Die erste jüdisch-genealogisch-historische Konferenz in Wien
Im Konferenzsaal der Central European University treffen sich Historiker:innen, Genealog:innen und Studierende aus aller Welt zu einer dreitägigen Konferenz, die es in Wien in der Form noch nicht gegeben hat. Verlorene Familiengeschichten werden rekonstruiert, verschollene Gemeinden sichtbar gemacht und verstreute Archive neu zusammengesetzt. Zwischendurch stellt sich heraus, dass irgendjemand doch wieder mit irgendwem verwandt, verschwägert oder über acht Generationen hinweg verbunden ist.
Gleich am Eingangstisch liegen die dicken Bände Wer einmal war (A–Z) von Georg Gaugusch, die geradezu um Aufmerksamkeit betteln. Nicht verwunderlich, denn darin tut sich ein Netzwerk von rund 500 Familien auf, das sich im 19. Jahrhundert als geschlossenes Milieu in Wien etablierte. Nur ein akribischer, detailverliebter Historiker kann ein solches Werk leisten.
Die Konferenz entsteht aus einem neuen institutionellen Zusammenschluss der Association for Central European Jewish History and Genealogy (CEJHG) (deutsch: Verein für zentraleuropäische jüdische Geschichte und Genealogie) in Partnerschaft mit dem Jewish Studies Program der Central European University. Getragen wird sie von E. Randol Schoenberg (Chairman) – ja, genau dem Anwalt aus dem Fall Maria Altmann und Die Frau in Gold –, Prof. Michael Laurence Miller (Deputy Chairperson), Dr. Marie-Theres Arnbom (Deputy Chairperson), Mattan Segev-Frank, MA (Board Secretary and Secretary General) und Dipl.-Ing. Georg Gaugusch (Treasurer). Begleitet wird das Ganze von den Volunteers des Jewish Studies Department. Innerhalb der ersten sechs Monate hat sich ein Netzwerk von über 100 Mitgliedern gebildet, das kontinuierlich wächst.
Ein Wiedersehen mit der eigenen Familiengeschichte (und der von allen anderen)
Zu Beginn ist von einem Schidduch zwischen Historiker:innen und Genealog:innen die Rede – schließlich können die einen kaum ohne die anderen. Unter den Referent:innen versammelt sich ein breites Spektrum an Forscher:innen, die geografisch in ganz Mitteleuropa verortet sind und zugleich unterschiedliche historische Epochen abdecken.
Pnina Younger vom Central Archives for the History of the Jewish People, zeigt, wie genealogische Methoden ganze historische Räume neu öffnen. Daniel Polakovič, vom Jüdischen Museum Prag macht sichtbar, wie tief fiskalische Systeme in Familien- und Lebensstrukturen eingreifen – manchmal leise, manchmal brutal konkret. Plötzlich verwandeln sich auch kleine Orte wie Tiszafüred oder Námestovo in eigene Universen. Die Tage führten durch rabbinische Geschichten, Böhmen und Mähren, Stadtgeschichten, Quellen, die Schreiber-Dynastie, Handelsnetzwerke, Migration und Friedhöfe. Am letzten Tag hatte ich die Ehre, über die Motivationen der sogenannten Wiederösterreicher:innen zu sprechen.
Wenn die großen Archive fehlen, springt die Genealogie ein. Wenn Genealogie allein nicht reicht, kommt die Geschichte zurück. Am Ende entstehen dichte Mikrogeschichten, in denen einzelne Familien ganze gesellschaftliche Strukturen widerspiegeln. Dass Interdisziplinarität in der Wissenschaft längst mehr als ein Schlagwort ist, zeigt sich an jenen Abenden.
Wir brechen aber auch in die Stadt auf. Verschiedene Touren stehen zur Auswahl. Ich entscheide mich für eine Tour, die mich zum Währinger Friedhof verfrachtet, genauer gesagt zum jüdischen Teil, der normalerweise nicht öffentlich zugänglich ist. Fanny von Arnstein lässt grüßen. Und auch die Brennnesseln.
Warum das alles?
Wozu das Ganze eigentlich? Es gibt viele Gründe. Aber einer zieht sich durch alles hindurch, wenn ich in die Gesichter der Anwesenden blicke. Hinter den Stammbäumen steckt auch die Sehnsucht nach etwas, das sich wie Zugehörigkeit anfühlt, nach Identität und Antworten auf die menschlichste Frage: „Wer bin ich?“
Familienstammbaumforschung erschöpft sich nicht in persönlicher Sinnsuche. Im Judentum hat sie eine jahrtausendealte Tradition. Denn Menschen sind erzählende Wesen. Wir verstehen die Welt durch Geschichten über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Familiengeschichten gehören zu den ältesten dieser Erzählungen. So erfahre ich am zweiten Tag der Konferenz auch die Geschichte eines Cousins Halberstam, der aus Wien zur Zeit der NS-Verfolgung floh.
Gerade deshalb erhält genealogische Forschung nach der Shoah eine zusätzliche Bedeutung. Das nationalsozialistische Regime löschte vielfach ganze Familien aus – Erinnerungen brachen ab, Archive wurden vernichtet, Verbindungen gingen verloren. Viele Geschichten wurden nie weitererzählt. Hinzu kommt eine Gegenwart, in der die historische Realität der Shoah zunehmend relativiert, verzerrt oder sogar geleugnet wird. Mit jeder neu erschlossenen Quelle werden Stück für Stück Namen wiedergefunden und Menschen gewürdigt, die allzu lange hinter anonymen Zahlen verborgen geblieben sind. Genealogie ist deshalb oft mehr als historische Rekonstruktion. Sie ist der Versuch, Fragmente wieder miteinander zu verweben. Sie ist eine Form des Erinnerns und des Weitererzählens.
Von Stadt zu Stadt, von Idee zu Struktur
Die nächste Konferenz wird im Mai 2027 in Budapest stattfinden. Es soll zu einer jährlichen Tradition werden, die zwischen Städten in Zentraleuropa wandert und eine wachsende Community regelmäßig zusammenbringt.
Parallel dazu beginnt die CEJHG bereits mit weiteren Schritten: Neben Konferenzen sollen künftig auch Forschungsprojekte zur Sammlung, Transkription und Veröffentlichung genealogischer und historischer Datenbanken entstehen. Jetzt, nach der ersten Konferenz, startet das erste dieser Projekte. Was hier entsteht, ist erst ein Anfang und weit mehr als eine akademische Fingerübung.
Eidel Malowicki