Im Westen nichts Neues
International Report der jüdischen Studierendenunion Maastricht
In diesem Artikel werden wir nichts Neues schildern. Wie in einem vorgeschriebenen Skript werden weltweit auf persönlicher und akademischer Ebene Israelinnen und Israelis, der Staat Israel und Zionismus dämonisiert. Antisemitismus (hier gerne auch Antizionismus genannt und akzeptiert) kommt in der niederländischen Universitätsstadt Maastricht meist von der woken und vermeintlich aufgeschlossenen Linken. Um euch unsere Erfahrungen zu berichten, möchten wir euch Maastricht in seiner Einzigartigkeit schildern. Wir sind Gründungsmitglieder von IJAR Maastricht – einem jüdisch-zionistischen Studierendenverein in Maastricht.
Im Süden, im konservativsten Eck der Niederlande, hat sich über die letzten 50 Jahre aus der kleinen, ehemaligen Fabrikstadt Maastricht eine internationale Universitätsstadt gebildet. Die 1976 gegründete und inzwischen renommierte Universität zieht Student:innen und Professor:innen der ganzen Welt an. Dementsprechend gibt es auch internationale jüdische und israelische Student:innen und eine ältere einheimische jüdische Gemeinde. Es gibt sogar zwei israelische Restaurants, die es nicht wagen, sich öffentlich als israelisch zu bekennen. Jedoch ist die jüdische Gemeinde und Student:innengemeinschaft hier klein und aufgrund hoher Fluktuation nicht stark vereint.
Maastricht University bietet verschiedene Studiengänge an; deren Fakultäten sind, wie auch in Wien, in der ganzen Stadt verteilt, womit sich auch gewisse Gemeinschaften inmitten dieser Fakultäten bilden und eine gemeinsame Meinung vertreten wird. Somit weiß man als Israelin oder Israeli, als zionistische:r Jüdin oder Jude, wo man willkommen ist und sich sicher fühlen kann und wo nicht.
Überall BDS
Zur Aufklärung des antisemitischen Klimas und deren Bekämpfung in den Niederlanden: Es gibt eine starke BDS-Bewegung, die sich uneingeschränkt am Campus bewegt, und einen nationalen, politisch inaktiven, jüdischen Studierendenverein, der daher auch leider nicht für die Interessen ihrer Student:innen am Campus einsteht.
Im Jahr 2022 sorgte eine Anfrage an die niederländische Vertretung von Universitäten für großen Schrecken, da Listen israelischer Angestellter veröffentlicht werden sollten. Trotz anfänglicher Zustimmung, einschließlich der Universität Maastricht, wurde die gefährliche Anfrage erst nach starkem Widerstand seitens der Universitätsmitarbeiter und der niederländischen Interessensvertretung CIDI, Center for Information and Documentation Israel, abgelehnt.
In Maastricht spezifisch spielen sich die meisten dieser BDS-Aktivitäten an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät ab; diese musste letztens geschlossen werden, als die lokale BDS und ihre Anhänger:innen randalierten. Israelische Student:innen fühlen sich hier seit Jahren sehr bedroht. Das University College Maastricht (UCM) wird gemieden – Gänge und Räume sind mit Bannern mit der Aufschrift “L’chaim Intifada” und Postern mit der Aufschrift einer verzerrten Definition von Zionismus geschmückt, Bibliothekstoiletten wurden beschmiert mit “educate yourselves – free palestine”. Wegen dieses Aufruhrs sind einheimische Angestellte verärgert; hier herrschen die Student:innen, ganz klar. Insbesondere fühlen sich Israelinnen und Israelis, Jüdinnen und Juden, zurecht nicht mehr willkommen, nein, schlimmer – eingeschüchtert und bedroht. Zionismus wird hier als Schimpfwort verwendet, Israel ist “the zionist entity”. Von der Universität kommen nur zögerliche Reaktionen. Am Wochenende vom 7. Oktober standen 10 Student:innen mit Palästina-Flaggen am Hauptplatz. Es gibt jede Woche einen Aufmarsch.
Eine Woche nach dem Terroranschlag der Hamas auf Israel hat sich die Universität bei uns (IJAR Maastricht, der jüdischen Studierendenvertretung) gemeldet. Sie möchte uns in diesen Zeiten unterstützen. Von dieser Initiative waren wir erleichtert und fühlten uns gesehen. Seither sind wir in Gesprächen und erarbeiten das Annehmen der IHRA-Definition für Antisemitismus an der Universität. Die Universitätsleitung kann mit diesem Thema nicht umgehen – sie kennt sich mit Zionismus und dem Konflikt wenig aus und handelt nach bester Beratung. Anstatt aktiver Reaktionen erhielten wir Therapiestunden, in welchen wir wöchentlich gefragt wurden, wie es uns geht – ohne Pläne oder Handlungen gegen die Hasskampagnen. Bei Schmierereien, Bannern und Vandalismus schritt die Universität ein, jedoch zögernd, um die Ruhe am Campus einzuhalten. Hierbei bleibt die Universität unsicher, wie weit man gehen kann, um das Grundrecht der Meinungsfreiheit zu gewährleisten. Jedoch gibt es ein Ungleichgewicht in der öffentlichen lokalen Meinung unter vielen Student:innen, welche von der sehr populären Free Palestine Maastricht (FPM) ohne Hemmungen laut und deutlich über soziale Medien oder Versammlungen der FPM ausgedrückt wird.
Token Token Token
Da die lauteste und zurzeit einzige Stimme in Maastricht, die den Konflikt thematisiert, von FPM kommt, werden neutrale und über das Thema ahnungslose Personen auf die “gerechte Seite“ gebracht. Denn laut FPM ist das Zeigen von Solidarität mit Palästinenser:innen inkompatibel damit, Israel und seine Einwohner:innen anzuerkennen. Es handelt sich hier nicht um eine Mehrheit, sondern um eine laute und hetzende Stimme. Mitglieder des Vereins erwarten, dass man seine Identität als Israeli:n ablegt, bevor man sich auf eine Diskussion einlässt und vertritt gleichzeitig stolz den Ausdruck “From the River to the Sea.” Hamas-Terroristen werden als Freiheitskämpfer dargestellt. FPM ist “ein Freund der Juden, sie müssen sich nur von Israel distanzieren”. Ein Diskurs ist nicht möglich. Verherrlichung des Märtyrertums durch das Glorifizieren Leila Khaleds ist auch Gang und Gebe. Wenn man diese Meinung öffentlich vertritt und die Hamas und das Massaker des 7. Oktobers rechtfertigt und verherrlicht, ist die Grenze zur Meinungsfreiheit jedoch klar überschritten.
Wegen Drohungen wurden Uni-Events, die Dialog und Austausch zum Thema und zu persönlichen Erfahrungen ermöglicht hätten, abgesagt. Pro-palästinensischer Aktivismus wird so starr, dass die Menschlichkeit im Gegenüber nicht mehr erkannt wird. Auch außerhalb des Campus werden israelische Unternehmen öffentlich boykottiert. Ebenso dient es dem pro-palästinensischen Aktivismus, Israelis zu „canceln“.
Um dem vorgeschriebenen Skript treu zu bleiben, darf die antizionistische jüdische Minderheit nicht fehlen. Über ihre Existenz haben wir erstmals durch eine Story des FPM Instagram-Account erfahren. Es handelt sich hier um wenige Student:innen, die als „Whitewashing“ für FPM mit ihrem Distanzieren von Israel werben. Dass FPM die Hamas verharmlost ist ein Problem, ändert aber nichts an ihrer Zusammenarbeit.
Dennoch sind wir Jüdinnen und Juden in diesen Zeiten stärker denn je. Die israelischen und jüdischen Gemeinden halten mehr zueinander als jemals zuvor. Seit November arbeiten wir gemeinsam an einem festen jüdischen Studierendenverein, der unsere Interessen vertritt und der dafür sorgen soll, dass wir Teil des Diskurses werden können. Erstmals wurden demokratische Wahlen der IJAR Maastricht gehalten. Wir sind inklusiv und erkennen, wie viele bei dem Thema in der Mitte stehen und beide “Seiten” hören wollen, um sich ihre eigene reflektierte Meinung zu bilden. Wir wollen einen kulturellen, traditionellen und politischen Ort erschaffen, an dem unsere Geschichte erzählt und unsere Wahrheit übermittelt wird.
Aus diesen schwierigen Zeiten schöpfen wir Hoffnung. Am Israel Chai!
Livia Baranes, Thomas Fodor