internet zu, lenkt dadurch von wirklich wichtigen inhalten ab, erstickt diskursmöglichkeiten, die dringend nötig wären und verkürzt narrative so lang, bis nichts mehr übrig bleibt, außer ein „du bist dran”.
ruth__lol