Ein innerjüdischer Spagat 

Ein innerjüdischer Spagat

Die jüdische Gemeinde Wiens ist kein Monolith, sondern vielmehr ein Mosaik der Identitäten. Ein beträchtlicher Teil dieses Mosaiks besteht aus der bucharischen Gemeinde. Wer sind sie und welche mentalen Spagate muss man als facettenreiche Bucharin vollbringen?

Meine Mutter sagte früher immer zu mir, ich solle niemandem erzählen, dass ich Jüdin bin. Ich wurde auf eine katholische Privatschule geschickt und meine Eltern hatten Angst davor, dass Antisemiten dort unterrichten würden. Als wir dann in der ersten Religionsstunde etwas über Jesus lernten, zeigte ich stolz auf und sagte: „Ich bin auch Jüdin.“ (Was dann dazu führte, dass ich geothered wurde und ein Referat über das Judentum halten musste.)

So verstand ich zum ersten Mal, dass ich Jüdin und keine Christin bin, wie alle anderen an meiner Schule. Aber, dass ich innerhalb der jüdischen Community auch einer spezifischen Untergruppe angehöre, war mir damals noch nicht bewusst.

Bucharische Jüdinnen und Juden sind Teil der jüdischen Gemeinde in Wien und zugleich eine migrantische Gruppe, die von spezifischen historischen, kulturellen und sozialen Erfahrungen geprägt ist. Bucharische Jüdinnen und Juden stammen aus Teilen der ehemaligen Sowjetunion wie Usbekistan und Tadschikistan. Die Migration nach Wien begann in den frühen 1970er-Jahren und ging bis in die 1990er-Jahre, als viele Buchar:innen vor religiöser Unterdrückung und Antisemitismus aus der Sowjetunion flohen. Wien wurde damals für zehntausende jüdische Migrant:innen zur Transitstation auf dem Weg nach Israel oder in die USA, viele blieben jedoch in Wien. Heute zählt die bucharische Gemeinde in Wien etwa fünfhundert Familien mit insgesamt rund 2.500 bis 3.000 Mitgliedern und bildet damit eine der größten Gruppen innerhalb der jüdischen Gemeinde Wiens. Diese Migration brachte aber nicht nur kulturelle Vielfalt mit, sondern auch neue Formen von Marginalisierung: als jüdische Minderheit innerhalb der Mehrheitsgesellschaft und als migrantische Gruppe innerhalb der jüdischen Gemeinde selbst. Die Dominanz aschkenasischer Traditionen hat oft dazu geführt, dass die Perspektiven bucharischer Jüdinnen und Juden weniger sichtbar waren. Das stellt auch heute ein strukturelles Problem dar, welches sich in jüdischen Organisationen widerspiegelt.

White Colonizer

Es verwirrt mich immer wieder, wenn die Linke ihren Antizionismus (Antisemitismus) mit dem “White colonizer” Argument zu bestärken versucht. Jüdinnen und Juden sind selbstverständlich keine homogene weiße Elite, die die Welt regiert. Diese verkürzte und schlichtweg falsche Zuschreibung blendet aus, dass viele Jüdinnen und Juden, wie wir Buchar:innen, selbst migrantische Minderheiten sind, die von Rassismus, ökonomischer Benachteiligung und strukturellen Hürden betroffen sind. Jüdinnen und Juden Macht und Privilegien zuzuschreiben, verschleiert bewusst oder unbewusst die Realität, dass alle Jüdinnen und Juden, auch die als weiß gelesenen aschkenasischen Jüdinnen und Juden, seit Jahrtausenden vor Unterdrückung und Vernichtung fliehen müssen. Ein Volk, das von Ausgrenzung und Verfolgung bedroht ist, kann nicht mit dem politischen Begriff „weiß” beschrieben werden (genaueres bei Jews ≠ White im NOODNIK #5).

Die Schwierigkeiten, die Buchar:innen aufgrund ihrer doppelten Marginalisierung erleben, sind dieselben wie bei anderen Migrant:innen, wie beispielsweise Sprachbarrieren und das Fehlen akademischer Netzwerke. Viele Buchar:innen stammen nämlich nicht aus Akademiker:innenfamilien. Diese soziale Realität wird jedoch kaum thematisiert. Stattdessen verfestigen sich  Zuschreibungen, die Jüdinnen und Juden als homogene, privilegierte „weiße“ Gruppe abstempeln, und intersektionale Realitäten verkennen. 

Bucharische politische Realitäten

Je marginalisierter eine Gemeinschaft ist, desto wichtiger wird interner Zusammenhalt. In der bucharischen Community ist diese Solidarität oft ein Überlebensmechanismus gegen Diskriminierung von außen. Gleichzeitig hat dieser Zusammenhalt aber eine Kehrseite: Er stabilisiert konservative, patriarchale Strukturen, die als Schutzmechanismus tradiert werden. Das Festhalten an traditionellen Geschlechterrollen, autoritären Familienstrukturen und restriktiven Moralvorstellungen ist Teil dieses Phänomens.

Darüber hinaus ist die bucharische Gemeinschaft religiös und politisch eher rechts geprägt. Das erklärt sich teilweise auch durch den historischen Kontext der Sowjetunion, in der Religion und Tradition unterdrückt wurden und wodurch, nach der Emigration, eine Gegenbewegung entstand. In Wien zeigt sich das etwa im Wahlverhalten und der Nähe zu rechten Diskursen in Bezug auf andere Migrant:innen, was aufgrund der Bewahrung des eigenen Status geschieht. Für eine progressive, feministische Perspektive innerhalb der Community bedeutet das einen ständigen Spagat zwischen Solidarität und Kritik.

Frauen in der bucharischen Community

Die Rolle von Frauen ist dabei besonders ambivalent. Einerseits wird Frauen eine tragende Rolle bei der Weitergabe von Kultur und Religion zugeschrieben, andererseits stehen sie unter Druck, traditionellen Rollenerwartungen zu entsprechen: früh heiraten, Kinder bekommen, den Haushalt führen. Ich selbst habe dieses Spannungsfeld als eine Art Doppelleben erlebt. Meine Eltern sind relativ jung und haben sich vorgenommen, mir diese Normen nicht aufzuzwingen. Mein Vater hat deshalb, abgesehen von seinen Freundschaften, kaum Kontakt zur bucharischen Gemeinde. Meine Großeltern hingegen legen großen Wert auf traditionelle Vorstellungen. 

Ich erinnere mich etwa daran, wie ich als Teenagerin roten Nagellack tragen wollte, und wie empört mein Großvater darauf reagierte, denn das sei keine „anständige“ Farbe für ein anständiges Mädchen. Oder als ich meinen Großeltern meinen Freund vorstellte und ihnen erklärte, dass wir nicht vorhaben zu heiraten. Seitdem sprechen sie nur noch von meinem „guten Freund“, weil eine Beziehung ohne Ehe in ihrer Welt nicht existiert. 

Ich soll gut kochen können, Bildung ist zweitrangig und Heirat ist das höchste Ziel. Dieser Zwiespalt prägt mich bis heute und ich erlebe aktiv, welche Auswirkungen diese patriarchale Erziehung hat. Freundinnen, die jünger sind als ich (ich bin jetzt 22), sind verheiratet und erziehen ihre ersten Kinder. Meine Cousine, die eine ähnliche Kindheit hatte wie ich und eigentlich progressive Ansichten hat, machte plötzlich eine 360-Grad-Wendung, hat ihre Rebellion aufgegeben und letztes Jahr geheiratet. Das hat mir gezeigt, wie tief diese patriarchale Erziehung im Kopf junger bucharischer Frauen sitzt und dass diese oft mit den eigenen Ansichten verschwimmt.

JöH: Ein progressiver jüdischer Space

Meine Familie ist nicht religiös und nicht stark in die Gemeinde integriert. Die einzige jüdische Community, die ich kannte, bestand aus Freund:innen meiner Eltern und Großeltern. Aber die Kinder dieser Familien lebten nach ganz anderen Regeln, weshalb ich mich mit ihrem Leben kaum identifizieren konnte.

Umso mehr hat es mich gefreut, als ich von den Jüdischen österreichischen Hochschüler:innen erfuhr, als sie im Jänner 2022 den kleinen Herbert angezeigt haben. Für mich war die JöH der erste jüdische Raum, in dem ich mich mit meinen Werten zu Hause fühlte. Ein Raum, in dem Judentum, Antirassismus und Feminismus zusammenkommen. Kultur und Tradition werden mitgepflegt, aber es spielt keine Rolle, wie religiös ich bin oder welche Farbe mein Nagellack hat. Die JöH solidarisiert sich mit anderen Minderheiten und arbeitet aktiv mit anderen Organisationen zusammen. Darüber hinaus ist sie eine der lautesten jüdischen Stimmen in Österreich, die übrigens auch anderen Kellernazis eine Anzeige eingebracht hat. 

Doch auch die JöH hat ihre eigenen blinden Flecken. Sie ist dominiert von aschkenasischen Perspektiven und für neue Stimmen oft schwer zugänglich. Das zeigt, wie wichtig es ist, auch innerhalb progressiver Räume Diversität mitzudenken und marginalisierte jüdische Stimmen hörbar zu machen.

Ich bin Teil dieser Community und gleichzeitig fremd. Ich bin solidarisch, wenn es gegen Antisemitismus oder Rassismus geht, aber ich stoße auch auf patriarchale Strukturen, die innerhalb meiner Community immer noch eine große Rolle spielen. Dieses Spannungsfeld ist Teil meines jüdischen Selbstverständnisses.

Ich bin die Tochter einer russischen Mutter, die Tochter eines progressiven jüdischen Vaters, die Enkelin traditioneller bucharischer Großeltern, in einem nichtjüdischen Umfeld aufgewachsen und Vorstandsmitglied der kritischsten jüdischen Stimme innerhalb der Gemeinde. Wenn Identität ein Gymnastikprogramm wäre, hätte ich längst einen Preis fürs synchrone Spagatturnen verdient.

Jennifer Leviev

Hinterlasse einen Kommentar