Wer gehört zur jüdischen Gemeinde?

Wer gehört zur jüdischen Gemeinde?

Ich habe mit 15 Jahren erfahren, dass meine Mutter jüdisch ist und mich das halachisch ebenfalls jüdisch machen soll. Somit ist mir keine jüdische „Erziehung“ in die Wiege gelegt worden, und mein Grundverständnis für jüdische Identität hat sich nicht im Rahmen jüdischer Gemeinden entwickelt. Deshalb frage ich mich, was eine jüdische Gemeinde kennzeichnet und noch viel grundlegender: Was ist jüdische Identität?

Jüdischer Dissens als Identitätsbildung

Um zu verstehen, wer Teil der jüdischen Gemeinde ist oder sein kann, muss zunächst ein gemeinsames Verständnis des Begriffes der „Gemeinde“ vorliegen. Als „unterste Verwaltungseinheit einer Religionsgemeinschaft“ ist die Gemeinde eine geschaffene Grundlage für jüdische Organisationen. Trotz unterschiedlicher Standpunkte bemüht sich die jüdische Gemeinde innerhalb ihrer Struktur, einen Konsens zu schaffen, um gemeinsame Interessen umsetzen zu können. Zueinander verhalten sich diese oft autonom und stehen in einem Widerspruch, der sich in unterschiedlichen Auffassungen und Beantwortungen rund um religiöse, soziale oder politische Fragen äußert. Diese Uneinigkeiten stehen insgesamt in einem nicht endenden Prozess jüdischen Diskurses. Unter dem Grundmotiv des erlaubten Dissens können unterschiedliche Wahrheitsansprüche der jüdischen Gemeinden gleichzeitig existieren und in einem historischen Verlauf immer wieder neu ausgetragen werden. So wird die Frage, wer Teil der jüdischen Gemeinde ist, in verschiedenen Epochen der Geschichte immer wieder neu aufgegriffen. Der wandelnde Widerspruch in der Beantwortung solcher grundlegenden Fragen des Judentums stellt einen wichtigen Referenzpunkt für jüdische Identitäten dar, die sich außerhalb, aber durch die Reibungen zwischen jüdischen Gemeinden bilden. Paradoxerweise tragen jüdische Gemeinden durch ihre eigene Definition von jüdischem Selbstverständnis zu einem Diskurs bei, der neue jüdische Räume schafft, die reflexiv auf diesen Auseinandersetzungen aufbauen.

Das Problem mit dem Dissens

Diese Entwicklung jüdischer Räume und Gemeinden zeichnet allerdings nur ein idealisiertes Bild jüdischer Selbstkategorisierung, welches so nicht existiert. Einerseits impliziert das Prinzip des erlaubten Dissens, dass es einen scheinbar leeren Raum gibt, der zeitlich unbegrenzt und philosophisch noch nicht besetzt ist. In diesen Raum begeben sich dann die jeweiligen Akteure, um in einem Diskurs unterschiedliche Meinungen auszutauschen, die sich an bestimmten Punkten widersprechen und dann in einem Zuwachs an Wissen enden. In der Praxis unterliegen diese Auseinandersetzungen aber immer politischer Rahmensetzungen. Aufgrund unterschiedlicher Perspektiven wollen sich jüdische Gemeinden auch gegenseitig in Ihrer grundsätzlichen Existenz nicht anerkennen, was einem erlaubten Dissens ebenfalls im Weg steht. Obwohl philosophisch interessant, ist der erlaubte Dissens keine praktische Wirklichkeit innerjüdischer Selbstkategorisierung. 

Jüdische Fremdzuschreibung der Sowjetunion

Neben diesem innerjüdischen Diskurs wurde die jüdische Gemeinde und deren jüdisches Selbstverständnis historisch deutlich öfter durch nichtjüdische Instanzen definiert. So stelle ich bei mir fest, dass meine individuelle Lebenswelt von jüdischen Personen durch viele ähnliche Erlebnisse geteilt wird: Verschwiegenheit jüdischer Herkunft, Eltern, die aggressiven Assimilationseinflüssen der Sowjetunion ausgesetzt waren oder fehlende Familienstammbäume, als hätten diese nie existiert. Allgemeiner lässt sich in der historischen Rekonstruktion jüdischen Selbstverständnisses der Sowjetunion erkennen, dass hier gewaltvoll eine „Nicht-Identität“ von Jüdischem geschaffen wurde. Denkbar ist, dass sich viele Jüdinnen und Juden in der Sowjetunion somit einen „nicht jüdischen“ Habitus angeeignet haben, den sie an die postsowjetische Generation weitergegeben haben – und damit an meine. Ich habe also gelernt, wie man nicht jüdisch ist.

Was ist also jüdische Identität?

Wie bin ich dann jüdisch? Weil ich mir diese Frage überhaupt stelle und sich jüdisch sein für mich nicht aus meiner gesamten Lebensgeschichte ergibt, steht das jüdische Selbstverständnis für mich vor einem Geltungs- und Begründungsanspruch. Ich suche nach scheinbar greifbaren Eckpunkten jüdischer Identität, um sie pseudokritisch für mich zu dekonstruieren und sie dann in meine eigene Identitätsbildung aufzunehmen. Psychologisch bildet sich damit ein konstruiertes jüdisches Selbstbild, das ich von mir habe.

Wenn ich aber indirekt oder direkt gelernt habe, wie man nicht jüdisch ist oder sich nicht jüdisch verhält, ist die Gegenkonstruktion dazu dann wirklich ein Teil jüdischer Identität? Oder ist es lediglich die Fremdkonstruktion jüdischer Identität durch die Sowjetunion? Letztendlich stellt sich also die Frage, wie die Fremdkonstruktion jüdischer Identität überwunden und die Erfahrung dieser Fremdkonstruktion gleichzeitig als Teil jüdischer Geschichte – und damit Identität – gesehen werden kann.

Andreas Pashchenko

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