Männerlos glücklich 

Männerlos glücklich 

Über die Notwendigkeit jüdisch-feministischer Räume 

Jüdisch-feministische Spaces sind leider eine Rarität in Europa. Es fehlt an Orten, an denen sich jüdische Frauen über Themen wie Menstruation, Reproduktionsrechte, mentale Gesundheit, Gendertabus, persönliche Unsicherheiten sowie das Navigieren durch Mehrfachdiskriminierung austauschen können. Orte, an denen darüber gesprochen werden kann, wie es ist, als Frau in jüdisch aktivistischen Räumen präsent zu sein oder auch als queere jüdische Frau aus nicht-jüdischen Räumen ausgeschlossen zu werden, vor allem nach dem siebten Oktober 2023, sind alles andere als selbstverständlich. Vom 8. bis 11. Mai fand in Wien ein Seminar statt, das genau diesen Themen Raum gab und ihnen eine Stimme verlieh. 

Sisterhood

Das Seminar war anders als alles, was ich davor erlebt habe. Es handelte sich um das “Women’s Network Seminar”, organisiert von der European Union of Jewish Students (EUJS), dem Dachverband aller jüdischen Studierendenorganisationen in Europa. Ich hatte die große Ehre, gemeinsam mit Judith Offenberg und Hanna Veiler dieses Seminar zu planen, zu gestalten und auszuführen. Vor einem Jahr hatten wir die Idee, und nun war es endlich soweit: die Teilnehmerinnen kamen aus ganz Europa angereist und trudelten nach und nach in die Headquarters der JöH ein. 25 Frauen saßen in einer Runde. Manche waren sich komplett fremd, manche kannten sich peripher, manche waren schon länger befreundet – doch alle waren aufgeregt und unwissend, was ihnen die nächsten vier Tage bevorstehen würde.

Ein internationales jüdisches Seminar zu veranstalten, bei dem keine Cis-Männer teilnehmen, ist praktisch undenkbar. Es gibt in Deutschland den “Jewish Women Empowerment Summit”, welcher jährlich in Frankfurt stattfindet, doch das ist gänzlich anders konzipiert als unser, bewusst klein gehaltenes, intimes Seminar. Während der Summit mit über hundert Teilnehmerinnen, auf Podiumsdiskussionen, moderierten Gesprächen und Workshops setzt, bestand unsere Gruppe aus lediglich 25 Frauen, die vier Tage lang miteinander und übereinander lernten, sich austauschten und einander unterstützten. 

Gemeinsam healen

Eine der Sessions ist doch besonders erwähnenswert. Marina Gerner, Autorin des Buches “Vagina Business”, flog aus London ein, um  mit uns über die geschlechterbasierte Gesundheitslücke und über Fem-Tech, also Gesundheitsinnovationen für Frauen, zu sprechen. Während der Session erzählte eine Teilnehmerin von ihrer Erfahrung mit der Spirale und der schlechten ärztlichen Behandlung, die sie erfuhr. Sie erzählte von ihrem Trauma, extremen Schmerzen und den Folgen der Behandlung – und fing an zu weinen. Es folgte einer der stärksten und eindrücklichsten Momente des ganzen Wochenendes. Im Raum breitete sich eine Welle von Empathie, Zuwendung und ehrlichem Zuhören aus. Einige Frauen konnten sich in ihrer Geschichte wiederfinden, andere erzählten ihre eigenen Erfahrungen. Manche standen auf, setzten sich neben sie, hielten ihre Hand. Es war kein Mitleid, sondern echtes, mitfühlendes Dasein. Es ist naheliegend anzunehmen, dass die Teilnehmerin ihre Geschichte nicht erzählt hätte, wenn auch nur ein Mann anwesend gewesen wäre. 

Am Ende des Seminars hatten fast alle Tränen in den Augen – aus Rührung, aus Dankbarkeit, aus Erschöpfung. Dieses Wochenende war ein heilendes Wochenende. Ein kollektives Ausatmen. Ein Raum zum Loslassen und zum Erzählen, was man sonst runterschlucken würde. Ein Raum, in dem niemand sich erklären musste, sondern einfach verstanden wurde. Ein Raum des widerstandslosen Seins. So anstrengend es auch war, dieses Seminar zu organisieren und mitzugestalten. Die Erfüllung, die wir danach empfanden, war einmalig. Das gemeinsame Singen der Shabbat-Lieder, bei denen ausschließlich Frauenstimmen zu hören waren, war ein Gänsehaut-Moment. 

Gimme gimme more 

Der Raum, den das Seminar bot, war dringend notwendig. Und es muss wieder passieren. Ebenso wichtig ist es, dass Männer in der jüdischen Gemeinde anfangen, wirklich zuzuhören. Nicht nur “Raum geben”, sondern aktiv Verantwortung übernehmen. Lernen, was es bedeutet, jüdische Frauen zu unterstützen, ohne sie zu übergehen. Nicht nur für uns – sondern mit uns. Es geht nicht darum, dass Männer sich zurückziehen oder schweigen sollen, sondern dass sie anfangen darüber zu reflektieren, wann sie sprechen – und wann nicht. Dass sie verstehen, wie viel Wissen, Schmerz und Perspektive in den Erfahrungen jüdischer Frauen steckt. Zuhören bedeutet nicht, passiv zu sein, sondern aktiv Raum zu schaffen. Das bedeutet auch manchmal, sich selbst zurückzunehmen, Macht zu teilen, Fehler einzugestehen und weiterzulernen.

Viele jüdische Gemeinden – egal ob religiös oder säkular geprägt – sind nach wie vor stark von patriarchalen Strukturen durchzogen. Frauen sind selten in Entscheidungspositionen vertreten, werden in religiösen Räumen marginalisiert oder ganz ausgeschlossen und Themen wie reproduktive Selbstbestimmung, queere Identitäten oder sexualisierte Gewalt gelten häufig als „unbequem“ oder „nicht gemeindetauglich“. Dabei sind es genau diese Themen, die uns betreffen – täglich. Wer über die Zukunft jüdischer Gemeinden sprechen will, muss auch über Machtverhältnisse sprechen, über die Notwendigkeit, diese zu hinterfragen und aufzubrechen.

Victoria Borochov
für das EUJS Women’s Network

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