Mit Helm und Schlagstock
143 Jahre Jüdische österreichische Hochschüler:innen
Am 25. Oktober 1882 wird in Wien etwas noch nie Dagewesenes gegründet: Die erste jüdische Studentenvereinigung der Welt namens Kadimah – „Vorwärts!“. Mit der aus ihr später entstehenden Lesehalle wächst sie in kürzester Zeit zur zweitgrößten Studierenden-Union der Universität Wien heran. Das ist kaum verwunderlich, denn in Wien leben zu dieser Zeit 180.000 Jüdinnen und Juden, jüdische Studierende stellen in der Vorkriegszeit 42 Prozent der Studierendenschaft. Trotz dieser starken Präsenz gibt es von Anfang an den Bedarf, sich durch einen Zusammenschluss jüdischer Studierender selbst zu bestimmen und sich gegen Ressentiments der Mehrheitsgesellschaft zu behaupten.
Kadimah ist also der ambitionierte Versuch, auf Hochschulebene Räume jüdischer Kulturautonomie zu etablieren. Dies wird katalysiert durch den erstarkenden Antisemitismus, der in den 1880er- und 1890er-Jahren tief in den akademischen Mainstream einsickert. Das Staatswesen, für dessen Ideale jüdische Studierende seit 1848 kämpften, kehrt ihnen sukzessive den Rücken. Vor dem Hintergrund dieser gesellschaftlichen Umbrüche verstehen sich die Kadimahner von Anfang an als Kämpfer für ein selbstbewusstes Judentum und bieten eine Antithese zur Assimilation. Es sind die ersten Jüdinnen und Juden, die seit der Makkabäerzeit in organisierter Form zurückschlagen.
Ostjuden, Westjuden – Hauptsache vorwärts!
Gegründet von „Ostjuden“, die Pogrome kennen und mitgetragen von bereits ansässigen „Westjuden“, positioniert sich Kadimah an der Nahtstelle zweier Welten. Aus Lemberg weiß man, dass Pogrome keine sporadischen Ausbrüche, sondern Teil der gesellschaftlichen Tagesordnung sind. Die Kadimahner verweigern, sich in den Zyklus der Verfolgung einzureihen und die eigene Ohnmacht hinzunehmen. Stattdessen verlagern sie das Judentum auf eine neue Ebene – die der Autoemanzipation.
Kadimah ist gleichzeitig ein Identitätslabor, der erste – oder letzte – Berührungspunkt mit dem Judentum für so manche Assimilierte wie etwa Siegmund Freud. Denn während die ersten Kadimahner aus den östlichen Reichsteilen eine starke Bindung an Religion und Kultur haben, stehen die Wiener Jüdinnen und Juden oft im Zeichen von „Mehr Deutsch als die Deutschen selbst“ und der Assimilation. Kadimah bietet eine Alternative: Eine jüdische Identität, die nicht apologetisch ist, sondern kämpferisch.
A jiddische Studierendenverbindung
Kadimah übernimmt den Habitus der zeitgenössischen Studierendenschaften mit einer ritualisierten Inbrunst. Die Mitglieder bekennen sich zum elitären Satisfaktionsprinzip, gefochten wird mit Säbel. Dass sich die Kadimahner damit exakt derselben Gesellungsform bedienen wie die übrigen, nicht-jüdischen Verbindungen, erweckt zunächst den Eindruck, als gäbe es wenig Unterschiede in der Attitüde zwischen zionistischen und deutschnationalen Verbindungen. Jedoch: Während bei den deutschnationalen Burschenschaften ein dumpfer Chauvinismus Wurzeln schlägt, verbinden die Kadimahner das Bewusstsein einer religiösen Minderheit mit einem emanzipatorischen Nationalbewusstsein – es geht um die Anerkennung eines jüdischen Selbstbewusstseins. Der Habitus ist also ähnlich, aber das Ziel ein ganz anderes.
Kadimah formt sich als elitäre Kaderschmiede: ein strenges Aufnahmeverfahren, eine harte Probezeit, eine klare Hierarchie. Die Mitglieder sind hochgebildet, argumentativ versiert, kennen Herzls Schriften auswendig, arbeiten für Tageszeitungen wie Die Welt, verteilen Flugblätter, sammeln Spenden für den Jüdischen Nationalfonds und reisen in die Provinz, um für die zionistische Idee zu werben. Etwa zehn Jahre nach ihrer Gründung, um 1894, wird Kadimah jedoch bewusst, dass sich mit Elitarismus nicht viel gewinnen lässt.
Um dieses Defizit Kadimahs zu kompensieren, entsteht aus der Kadimah die Lese- und Redehalle, welche die „Verjüdischung der Studierenden” zum Zweck hat. Das gelingt, indem die Halle als Dachorganisation auch andere jüdische Organisationen eingliedert – selbst solche, die in Konkurrenz zur Kadimah stehen. Während Kadimah nur rund hundert Mitglieder hat, wächst ihre Tochterorganisation, die Lese- und Redehalle, schnell auf über tausend Mitglieder an. Die Lesehalle dient als studentische Bibliothek. In den Redehallen finden hitzige Diskussionen, interdisziplinäre Vorträge und Weiterbildungskurse statt. Es gibt Freikartenabonnements für Theater, Hebräisch-Sprachkurse und Zugang zu Studierendenclubs. Auch wird die Mensa Academica Judaica ins Leben gerufen, in der ausgerechnet Hitlers Halbschwester am Herd steht.
Das Mutterschiff des politischen Zionismus
Die Nazi-Burschenschafter üben, was später Staatsdoktrin wird. Die liberalen Eliten versagen. Theodor Herzl sieht das und stößt 1896 zur Kadimah. Er hatte sich von der deutschnationalen Burschenschaft Albia abgewandt, die ab 1888 per Arierparagraph keine Juden mehr erlaubte – und wird Ehrenmitglied der Kadimah. Hier findet Herzl nicht nur Zuhörer:innen, sondern Mitstreitende. Denn Kadimah ist eine der damals noch raren gesellschaftlichen Gruppen, die Theodor Herzl darin bestärken, einen eigenen Staat für Jüdinnen und Juden zu fordern. Kadimah verschreibt sich als eine der ersten jüdischen Gruppen dem Zionismus und macht ihn in einer organisierten Form erkennbar. Sie ist der Resonanzraum, den Herzl braucht. Ohne Kadimah – kein Herzl, kein Zionistischer Kongress in Basel, womöglich kein jüdischer Staat. Kadimah ist das Mutterschiff – und Herzl setzt den Kurs. Herzl ist zur richtigen Zeit, zur Gunst der Stunde, am richtigen Ort. Er ist Theatermann, ein Meister der Inszenierung. Wer hätte damals ahnen können, dass Wien der Ort werden würde, an dem die Weichen für die Gründung eines jüdischen Staates gestellt werden?
Trotz der Explosion des Antisemitismus im beginnenden zwanzigsten Jahrhundert kämpfen die Kadimahner bis zuletzt weiter. Am 16. März 1935 gründet Kadimah mit JAV Charitas Graz den Bund Zionistischer Verbindungen. Doch die Uhr tickt. Die Erste Republik wurde bereits vom Austrofaschismus abgelöst, der Antisemitismus spitzt sich zu. Ein Schicksal steht bevor, das auch andere jüdische Organisationen erwartet. Am 13. August 1938, nach dem Anschluss, wird Kadimah behördlich aufgelöst.
Neuanfang in den Ruinen
In einer Welt aus gebrochenen Schicksalen, schließen sich jüdische Studierende in Österreich 1946 erneut zusammen und gründen die ab 1947 offiziell als Verein angemeldete „Vereinigung Jüdischer Hochschüler Österreichs“ (VJHÖ). Das vereinspolizeiliche Gründungsdokument aus diesem Jahr hat auf der Rückseite einen Adler samt Hakenkreuz. Die Nachkriegszeit ist gezeichnet von Desillusionierung und existenzieller Unsicherheit. Die jüdische Gemeinde wird vielerorts als „Liquidationsgemeinde“ betrachtet – als dem Untergang geweihte, ausgehöhlte Struktur ohne Zukunft. Doch die Mitglieder der VJHÖ verweigern sich dieser Resignation. Die meisten von ihnen sind staatenlose Shoah-Überlebende, entwurzelt aber entschlossen, sich dem Leben und der Zukunft zuzuwenden.
Die Frage, ob die VJHÖ die direkte Nachfolgerin der Lese- und Redehalle – und damit der Kadimah – ist, ist sekundär. Zentral ist, dass die VJHÖ als ihre geistige Erbin betrachtet werden kann. Ihre grundlegenden Fundamente bleiben beständig: wehrhaft, unerschrocken, akademisch, zionistisch und stets entschlossen, sich historischen Herausforderungen zu stellen.
In der post-nationalsozialistischen Gesellschaft geht es um den Aufbau jüdischer Infrastruktur, die Reartikulation jüdischer Präsenz, die Bekämpfung der Marginalisierung und natürlich um Nazis. Das zunächst bescheidene Clublokal der VJHÖ wird sich schnell als zentraler Treffpunkt für die jüdische Studierendenschaft in Österreich etablieren. Hier wird gestritten, gelacht, gefeiert – und politisch gekämpft. Unmittelbar nach der Shoah, seit der Gründung 1947, erstrahlt alljährlich der von der VJHÖ organisierte „Ball Pare“. Auch im Bereich der Publizistik lässt sich Bemerkenswertes nachzeichnen: 1952 erscheint unter der Federführung von Dr. Leon Zelman erstmals „Das Jüdische Echo“. Was ursprünglich als Organ für Studierende konzipiert war, avanciert rasch zum intellektuellen Forum jüdischen Denkens und Diskurses. Fast zeitgleich, 1968, betritt eine weitere bedeutende Publikation die intellektuelle Bühne: der „Schofar“, der von der VJHÖ ab 1971 durch das Mitteilungsblatt NOODNIK abgelöst wird.
Hegemonie und Knüppel
Im September 1970 erheben jüdische Studierende in Österreich ihre Stimmen für ihre bedrängten Glaubensgenoss:innen hinter dem Eisernen Vorhang – allen voran für Natan Sharansky und Ida Nudel. Unter dem Banner „Let My People Go“ engagieren sie sich für die Refuseniks. Ein Hungerstreik am Schwarzenbergplatz markiert den Höhepunkt dieser Protestbewegung, im Rahmen derer auch dringend benötigte Pakete an die Betroffenen versendet werden. 1971 führt dieses Engagement mit Hilfe der VJHÖ zur Gründung des „Komitees für die Juden in der Sowjetunion“.
Nicht zuletzt sind die 1970er Jahre vom Kampf gegen den Ring Freiheitlicher Studenten (RFS) geprägt, die vor der demokratischen Öffnung der Universitäten etwa dreißig Prozent der Studierenden ausmachen. In den 1980er Jahren eskalieren die Spannungen, als Mitglieder der VJHÖ zunehmend Zielscheibe gewaltsamer Übergriffe seitens des braunen Mobs werden. Mit Helmen und Schlagstöcken tritt man dem RFS entgegen, Männer wie Frauen.
Der Aktivismus der jüdischen Studierenden transzendiert nationale Grenzen, was sie bereits bei den sowjetischen Jüdinnen und Juden unter Beweis stellten. Im Oktober 1973, während des Jom-Kippur-Kriegs, engagiert sich der Dachverband der jüdischen Jugend. Auch 1982, während des Libanonkriegs, wird von der VJHÖ solidarischer Aktivismus organisiert.
1986 wird die jüdische Gemeinde, aber auch ganz Österreich, von der Waldheim-Affäre erschüttert. Kurt Waldheims Nazi-Vergangenheit, die er zunächst verheimlicht, zerschmettert den Mythos von Österreich als erstes Opfer des Nationalsozialismus. Trotz Aufdeckung seiner Rolle während des Zweiten Weltkriegs gewinnt Waldheim die Präsidentschaftswahl. In diesem politischen Ausnahmezustand ist es die VJHÖ, die als führende Stimme des jüdischen Widerstands auftritt.
Von der VJHÖ zu den Jüdischen österreichischen Hochschüler:innen (JöH)
Obwohl die jüdische Gemeinde ab den 1990ern als Ganzes eine stärkere Stimme findet, zieht sich die VJHÖ zunehmend in ihre eigenen Räume zurück. Erst mit dem Heranwachsen der dritten Generation in den 2010er Jahren will sie sich fortan nicht nur als sozialer Ort für jüdische Studierende etablieren, sondern auch als ihr politisches Sprachrohr.
Seit 2015 intensiviert sich der politische Aktivismus an mehreren Fronten: Ein zentraler Fokus liegt auf dem entschlossenen Kampf gegen israelbezogenen Antisemitismus an Hochschulen. In einem Klima zunehmender Anfeindungen gegen jüdische Studierende, insbesondere seit dem siebten Oktober 2023, verteidigt die JöH kompromisslos jüdisches Leben.
Auch die Erinnerungspolitik bleibt ein Kampffeld: Die Lueger-Statue wird zum Symbol dieser Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus der Vergangenheit – und seinem Fortbestehen in der Gegenwart. Unbekannte jüdische Aktivist:innen setzen mit einer jährlichen Nachtaktion rund um den Holocaust-Gedenktag Druck auf die Umbenennung des Karl-Lueger-Platzes und anderer problematischer Erinnerungszeichen.
Dieser Kampf um die Vergangenheit ist untrennbar verbunden mit dem Kampf gegen rechtsextreme, postnazistische Strukturen. Ob politisch, medial oder juristisch – die JöH zeigt klare Kante gegen Geschichtsrevisionismus und rechtsextreme Rhetorik; ein Kampf, der jüdische Studierende in Österreich noch lange begleiten wird. Haben wir jemals genug getan? Nach den jüngsten Wahlerfolgen der FPÖ bleibt diese Frage drängender denn je – und die JöH verstärkt ihren Widerstand und stellt sich Kellernazis wie Walter Rosenkranz standhaft in den Weg.
Der siebte Oktober 2023 reißt eine Wunde in die Geschichte. Das Hamas-Massaker ist ein barbarischer Angriff, der die Welt erschüttert und eine beispiellose Welle antisemitischer Gewalt nach sich zieht. Besonders an Universitäten entlädt sich der Hass. Die JöH befindet sich inmitten der Auseinandersetzungen und an der vordersten Front, denn die antisemitischen Ausschreitungen erreichen eine Dimension, die es im 21. Jahrhundert noch nicht gegeben hat.
Doch Jüdisch-Sein wird nicht durch negieren des Antisemitismus definiert. Im Gegenteil: Kämpfen bedeutet nicht, sich trotz der Angriffe zu entfalten, sondern gerade wegen dieser. Kämpfen heißt Räume zu schaffen für Schabbes-Dinners, Musik, Jiddisch-Kurse, hitzige Debatten (weil Juden eben zu viele Meinungen und Synagogen haben) – oder für den NOODNIK, der vor einigen Jahren erfolgreich wiederbelebt wurde.
Ein neues österreichisch-jüdisches Selbstbewusstsein
Von Konfrontationen mit deutschnationalen Burschenschaften bis zu den frühen Kämpfen gegen eine als Liquidationsgemeinde abgestempelte jüdische Gemeinde: Jüdische Hochschüler:innen in Österreich haben stets bewiesen, dass sie mehr sind als nur ein Geselligkeitsverein. Mehr als andere jüdische Studierendenverbände gelingt es der JöH, sich in den politischen Diskurs einzubringen und die nationale Debatte zu jüdischen Themen mitzugestalten. Die heutige JöH verkörpert ein neues österreichisch-jüdisches Selbstbewusstsein und wirkt als eine starke Stimme der jungen jüdischen Generation in Österreich. Ihre Erinnerungen sind getragen von Lachen, Weinen, Zittern, Hoffen und Feiern.
Vielleicht neigen wir allzu oft dazu, Geschichte und Gegenwart als voneinander getrennte Entitäten zu betrachten. Doch Geschichte vergeht nicht spurlos – sie hallt nach, formt Strukturen, prägt Bewusstsein. Wir wirbeln den Staub der vergangenen Jahre auf, jeder Moment ist zugleich Echo und Neuanfang. Bereits mit dieser NOODNIK-Ausgabe schlagen wir ein weiteres Blatt in dieser Geschichte auf. Vielleicht wird in hundert Jahren jemand durch diese Seiten blättern, um zu verstehen, wer die JöH im Jahr 2025 war.
Eidel Malowicki