Wer sind die „neuen Nazis”?

Wer sind die „neuen Nazis”?

Von beidseitigen Holocaust-Vergleichen und gegenseitiger Dehumanisierung

“Wollt ihr jetzt wirklich die neue SA und SS sein und aus den Palästinensern die neuen Juden machen?”, rief eine Rednerin auf einer “pro-palästinensischen” Demonstration im vergangenen Jahr ins Mikrofon hinein. Die Österreicherin mittleren Alters zitierte diese Frage aus dem Gedicht “Ein Jude an die zionistischen Kämpfer” (1988) des jüdischen Lyrikers und Shoah-Überlebenden Erich Fried. Fried, der selbst nie in Israel war, verstieg sich bis zu seinem Tod 1988 in immer drastischeren Israel-NS-Vergleichen. So bezeichnete er im selbigen Gedicht die “zionistischen Kämpfer” – die israelische Armee – als “Hakenkreuzlehrlinge” und stellte an anderer Stelle den ehemaligen israelischen Premierminister Menachem Begin, dessen Eltern im Holocaust ermordert wurden, in eine Reihe mit Hitler und Stalin. Dieses Beispiel – nicht das Gedicht als solches, sondern dessen Instrumentalisierung – ist bezeichnend für die Auseinandersetzung mit dem israelisch-palästinenischen Konflikt: Israel soll in seiner angeblichen verbrecherischen Qualität in eine Linie mit dem grausamsten Regime der Menschheitsgeschichte gestellt werden – oder dieses gar übertreffen. Hierfür sucht man sich bestenfalls noch eine jüdische Einzelstimme wie Fried, die einem den perfiden und antisemitischen Vergleich vor Kritik immunisieren soll. 

“Never Again” als Hass auf den jüdischen Staat

Dass diese Rede ausgerechnet am internationalen Holocaust-Gedenktag 2024 gehalten wurde, fügt sich in gleichzeitiger und absoluter Aneignung jüdischen Leids in eine jahrzehntelange Tradition von Vergleichen zwischen Israel und dem Nationalsozialismus ein, die bis in die 1960er Jahre reicht. Seit dem 7. Oktober 2023 vollziehen aktivistische, akademische sowie staatliche Akteur:innen derartige Gegenüberstellungen jedoch in vollkommener Enthemmung, beispielsweise mit Aufschriften wie “Not even the Nazis bombed hospitals” oder Vergleichen zwischen Benjamin Netanjahu und Adolf Hitler. Diesen Gegenüberstellungen liegt fast immer Antisemitismus, Geschichtsrevisionismus sowie eine küchenpsychologische Auffassung von Freudscher “Übertragung” zugrunde. Demnach habe der Holocaust eine Art unbewussten Konflikt in Jüdinnen und Juden ausgelöst, der jetzt auf Palästinenser:innen projiziert wird: Das traumatisierte Kind tue, wie ihm getan wurde und begehe jetzt einen neuen Holocaust. Es wirkt manchmal so, als hätten die Proponent:innen von Israel-NS-Vergleichen die Vorstellung, man könne den Konflikt beenden, indem man Netanjahu und alle anderen Israelis an den Schultern packt, tief in die Augen schaut und sagt: “Babe stop! Look at me, this isn’t you! It‘s just the Holocaust talking out of you”. Die jahrzehntelange und hochkomplexe Historie des israelisch-palästinensischen Konflikts wird dabei natürlich vollkommen ausgeblendet. Derartige Vergleiche können normalerweise auch nur auf einem latenten oder manifesten antisemitischen Nährboden wachsen, der bereits vom Verdacht durchdrungen ist, der Judenstaat sei die Inkarnation des Bösen, den es in seinem ganzen Wesen – mit allen Mitteln – zu bekämpfen gilt. 

Nebenbei wird dem Holocaust jeglicher Partikularismus als spezifisch antisemitisches Verbrechen abgesprochen und wird stattdessen in eine universalistische Geschichtserzählung eingegliedert. In einer solchen Weltanschauung sind Jüdinnen und Juden quasi zufällig Opfer eines Genozids geworden, aus dem es nun gelte, Prinzipien “für alle” abzuleiten. Auch wenn sich selbstverständlich Schlüsse für die Universalität von Menschenrechten aus der Shoah folgern lassen, verschleiert der Satz “Never Again Means Never Again for Anyone”, der oft mit Israel-NS Vergleichen einhergeht, eine wichtige Tatsache: Es wird nicht einfach “anyone” Opfer eines Genozids. Eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem Holocaust muss vor allem auch in eine zentrale, partikularistische Erkenntnis münden: Jüdinnen und Juden benötigen einen selbstbestimmten Schutzraum vor antisemitischer Gewalt – einen jüdischen Staat. Dieser Schluss wird in den obigen Vergleichen nicht nur ausgelassen, sondern verkehrt und der Hass auf den jüdischen Staat perfide als “Lehre aus dem Holocaust” umgedeutet.

Mit “Judenstern” in der UNO

Während in westlichen Kontexten zudem der Wunsch mitschwingt, die historische Schuld gegenüber Jüdinnen und Juden zu minimieren und zu relativieren, könnte bei direkt betroffenen Personen der Impuls überhand gewinnen, die schlimmstmögliche Bezeichnung für das erfahrene Leid zu wählen. Ein Beispiel hierfür ist die tragische Tötung der 6-jährigen Hind Rajab, die als einzige ihrer Familie einen Beschuss der israelischen Armee überlebte. Nach stundenlangem Warten auf Hilfe wurde sie letztlich mit zwei eintreffenden Rettungssanitätern des palästinensischen roten Halbmonds – möglicherweise vorsätzlich – vom israelischen Militär beschossen und getötet. Ihre Geschichte wurde vielfach in Postings geteilt, in denen sie fortlaufend als “Anne Frank of Gaza” bezeichnet wurde. Ähnlich verhielt es sich in einem Interview mit Aliya Cohen, der nach 505 Tagen aus der Geiselhaft der Hamas befreit wurde. Auf seine grausame Beschreibung von gezielter Aushungerung, Missbrauch und Schikane durch die Hamas entgegnete die Moderatorin, dass es “nichts Nazi-hafteres gäbe als das”. 

Auf israelischer Seite basieren derartige Vergleiche auch teilweise auf einer sprachlich-gesellschaftlichen Norm, islamistische Attentäter (und politische Rivalen) grundsätzlich als Nazis zu bezeichnen. Wo in der jüdischen Diaspora erfahrungsbedingt zwischen linkem, rechtsextremen und islamistischem Terror unterschieden wird, erfüllt sich für die israelische Bevölkerung durch derartige Gleichsetzungen ein tief verankerter politischer Mythos: Die historischen und kontemporären Bedrohungslagen Israels sind prinzipiell die “ideologische” Kontinuität “der Nazis”. In diesem Sinne vollzieht sich auch auf politischer Ebene in Israel seit Jahren eine Enthemmung hinsichtlich NS-Vergleichen. So trug beispielsweise im Oktober 2023 die gesamte israelische UNO-Delegation einen gelben Davidstern mit der Aufschrift “Never Again” auf der Brust. Zugleich bezeichnet der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu die Hamas fortlaufend als “neue Nazis” oder “schlimmer als die Nazis”.

Am Ende steht die Dehumanisierung

Man muss dem Einwand stattgeben, dass es selbstverständlich einen Unterschied macht, wenn solche Vergleiche aus jüdischer Perspektive getroffen werden. Nicht zuletzt verfolgt die Hamas tatsächlich einen vernichtungsideologischen Antisemitismus, dem alle Jüdinnen und Juden am 7. Oktober zum Opfer gefallen wären, gäbe es nicht die “zionistischen Kämpfer“, wie Fried sie betitelte. Überdies konnten Teile der  nationalsozialistischen Ideologie in den 1930er und 1940er Jahren tatsächlich Eingang in die islamistische Welt, wie auch in panarabistische Ideologien, finden. Dennoch ist der Hamas-NS Vergleich eine Überhöhung, die ihrerseits den jahrzehntelangen Konflikt als scheinbare Weiterführung des Holocausts zu subsumieren versucht. Bereits die Tatsache, dass Israel die Hamas als Gegenspieler zur PLO zeitweise unterstützte, sprengt solche Vereinfachungen. 

Letztendlich bleibt festzuhalten: Weder Israel noch die Hamas sind die neuen Nazis, auch wenn einzelne Holocaust-Forscher:innen aus beiden Lagern versuchen, derartige Standpunkte zu formulieren. Ungeachtet der Hintergründe, der Motive und des Kontexts, in dem derartige Vergleiche fallen, weichen sie nicht nur die Singularität des Holocausts auf, sondern münden auch unvermeidlich in eine Dehumanisierung: Wer sein Gegenüber als Nazi versteht, legitimiert jedes Mittel der Gewalt – auch gegen Zivilbevölkerungen, die in der Folge  analog zu Nazideutschland gelten sollen. Wenn jeglicher abscheulicher Gewaltakt zum Befreiungskampf avanciert, bleibt nur Tod, Zerstörung und für friedliche Szenarien der Koexistenz kein Raum. 

ALON ISHAY

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