Emilie Schindler: Das Ende der Unsichtbaren

Emilie Schindler: Das Ende der Unsichtbaren

Wer prägt unsere Geschichte? Sind es die großen Namen und Taten, die für immer in den Annalen verankert bleiben, oder sind es die oft übersehenen Menschen, deren Taten im Schatten der Zeit verblassen?

Schindler, ein Name mit gewaltigem Widerhall. Doch der Ruhm der ihm gebührt, gehört nicht alleine seiner Person. In unserem kollektiven Verständnis ist er der Ruhm eines Mannes, der Sinnbild für Gerechtigkeit und Mut einer ganzen Generation wurde. Der „Gerechte unter den Völkern”, so ging er – Oskar Schindler – in die Geschichte ein. Doch was verblieb uns von Emilie Schindler? 

Die ersten Schritte der Schindlers

Emilie Schindler wird 1907 in Österreich-Ungarn geboren. Als Tochter eines wohlhabenden Gutsbesitzers verbringt Emilie ihre Zeit vorwiegend auf dem Hof ihrer Eltern. 1928 heiratet Emilie den Industriellen Oskar Schindler. Schon damals stellt sich ihre Familie gegen diese Heirat, weil Oskar Schindler bereits damals einschlägig als Frauenheld bekannt ist. Ein paar gescheiterte Geschäftsideen und eine Weltwirtschaftskrise später, reift in ihm das Verlangen, Profiteur des Krieges zu werden. 1939 wird er Mitglied der NSDAP und entschließt sich, mit seiner Frau Emilie auf den Weg in das von den Deutschen überfallene Krakau zu machen. Das Ziel ist der wirtschaftliche Aufstieg, welcher ihm auch durch seine Emaille- und Munitionsfabrik gelingt. Getragen durch die erzwungene Arbeitskraft von insgesamt achthundert Arbeitskräften, darunter 370 Jüdinnen und Juden, macht Oskar Schindler ein Vermögen. Doch als ihm die Gräueltaten der Nationalsozialisten zuwider werden, beschließt er, „seine Juden” vor dem sicheren Tod in den Konzentrationslagern zu bewahren. Er und seine Frau schreiben insgesamt 1200 jüdische Personen auf eine Liste. Sie kaufen eben jene Personen frei, um ihnen die Möglichkeit zu geben, bis zum Ende des Krieges unter relativem Schutz vor den Nazis in ihrer Fabrik zu arbeiten. 

Die Rettung der Juden

Durch den Film Schindlers Liste wurde der Weltöffentlichkeit Oskar Schindlers Rolle in diesem Krieg präsentiert. Niemand beachtete jedoch Emilie Schindlers Rolle. Dreimal nur kommt sie in dem Werk von Steven Spielberg vor. Gezeichnet wird von ihr allein das Bild der armen, betrogenen Ehefrau. Eine komplette Verzerrung der Realität. Befasst man sich mit den Aussagen von Zeitzeug:innen, so wird schnell klar, dass der Ruhm der Rettung der Jüdinnen und Juden ihr mindestens ebenso gebührt. Es ist Emilie, die sich um die Verpflegung der geretteten Jüdinnen und Juden in ihrer Fabrik kümmert. Sie kocht den ausgehungerten und halbtoten Menschen leicht bekömmlichen Brei, tauscht am Schwarzmarkt Alkohol gegen Medikamente und lässt „ihre Juden” nicht alleine. Sie war es, die Humanität zum höchsten Gut in dieser grausamen Zeit machte und es war auch sie, die ihr Leben riskierte, um Jüdinnen und Juden zu retten. Auch wenn es Emilie war, die Tag für Tag das Überleben ihrer Arbeiter:innen sicherte, ist sie dennoch durch die Geschichtsschreibung unsichtbar gemacht worden. 

Systematisch Unsichtbar 

Die Gründe für diese Unsichtbarkeit hängen eng mit den gesellschaftlichen Geschlechterrollen und den historischen Erzählstrukturen zusammen, denen die Geschichtsschreibung notgedrungen unterliegt. In patriarchal geprägten Gesellschaften, wie der unseren, wurden und werden Held:innentaten oftmals nur in Bereichen anerkannt, die männlich konnotiert werden: Militärischer Kampf, politische Führung und wirtschaftlicher Erfolg. Frauen hingegen wurden traditionell mit dem häuslichen Bereich und der Pflege von Familien und Gemeinschaften assoziiert und kamen somit gar nicht als Heldinnen in Frage. Emilie Schindler arbeitete im Hintergrund. Sie war zwar entscheidend in der Rettung von Leben, doch ihre Rolle wurde lange Zeit als untergeordnet zu der ihres Ehemanns wahrgenommen. Die unterstützende Ehefrau, die sowohl im privaten als auch, wie in diesem Fall, im öffentlichen Raum Care Arbeit vollbringt, bleibt für unsere patriarchale Gesellschaft eben zweitrangig. Sie wird damit nicht als treibende Kraft verstanden. Die Verantwortung für das Leben „ihrer Juden” trugen die Eheleute Schindler beide; und doch war es Emilie alleine, die das Leben ihrer jüdischen Arbeiter:innen Tag für Tag sicherte. Als heroisch wurde jedoch einzig und alleine das politische und wirtschaftliche Engagement Oskar Schindlers besetzt. Der Fokus auf die männlichen Akteure verstärkt die Vorstellung, dass Geschichte durch die Entscheidungen und Handlungen von Männern geprägt ist, während Frauen oftmals nur in den Randbereichen der Erzählung verbleiben. Dies selbst dann, wenn sie dort bedeutende Beiträge leisten. 

Wegen dieses systematischen Unsichtbarmachens weiblicher Akteurinnen darf es nicht überraschen, dass  Emilie Schindler erst dreißig Jahre nach der Ehrung ihres Mannes in Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern” dieselbe Ehre zuteil wurde.

Feministische Erinnerungspolitik 

Der Fall von Emilie Schindler ist nur einer von zahlreichen Beispielen versäumter feministischer Erinnerungspolitik. Unsere Erinnerungspolitik ist von patriarchalen Prägungen durchzogen, die den Blick auf die Geschichte verzerren, Frauen unsichtbar machen und  deren Wirken in vielen Bereichen ausblenden. Diese Verzerrung lässt sich auch durch die dominierende Erzählweise erklären, die sich stark auf männliche Akteure konzentriert und die Frauen und deren Rolle in der Geschichte systematisch marginalisiert. Um diese patriarchalen Prägungen zu überwinden und ein feministisches Gedächtnis zu schaffen, das diese Geschichtslücken schließt, sind sowohl strukturelle als auch inhaltliche Veränderungen notwendig.

Ein erster Schritt hin zu einer ein Stück weniger patriarchal geprägten Erinnerungspolitik sollte darin bestehen, historische Erzählungen zu hinterfragen und zu dekonstruieren. Ein feministisches Gedächtnis muss damit beginnen, bestehende Narrative umzuschreiben, indem es Frauen in den Mittelpunkt rückt, deren Rolle in politischen, sozialen und kulturellen Bewegungen anerkennt und sichtbar macht. 

Dabei muss Erinnerungskultur intersektional gedacht werden. Konkret bedeutet das, dass auch marginalisierte Perspektiven – etwa jene von Frauen aus verschiedenen sozialen, ethnischen und kulturellen Kontexten – berücksichtigt werden müssen. Die Erinnerung an die Geschichte darf nicht nur das Erbe der dominierenden gesellschaftlichen Gruppen widerspiegeln, sondern muss auch die Vielfalt menschlicher Erfahrungen und Lebensrealitäten inkludieren. Dieses Umdenken braucht eine aktive Teilnahme der Gesellschaft. Frauen und marginalisierte Gruppen müssen in die Gestaltung von Erinnerungsprozessen eingebunden werden. Dies bedeutet, dass Frauen nicht nur als Objekte der Erinnerung, sondern auch als aktive Akteur:innen an der Rekonstruktion der Geschichte beteiligt werden müssen. Es geht darum, all jene historischen Lücken zu schließen, die durch jahrhundertelange Unsichtbarkeit entstanden sind, und ebenso darum, ein inklusives Gedächtnis zu etablieren, das nicht nur die Vergangenheit reflektiert, sondern auch die soziale Gerechtigkeit der Gegenwart und Zukunft fördert. Es muss in unser aller Interesse sein, Frauen wie Emilie Schindler wieder sichtbar zu machen und dafür zu sorgen, dass auch in den kommenden Generationen Frauen all jene Ehrungen zu teil werden, die ihnen gebühren.

Valérie Thau 

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