Palästina-Solidarität und Selbstaufgabe im Bann des islamistischen Märtyrerkults

Palästina-Solidarität und Selbstaufgabe im Bann des islamistischen Märtyrerkults

Linke Gruppen im Westen haben sich der fundamentalistischen Logik und Sprache der Hamas teilweise so weit angenähert, dass sie kaum noch von dieser zu unterscheiden sind. Handelt es sich hierbei um einen Akt der performativen Selbstaufgabe zugunsten einer von Widersprüchen bereinigten Fantasie, oder wie kann diese Dynamik sonst gedeutet werden?

Am 25. Februar 2024 setzte sich der US-Luftwaffensoldat Aaron Bushnell aus Protest gegen den Krieg im Gazastreifen vor der israelischen Botschaft in Washington, D.C., selbst in Brand und erlag kurze Zeit später seinen schweren Verbrennungen. In einem Live-stream, mit dem er seine Protestaktion dokumentierte, erklärte Bushnell, sein Opfer sei angesichts des täglichen Leids der palästinensischen Bevölkerung nur ein geringer Preis.

Es dauerte nicht lange, bis der tragische Tod des 25-Jährigen von einschlägigen Akteur:innen in eine Märtyrererzählung eingebettet und mit ideologischer Bedeutung aufgeladen wurde. Die Terrororganisation Hamas erklärte in einer Stellungnahme, der Verstorbene habe sich durch diesen „heroischen Akt“ unsterblich gemacht. Auf Kanälen der PFLP wurde Bushnell als jemand gewürdigt, der das „höchste Opfer“ für die palästinensische Sache gebracht habe und damit die „größte Auszeichnung“ verdiene.

Auch vonseiten der globalen Solidaritätsbewegung mit der palästinensischen Bevölkerung kamen erste Stimmen, die dem tragischen Selbstmordakt Bedeutung zu verleihen suchten. So erklärte unter anderem der einflussreiche palästinensische Aktivist Mohammed el-Kurd in einem Video, Bushnells Selbstverbrennung sei als „Handlungsaufruf“ zu verstehen, sich nicht länger am „israelischen Genozid“ zu beteiligen. Die „Selbstaufgabe“ erinnere daran, dass gegenwärtig nicht genug unternommen werde, um das Leiden im Gazastreifen zu beenden.

Aneignung der Logik und Sprache der Hamas

Tragische Vorfälle wie die Selbstverbrennung von Aaron Bushnell und die darauffolgenden Reaktionen verdeutlichen eine bedenkliche Entwicklung innerhalb pro-palästinensischer Protestmilieus. Seit Beginn des Gaza-Kriegs ist zu beobachten, dass der Aktivismus gegen Israel zunehmend von Widerstandsrhetoriken geprägt ist, die den Märtyrerkult islamistischer Organisationen nachahmen und in ihrer Logik fatale Konsequenzen nach sich ziehen.

Im Oktober 2023 erregten die “Students for Justice in Palestine” an der George-Washington-Universität Aufsehen, indem sie die Hamas-Parole „Ehre unseren Märtyrern“ an die Fassade der Campus-Bibliothek projizierten. Eine Parole, die auch zu einem häufig verwendeten Slogan bei Demonstrationen geworden ist, ungeachtet der Tatsache, dass damit die Glorifizierung eines bedingungslosen Kampfes bis zur Selbstaufgabe, einschließlich Selbstmordattentaten gegen israelische Zivilist:innen, propagiert wird.

Selbst wenn man der israelischen Regierung das Schlechteste unterstellt, bleibt es erklärungsbedürftig, dass sich selbst als progressiv verstehende Kräfte im Westen der fundamentalistischen Logik und Sprache der Hamas teilweise so weit angenähert haben, dass sie kaum noch von dieser zu unterscheiden sind. Es sollte doch klar ersichtlich sein, dass ein deutlicher Unterschied zwischen dem Betrauern des Leids der palästinensischen Zivilbevölkerung und der Propagierung eines islamistischen Märtyrerkults besteht, der dem Sterben nachträglich Sinn zu verleihen versucht und es in den Dienst einer „großen Sache“ stellt.

Darüber hinaus ist es mittlerweile keine Seltenheit mehr, dass führende Köpfe der Hamas und der Hisbollah unter Verweis auf ihr vermeintlich heroisches Märtyrertum, von Kreisen in Europa und den USA betrauert werden, die sich auf der Seite der Unterdrückten wähnen. Dabei wären gerade sie die Ersten, die unter die Räder der islamistischen Herrschaft kämen, unter der die palästinensische Bevölkerung und insbesondere Frauen, Oppositionelle und Minderheiten tagtäglich leiden müssen.

Autoritärer Kampf gegen die Moderne

Um die Widersprüchlichkeit der Aneignung des Märtyrerkults durch progressive Kreise zu verstehen, ist es wichtig, einen genaueren Blick auf den Todeskult der islamistischen Hamas zu werfen. Dieser ist nicht nur eng mit ihrem eliminatorischen Antisemitismus verbunden, sondern dient auch als ideologische Rechtfertigung für die Unterdrückung und Verfolgung der eigenen Bevölkerung.

Lange vor dem UN-Teilungsplan von 1947 und dem Beginn des arabisch-israelischen Konflikts im engeren Sinn, formulierte die in Ägypten gegründete „Muslimbruderschaft“ 1928 die ideologischen Grundpfeiler, auf die sich die Hamas bis heute beruft. Hassan al-Banna, der Gründer der Muslimbrüder, verstand seine Organisation als islamische Erweckungsbewegung gegen die als dekadent empfundene westliche Dominanz, die durch die britische Kolonialherrschaft und die militärische Niederlage des Osmanischen Reiches verstärkt wurde.

Die erlittene Demütigung sollte durch eine Rückkehr zu einer vermeintlich harmonischen, islamischen Orthodoxie mit patriarchaler Geschlechterordnung überwunden werden. Dies ging einher mit der radikalen Ablehnung von Liberalismus, parlamentarischer Demokratie, Frauenrechten und der kommunistischen Arbeiterbewegung. Zentrales Mittel des Programms war damals wie heute, der als heiliger Krieg gegen Ungläubige interpretierte Dschihad und die damit verbundene Ideologie des Märtyrertums. Diese programmatische Ausrichtung spricht für sich und sollte unabhängig von Parteinahme im Nahostkonflikt zu denken geben.

„… für Gott zu sterben unser höchstes Ziel“

Das zentrale Feindbild in diesem Kampf gegen die Moderne waren auch damals Jüdinnen und Juden, die als Sündenböcke für negative Entwicklungen herhalten mussten und als vermeintliche Drahtzieher:innen hinter der Moderne und den mit ihr verbundenen emanzipatorischen Bewegungen galten. So organisierten die Muslimbrüder bereits 1936 eine Boykottkampagne gegen jüdische Geschäfte in Ägypten und verbreiteten antisemitische Schriften, darunter arabische Übersetzungen von „Mein Kampf“ und den „Protokollen der Weisen von Zion“. 1939 verübten sie Bombenanschläge auf eine Kairoer Synagoge und private Häuser von Jüdinnen und Juden.

Für Hassan al-Banna und seine Muslimbrüder gab es kein höheres Ziel, als im Kampf gegen die Ungläubigen und für die Wiederherstellung der Scharia zu sterben. Dieses Ideal spiegelt sich im Leitspruch der Muslimbrüder wider: „Gott ist unser Streben, der Prophet unser Führer, der Koran unsere Verfassung, der Dschihad unser Weg und für Gott zu sterben unser höchstes Ziel.“ Die Figur des „Märtyrers“ war somit untrennbar mit Antisemitismus und der Ablehnung emanzipativer Bestrebungen verbunden und stellt auch heute noch die Blaupause für Selbstmordattentate gegen die israelische Zivilbevölkerung dar. 

Ein Blick in die Charta der Hamas von 1988 zeigt, dass ihr Todeskult der ägyptischen Vorlage in nichts nachsteht. In ihrer Ideologie gilt der gewaltsame Kampf gegen die Juden als religiöse Pflicht, der Märtyrertod im Dschihad als höchste Ehre. Ihr Ziel: Die vollständige Eliminierung jeglicher jüdischer Präsenz auf dem „heiligen Boden“ des Islams. Zur Erreichung dieses Ziels ist – wie nicht zuletzt am 7. Oktober 2023 deutlich wurde – selbst die unmenschlichste Gewalt ein legitimes Mittel. Dieselbe Gewalt richtet sich aber nicht nur gegen Jüdinnen und Juden, sondern auch gegen die eigene Bevölkerung, sofern diese sich nicht den autoritär-religiösen Vorstellungen der Hamas beugt.

Die Hamas macht darüber hinaus keinen Hehl daraus, dass das Leben der palästinensischen Zivilbevölkerung dem Heiligen Krieg vollständig untergeordnet ist. Yahya Sinwar, bekannt für sein brutales Vorgehen gegen Oppositionelle in Gaza, äußerte einst, dass „das Leben von 100.000 palästinensischen Zivilist:innen die Freipressung von 100 inhaftierten Kämpfern wert sei“. Ismail Haniyeh, ehemaliger Chef der Hamas, dankte nach dem Tod mehrerer seiner Familienmitglieder durch israelische Luftangriffe Gott dafür, ihnen „die Ehre des Märtyrertums“ gewährt zu haben. Weniger als einen Monat nach dem 7. Oktober betonte er, dass die Bewegung das „Blut der Frauen, Kinder und Alten von Gaza“ benötige, um den „revolutionären Geist“ zu entfachen. Und trotzdem wurden beide als “Märtyrer” für den palästinensischen Kampf auch im Westen heroisch betrauert. 

Linke Selbstaufgabe und Antisemitismus

Angesichts sinnlosen Leidens suchen Menschen verzweifelt nach Sinn und greifen zu drastischen Maßnahmen, um sich Gehör zu verschaffen. Gleichzeitig deuten der emotionale Ausnahmezustand, in dem sich bestimmte Aktivist:innen befinden, sowie die Wahl ihrer Mittel darauf hin, dass diese in einem apokalyptischen Endzeitkampf zwischen Gut und Böse gefangen sind, der mit der beschriebenen Realität wenig zu tun hat und vielmehr einer dichotomen und affektiv polarisierten Vorstellungswelt entspringt, die für die Propaganda islamistischer Organisationen außerordentlich anknüpfungsfähig ist. 

Um zu verstehen, warum sich als progressiv wahrnehmende Kräfte die Sprache des islamistischen Märtyrerkults zu eigen machen und sich nicht nur auf die Seite ihrer potenziellen Henker stellen, sondern diese als Helden eines glorreichen Widerstands feiern, sollte daher die widersprüchliche Ideenwelt und die darin investierten Emotionen in den Blick genommen werden. Wie sonst lässt es sich erklären, dass Aktivist:innen ihre Forderungen nach Pluralität der Lebensformen und individuellen Entfaltungsmöglichkeiten zugunsten eines apokalyptischen Kampfes um Blut, Boden und Ehre aufgeben?

Kaum ein Konflikt dieser Welt stillt das Bedürfnis nach komplexitätsreduzierenden Antworten und der eindeutigen Zuschreibung von Schuld so sehr, wie es der Konflikt im Nahen Osten tut. Ein Bedürfnis, das auch innerhalb der Linken weit verbreitet ist, die seit jeher von der Sehnsucht nach einem klaren revolutionären Kampf geprägt war. Auch ist es dabei kein Zufall, dass sich die einseitigen Schuldzuschreibungen gerade auf den einzigen jüdischen Staat beziehen und die autoritäre Revolte islamistischer Organisationen für viele attraktiver erscheint, als in einer von Widersprüchen gekennzeichneten Welt keine klaren Antworten auf komplexe Probleme zu erhalten. 

Das Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit und Schuldzuweisung mancher verlangt nach bedingungsloser Solidarität und radikalen Handlungen, mit denen sich Aktivist:innen vergewissern, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. In dieser selbstbezogenen Parteinahme wird zugleich jedes Mittel recht, auch wenn damit die eigene Selbstaufgabe oder eliminatorische Gewalt gegen Jüdinnen und Juden verbunden ist. Die Einsicht in die reaktionäre Programmatik der Hamas bleibt dabei genauso auf der Strecke wie die Erkenntnis, dass mit der Kultur des Märtyrertums das Leid der Menschen nicht beendet, sondern im Dienst einer lebensfeindlichen Pseudo-Utopie verewigt wird.  

Philipp Pflegerl

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