TV Show Review: Nobody Wants This (or do they?)

TV Show Review: Nobody Wants This (or do they?)

Die vor kurzem erschienene Netflix-Serie „Nobody Wants This“ hätte wahrscheinlich den perfekten Titel, wenn hinten dran noch ein Fragezeichen angehängt wäre. 

Für all diejenigen, die es noch nicht mitbekommen haben: Mashiach ist zurück! Adam Brody spielt eine quasi erwachsene Neuauflage seines legendären Charakters Seth Cohen aus der Serie The O.C. namens Noah Roklov, der Rabbiner einer orthodoxen jüdischen Gemeinde in Los Angeles. Ihm gegenüber steht Kristen Bell als Joanne, eine agnostische Sex- und Dating-Podcasterin, ebenfalls aus Los Angeles. Zufällig begegnen sich die beiden bei einer Dinnerparty und der Rest ist Geschichte. Dazu kommt noch der Rausch-interessierte Bruder von Noah, Sasha, gespielt von Timothy Simons und die teils misstrauische, teils naive Schwester von Joanne, Morgan, gespielt von Justine Lupe, die das Hauptquartett der Serie vollenden und durchaus skeptisch gegenüber der Beziehung von Noah und Joanne sind, zumindest anfangs.

SPOILER ALERT!

Allem voran muss gesagt werden, dass die Serie vom filmischen Handwerk her durchaus gut ist. Das Casting, speziell für den Charakter Noah, ist außerordentlich gut gelungen, Kameraarbeit und Szenenbild lassen kaum zu wünschen übrig, die Regie hat ebenfalls nichts falsch gemacht. Große Komplimente können an die Kostümabteilung gemacht werden, die für alle Charaktere, inklusive dem Rebbe, jeweils eigene moderne Styles gefunden haben. Auch bei Noah, je nachdem in welcher Situation er sich befindet, er ist fashionably angepasst (so gerne das linke Pack auch Adidas-Samba hat, bei der Drushe im Shil sind diese nicht ganz angemessen).

Die Serie entstammt der Idee von Erin Foster, einer Reformjüdin (nein, hier ist nicht das Problem) aus Los Angeles, und basiert teilweise auf ihrer eigenen Erfahrung, da auch sie nachdem sie einen jüdischen Mann kennenlernte in einer ähnlichen Situation war wie Joanne. Foster war agnostisch und konvertierte bei einer Reformgemeinde zum Judentum (nein, das ist noch immer nicht das Problem), bevor sie ihren jetzigen Mann heiratete. Als Verfasserin der Serie hat sie aber „nur“ Writing Credits für die ersten beiden Folgen. Sie ist als Showrunnerin und Executive Producer durchgehend dabei, gibt aber die Arbeit als Autorin für die Folgen 3 bis 10 ab. Das ist keinesfalls ungewöhnlich und als Showrunnerin ist sie schlussendlich diejenige gewesen, an der die kreativen Entscheidungen hängen bleiben, die auch die Skripten freigibt sowie die restliche Handlung der Serie diktiert.

Der Anfang der Serie ist fantastisch. Die Mitte der Serie ist gut. Das Ende lässt zu wünschen übrig. Ja, es wird eine zweite Staffel kommen, jedoch ist das keine Ausrede, um die erste qualitativ schlecht enden zu lassen. An dieser Stelle: SPOILER ALERT! Die erste Staffel endet nämlich ziemlich abrupt damit, dass sich Noah von einem Moment auf den anderen dazu entscheidet, sein gesamtes Lebenswerk und seinen Traumberuf als Oberrabbiner seiner Gemeinde für Joanne wegzuwerfen, da sie sich nicht dazu bringen kann, zum Judentum zu konvertieren und dann auch als Rebbetzen zu leben.

Zwei Juden, drei Meinungen

Die Serie bekam überwiegend positive Rezensionen, und obwohl ich zwar bisher einiges an Kritik geäußert habe, kann auch ich mich dem nur anschließen. Nobody Wants This macht einfach Spaß zu schauen. Aber Spielverderber:innen, auch wenn es in dem Fall teilweise berechtigt ist, gibt es immer.

Ein Hauptkritikpunkt war die Darstellung jüdischer Frauen, genauer von jüdischen Müttern. Vor allem Noahs Mutter, aber auch Noahs jüdische Ex, kommen aus der Handlung eigentlich als Antagonistinnen hervor. Wenn dies nur auf Basis der Charaktere wäre, ist das bei einer Serie, in der 90 % aller Charaktere jüdisch sind, kein Problem. Ihre negativen Rollen bekommen sie aber leider größtenteils durch ihre Verkörperung von suboptimalen Stereotypen und Tropen. Durchgehend wird Joanne als „Schikse“, ein abfälliger Begriff für nicht jüdische Frauen, degradiert und auf Basis dessen als nicht gut genug dargestellt. Dass man das nicht auf diese Art und Weise hätte darstellen müssen, ist klar und wirft natürlich auch die Frage auf, warum dies so freigegeben wurde. Weiters gibt es auch den Vorwurf, dass das Judentum als etwas dargestellt wird, vor dem man Noah retten muss. Das sehe ich aus der Serie eigentlich nicht heraus. Wenn zwei Kulturen aufeinandertreffen, wird es in 99,9 % der Fälle zu einigen Unstimmigkeiten kommen. Allerdings lassen sich Joanne und Noah davon nicht abhalten und das ist durchaus lobenswert. Vorwürfe gibt es auch dazu, dass Joanne vollkommen unwissend über das Judentum ist. Wo diese jetzt herkommen weiß ich nicht ganz genau, da es kaum verwunderlich sein sollte, dass eine Person, die komplett atheistisch und sich niemals mit Religion auseinandergesetzt hat, nichts über Religion weiß.

Aber meiner Meinung nach ist das grundlegende Problem nicht eines der kreativen Erzählung, sondern eines der Gemeinden selbst. Kinder bekommen ihr Judentum halachisch gesehen von der Mutter, nicht vom Vater. Früher war dies durchaus logisch, da man sich nur bei der Mutter zu 100 % sicher sein konnte, dass das Kind auch wirklich von ihr ist, siehe Jesus Christus. Heutzutage ist das aber kein Argument mehr. Es ist unverständlich, wieso eine Person mit „nur“ jüdischem Vater weniger jüdisch sein sollte als eine Person mit „nur“ jüdischer Mutter oder beidem.

Weiters gab es auch noch Kritik an der Darstellung der Wohnräume der Familie Roklov. Besonders empört waren scheinbar einige über die Reinlichkeit und die Kosten von Noahs Haus in der Serie. Dazu sage ich nur: wer kann, der:die muss. Eine wohlhabende jüdische Familie in Los Angeles ist jetzt nicht unbedingt realitätsfremd. Generell gehört auch gesagt, dass man bei all der berechtigten Kritik nicht vergessen darf, dass man sich beim Film noch immer in der Fiktion befindet. In der Fiktion darf man auch Sachen darstellen, die nicht zu 100 % realitätsgetreu sind, so paradox wie das für manche auch klingen mag.

Alenu

Besonders positiv fand ich in der Serie die Auseinandersetzung mit dem Judentum. Kurz nachdem Joanne herausfindet, dass Noah ein Rabbiner ist, fragt sie ihn, ob er an das Maxerl im Himmel glaubt. Noahs Antwort darauf ist wunderbar. Er spricht davon, dass das Judentum die Auseinandersetzung mit der Existenz und den Glauben an das Maxerl vorsieht. Generell war es auch wunderbar zu sehen, dass Noah als Rabbiner kein religiöser Fanatiker ist, sondern ein realitätsbewusster Mensch, der auch in Sachen Religion nicht meint, es aufgrund seiner Position immer besser zu wissen. Rabinner:in sollte auch einfach nur ein Job sein dürfen, keine Lebensweise. Wenn alle Rabbiner:innen so gut wären wie Noah Roklov, wäre das Judentum vor allem für jüdische Personen in unserem Alter deutlich attraktiver, als es das so manchmal ist.

Also egal, ob als Noah Roklov oder Seth Cohen: Adam Brody ist für sympathische und liebenswerte jüdische Charaktere einfach bester Mann wo gibt.

Rouven Margules

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