„No pride in genocide?“
Antisemitismus in österreichischen queer-feministischen Communities
Juni ist Pride-Month. Ein Monat, in dem Diversität, Gleichberechtigung und Sichtbarkeit gefeiert werden. Doch gerade in linken Communities, in denen Jüdinnen und Juden nach Solidarität und Unterstützung suchen, erleben sie häufig etwas anderes: Ausgrenzung und Antisemitismus. Oft verleugnen progressive Bewegungen die antisemitischen Verbrechen der Terrororganisation Hamas und begegnen Jüdinnen und Juden mit einer unsolidarischen Reaktion auf das Massaker am 7. Oktober 2023. Antisemitische Haltungen werden im queer-feministischen Kontext häufig verharmlost oder als Reaktion auf israelische Politik relativiert. Antisemitismus in queer-feministischen Milieus ist ein blinder Fleck, über den nur selten gesprochen wird, genau deswegen lohnt sich ein genauerer Blick.
Pinkwashing
Eine der zentralen Formen des queer-feministischen Antisemitismus sind die sogenannten Pinkwashing-Vorwürfe an Israel. Dabei ist die Unterstellung gemeint, Israel würde progressive Politik inszenieren und LGBTQ+-Personen und ihre Rechte instrumentalisieren, um von möglichen Kriegsverbrechen abzulenken. Außerdem werfen Queer-Feminist:innen die Verwendung einer imperialen Agenda vor, mit der Israel „westliche Werte“ im Nahen Osten erzwinge und arabische Gesellschaften als rückständig und queerfeindlich darstelle. In dieser Argumentation liegt offenbar eine verschwörungstheoretische Grundannahme: Israelis hätten einen bösen, hinterhältigen Plan, von dem sie profitieren. Kritiker:innen erwähnen aber nicht, dass die queere Szene in Tel Aviv – einzigartig im Nahen Osten – einen Schutzraum für jüdische und arabische LGBTQ+-Personen bietet, welcher als terroristisches Ziel attackiert wird, sondern sehen diesen als strategisches Täuschungsmanöver. Während arabische Queerfeindlichkeit und Antisemitismus kaum thematisiert werden, wird Israel anhand Doppelstandards gemessen. Damit wird ein klassisches antisemitisches Narrativ reproduziert, das Jüdinnen und Juden Heuchelei und Parasitismus zuschreibt. Ob auf ökonomischer oder politischer Ebene, Jüdinnen und Juden werden als unauthentisch und nicht zugehörig wahrgenommen. Heutzutage wird Jüdinnen und Juden von vielen queer-feministischen Bewegungen unterstellt, Queerfreundlichkeit und Emanzipation lediglich zu simulieren. Auffälig ist auch der obsessive Fokus queer-feministischer Bewegungen auf Israel. Der Israel-Palästina-Konflikt gehört mittlerweile zu den zentralen Diskussionspunkten und eine anti-zionistische beziehungsweise anti-israelische Positionierung wird oftmals vorausgesetzt. Die Idee, dass „die Befreiung“ Palästinas zu den Schwerpunkten der westlichen queer-feministischen Agenda gehört, erfährt breite Anerkennung. So werden queere Emanzipationskämpfe auf den Nahost-Konflikt projiziert und queere Menschen mit Palästinenser:innen gleichgesetzt. Das führt progressive linke Bewegungen zu problematischen Allianzen mit konservativen, nicht emanzipatorischen Gruppen wie BDS.
Sichtbarkeit und Solidarität – für alle!
Queer-feministischer Diskurs über Israel ist heute stark von Antizionismus geprägt. Antizionist:innen glauben, sie positionieren sich emanzipatorisch und progressiv, und sehen sich daher nicht in der Verantwortung, Antisemitismus in den eigenen Reihen zu reflektieren. Durch den rhetorischen Austausch von „den Jüdinnen und Juden“ durch „die Zionist:innen“ wird versucht sich gegen jegliche Antisemitismusvorwürfe zu immunisieren. Zionismus bringt man mit Rassismus, Kolonialismus und Genozid in Verbindung, was ein Bild der einzigartigen israelischen Bösartigkeit kreiert, welche wiederum die Forderung nach der Eliminierung des jüdischen Staates rechtfertigt. Gleichzeitig wird jüdische Identität von queer-feministischen Bewegungen oft instrumentalisiert: In den Massenmedien und sozialen Netzwerken werden Jüdinnen und Juden von Opfern des Holocaust zu „White Supremacists“ umgedeutet. Aktivist:innen proklamieren einen Unterschied zwischen „den guten Opfern der Shoah“ und „den zionistischen Jüdinnen und Juden“. Erstere werden als eher weiblich und hilflos imaginiert, während letztere Juden als stark, männlich und brutal gesehen werden. Obwohl Queer-Feminist:innen behaupten, sie setzen sich nicht gegen jüdische Personen, sondern gegen den israelischen Staat ein, gibt es doch eine Erwartungshaltung gegenüber Jüdinnen und Juden, sich klar von Israel und dem Zionismus zu distanzieren. Sonst werden sie zu Feinden erklärt. Mit der pauschalen Kategorisierung von Jüdinnen und Juden als „weiß“ und übermächtig, können sexistische, homophobe oder antisemitische Gewalt seitens „nicht weißer“ Personen ignoriert oder relativiert werden. So scheitern Queer-Feminist:innen daran, den terroristischen Angriff vom 7. Oktober 2023 zu thematisieren und als gezielte sexuelle Gewaltform zu benennen. Stattdessen betreiben sie eine Täter-Opfer-Umkehr, porträtieren Palästinenser:innen, damit auch die Hamas, pauschal als Opfer des Zionismus, und sprechen Jüdinnen und Juden jegliche Verbindung mit dem Land ab. Überraschenderweise postulieren Aktivist:innen einen angeblichen intersektionalen Zusammenhang zwischen dem Zionismus, der Queerfeindlichkeit und dem vermeintlichen Kolonialismus Israels, sehen aber keine Verbindung zwischen islamischen Frauen- und Judenhass sowie Homophobie. Realität wird verzerrt, indem islamistische Kräfte als „antiimperialistisch“ dargestellt werden, während Israelis als reaktionär und ethnozentrisch wahrgenommen werden. Sogar queere Jüdinnen und Juden nimmt man nicht mehr als eine vulnerable Minderheit, sondern als kriegerische „Homo-Nationalisten“ wahr. Jüdinnen und Juden werden einmal mehr zum Sündenbock gemacht, jetzt aber nicht als „Kosmopoliten“, sondern als eine traditionalistische Macht, die Diversität zerstört. Doch wer Gleichberechtigung und Schutz für marginalisierte Gruppen fordert, darf jüdische Menschen nicht ausklammern. Sichtbarkeit und Solidarität müssen für alle gelten – auch für Jüdinnen und Juden.
Maria Matiukhina