Zwischen Solidarität
und Enttäuschung
Die letzten drei Monate waren mit ambivalenten Erfahrungen und Emotionen gefüllt, von Schock über das Verhalten einiger Gruppen bis hin zu Dankbarkeit für die Solidarisierung seitens der Verbündeten der JöH. In einer Zeit, in der linker Antisemitismus aufkeimt, ist kompromisslose Solidarität aus der politischen Linken besonders bedeutungsvoll.
Am zweiten Oktober wählten wir den neuen Vorstand, nur fünf Tage danach geschah der 7.Oktober. Waren die Sicherheitsgurte angelegt? Sie mussten es sein, denn wir drückten auf den Beschleunigungsknopf, oder besser gesagt: der Knopf wurde für uns gedrückt.
Es ist wenig überraschend, dass die Geschehnisse im Nahen Osten ihre Schatten auch auf die österreichische Bühne werfen. Denn der Antisemitismus hat keinen Grund, er findet ihn. Er ist da, wie ein hartnäckiger Fleck auf einer weißen Weste, den man zu verbergen versucht. Doch wenn man mit dem Finger darauf zeigt, offenbart er sich, zumeist mit einem “aber”. Dass der Antisemitismus keineswegs nur ein Problem des rechten Lagers ist, sollte unseren aufmerksamen NOODNIK-Leser:innen bekannt sein. Innerhalb bestimmter “linker” Kreise persistiert das Feindbild Israel, obschon die Gründung des jüdischen Staates eigentlich ein linkes Projekt war, vorangetrieben von sozialistischen Zionist:innen.
Die Antisemitismus-Meldestelle verzeichnet einen Anstieg von 400% der gemeldeten Vorfälle – und das im Vergleich zu den Zahlen einer pandemischen Krise, die uns nicht nur mit Viren zu infiltrieren versuchte. Das Stimmungsbild ist erschlagend und reicht von vermeintlich pro-palästinensischen Demonstrationen, die den Judenplatz stürmten, bis hin zu antisemitischen Vandalenakten an Universitätswänden. Bereits einen Tag nachdem die Hamas den größten Mord an jüdischem Leben seit der Shoah verübte, fand auf der Mariahilferstraße eine pro-palästinensiche Kundgebung statt. In dieser zeigte sich der Redner solidarisch mit “allen Formen des einigen palästinensischen Widerstands”. Veranstaltet wurde die Kundgebung von Organisationen wie BDS, deren Leitung in Österreich engen Kontakt zum Anführer der Hamas pflegt, aber auch von anderen einschlägigen Organisationen wie Dar Al Janub und Palästina Solidarität Österreich.
Nur vier Tage dauerte es, bis wir mit der Gemeinde eine Kundgebung am Ballhausplatz veranstalteten und unsere selbstgemalten Schilder empor hielten. Das starke Bedürfnis unter uns Jüdinnen und Juden, Solidarität kundzutun, war spürbar. Aber auch seitens der Zivilgesellschaft schlossen sich viele Verbündete an. Dann, kurz darauf, folgte ein Lichtermeer am Heldenplatz mit über 20,000 Teilnehmenden, um an die verschleppten Geiseln zu erinnern und ein Zeichen gegen Antisemitismus, Terror und Hass zu setzen. Die Geiseln – sie dürfen die Freude eines schön gedeckten und mit Essen beladenen Tisches zu Shabbes nicht erleben. Am Judenplatz haben wir deshalb gemeinsam mit der Initiative Bring Them Home NOW einen leeren Schabbat-Tisch installiert, um auf die anhaltende Abwesenheit hinzuweisen. Als Teil dieser engagierten Gruppe von Freiwilligen unternehmen wir seit vier Monaten alles, um auf die untragbare Situation der Entführten im Gazastreifen aufmerksam zu machen.
Die Lage war also ernst, insbesondere auch jene der betroffenen israelischen Frauen. Doch die Reaktion von feministischen Organisationen blieb erstaunlich lange aus. Es hat ganze zwei Monate gedauert, bis sich UN-Women das erste Mal zur sexualisierten Gewalt an Frauen am 7. Oktober geäußert hat. Das verspätete Statement war letztlich verharmlosend und verschwieg die fortwährende Notsituation für die verbliebenen Geiseln. Wir protestierten vor ihrem Büro in Wien. Enttäuschung empfinden wir auch gegenüber dem Roten Kreuz, das trotz seiner braunen Vergangenheit kein Interesse am Leid jüdischer Menschen im Konflikt zeigt. Also stellten wir uns ebenso mit Postern vor die Zentrale des Roten Kreuzes, das die 136 Geiseln weder besucht noch medizinisch versorgt.
Was ist an den Unis los?
Angesichts der Tatsache, dass sich an Universitäten ein besorgniserregendes Bild zeichnet, sind wir ungemein froh über unsere Verbündeten, die mit solidarischen Statements, Mahnwachen oder Vorträgen unterstützen wo es geht. Antifaschismus und israelbezogener Antisemitismus ist für viele unvereinbar und so dauert es meistens nicht lange, bis antisemitische Beschmierungen wie “Free Palestine from German/Austrian guilt” von Universitätswänden entfernt werden.
Die Hochschullandschaft sieht sich jedoch nicht nur mit Schmierereien konfrontiert. Eine antisemitische Vortragsreihe mit BDS-Vortragenden wurde zwar von der Universität Wien abgesagt, aber nicht alle Universitäten reagieren so entschieden. Die Situation für jüdische Studierende an der Central European University (CEU), an der diese Veranstaltungsreihe letztlich stattfand, ist belastend. Dort kam es überdies zu alarmierenden Aktionen seitens der CEU-ÖH, welche in einem Brief an all ihre Studierenden die Massaker der Hamas als legitimen Widerstand verklärte und antisemitische Verschwörungstheorien teilte. Zudem kam es zu zahlreichen verbalen Attacken auf jüdische Studierende. Nach eindringlichen Interventionen unsererseits hat sich das Rektorat der CEU bereit erklärt, die Situation zu verbessern und Veränderungen vorzunehmen.
Auch die Rektorin der Angewandten stand auf unserer Besuchsliste. Ein Vorfall nach dem Treffen erreichte später auf unserem Twitter mehr als eine Million Klicks: Bei der Free-Palestine Kundgebung im Foyer der Universität, die wir beim Verlassen des Gebäudes passierten, begannen wir auf Grund antisemitischer Aussagen die Veranstaltung zu filmen. Im selben Moment, in dem die Rednerin das Hamas-Massaker vom 7. Oktober leugnete, versuchten aggressive Aktivist:innen uns unsere Handys aus der Hand zu schlagen. Unter “Leave Now”-Rufen wollte man uns aus der Uni drängen. Der Vorfall zog lange Diskussionen in Politik und Medien nach sich.
Zwischendurch ein bisschen “Shabbes Shabbes”
Eine Frage, die man sich stellen kann: Was macht es eigentlich mit einem Menschen, wenn er seine eigene Existenz ständig rechtfertigen muss? Was macht es mit einem, wenn man permanent in eine defensive Rolle gedrängt wird – sei es am Campus, bei der Arbeit oder unter Freund:innen, wo man eine Palette an Standard-Antworten parat haben muss, nur für den Fall? Es macht vieles, aber vor allem macht es resilient.
Trotz des Gefühlskarussells, trotz der Anforderung, standhaft zu bleiben, trotz allem, können wir in ruhigen Momenten auch von der Freude kosten. Denn unsere Identität definiert sich nicht über die Negation des Antisemitismus. Wir sind Subjekte und ergreifen die Offensive, wenn unsere Lebenswelt in Frage gestellt wird.
“We will dance again” lautet ein hoffnungsvoller Satz, den sich seit dem 7. Oktober viele Jüdinnen und Juden sagen. Um diesen Mut zum Leben zu unterstreichen, organisierten wir im Dezember eine Chanukka-Party, bei der die erwartete Gästezahl übertroffen wurde. Inmitten aller Misstöne – oder vielleicht gerade deshalb – reichten wir uns die Hände und ließen unsere Beine in die Luft schwingen. Am Ende des Tages hoffen wir alle auf eine bessere Zukunft. Lasst bitte die Musik lauter erklingen.
Und lasst die Musik auch auf Jiddisch erklingen. Denn Resilienz wollten wir auch mit der Organisation zahlreicher Veranstaltungen zeigen, ob Filmabend oder Musiknacht, Yoga-Sessions oder Shabbes Dinners. In diesem Jahr haben wir zudem zum ersten Mal einen Jiddisch-Kurs ins Leben gerufen, der immer mehr Teilnehmer:innen gewonnen hat und neue Akzente setzt.
Auch gegen Rechtsradikale gehen wir weiter auf die Straße, denn selbstverständlich kämpfen wir weiterhin gegen jeden Antisemitismus. So kam es neben unserer Präsenz bei Demos gegen Rechtsextreme in der Nacht auf den 27. Januar zu einer Umbenennung des Lueger Platzes durch unbekannte jüdische Aktivist:innen. Dieser heißt nun „Platz der gescheiterten Erinnerungskultur”.
Das macht die JöH im Wesen aus: Wir scheuen uns nicht davor, gegen jegliche Formen des Antisemitismus zu kämpfen, wo immer er schlummert und wo immer wir ihn ertappen und egal unter welchem Gewand er sich tarnt. Und vielleicht können wir zwischendurch ein bisschen “Shabbes Shabbes” singen.
Eidel Malowicki