Bei uns gibt es kein “Ende gut, alles gut”

Bei uns gibt es kein
 “Ende gut, alles gut”

Diese Ausgabe widmen wir gewissermaßen den letzten zwei Jahren. Eine Zeit, die nicht nur für die JöH eine sehr bewegende war. Im letzten NOODNIK berichteten wir über Bündnisse, die zu Bruch gingen, doch eigentlich schien da auch eine Hoffnung durch. Wir hofften, dass nach beinahe zwei Jahren Krieg alle ihr wahres Gesicht gezeigt hätten. Doch wieder einmal war unsere Einschätzung von Naivität geblendet.

Pünktlich zum Release der besagten letzten Ausgabe fing der Krieg mit dem Iran an. Dies bedeutete, dass uns die Absurdität unserer Realität wieder einmal vor Augen geführt wurde. Denn es war klar, dass die Eskalationen des Konfliktes für Jüdinnen und Juden in der Diaspora und somit auch für die JöH erneut bedeuteten, dass wir unsere Veranstaltungen nicht mehr bewerben konnten und viele absagen mussten. Eine Vorstellung, die, wenn man sie zu Ende denkt, oft erschreckender ist, als uns in unserer täglichen Arbeit auffällt. Sicherheitsmaßnahmen, wie zwei Eisentüren, die Geheimhaltung unseres Standorts und der Schutz durch bewaffnetes Sicherheitspersonal ist unsere Normalität. Doch in den letzten zwei Jahren ist noch einiges “normal” geworden. Denn unsere Situation hat sich mit dem viel zu späten „Ende“ des Krieges nicht von einem Tag auf den anderen wieder normalisiert. Also kein „Ende, gut alles gut“ – nein, viel eher ist uns klar geworden, dass ob dem hinterlassenen Chaos unsere Arbeit wichtiger denn je ist. Einerseits steht da die Frage, warum wir nur mehr einen Bruchteil unserer Verbündeten haben, obwohl wir nicht die Botschafter:innen der israelischen Regierung sind. Andererseits stellt sich die dringende Frage nach dem, was wieder sagbar ist. Oder um nicht so wage zu klingen, wie der Umgang mit der JöH und mit jüdischen Studierenden allgemein ausschauen kann. 

Die ÖH im Nahost-Theater

Es geht also um das Gesagte, aber auch darum, mit wem noch gesprochen wird. Wenn die GRAS Uni Wien klar wird, dass sie mit ihren VSStÖ-Koalitionspartner:innen nicht mehr sprechen können aufgrund der Toxizität ihrer Nahost-Diskurse, wenn die jüdische GRAS-Vorsitzende schließlich zurücktritt, weil diese Diskurse nicht mehr aushaltbar waren, dann kann die JöH nicht mehr über das Antisemitismus-Debakel des VSStÖ Uni Wien schweigen. Wir hätten uns gewünscht, dass es bei der Auseinandersetzung mit dem VSStÖ vom Mai 2025 bleiben könnte. Doch mit Anfang des Semesters wurde uns klar, dass diese erst so richtig anfangen würde, besonders ab dem Moment, in dem der VSStÖ Uni Wien Quellen sehen wollte, die belegen, dass die Hamas eine antisemitische Organisation sei. 

Bei den Einführungsveranstaltungen dieses Semesters, den Kritischen Einführungstagen und der Linken Messe, konnte die JöH nur nach wochenlangen Bemühungen Teil sein – obwohl wir dort seit Jahren eingeladen waren. Wir versuchten, durch direkte Gespräche die Situation mit dem VSStÖ Uni Wien zu klären. Leider war dies nicht so einfach wie erhofft. Die ÖH-Vorsitzende der größten deutschsprachigen Universität verweigerte, mit der JöH in direkten Kontakt zu treten und so wurde nur mehr ein Kommunikationsteam eingesetzt, das die Belange jüdischer Studierender “weiterleiten” konnte – an wen wissen wir bis heute nicht genau. Dieser dreiköpfige Sicherheitspuffer gegen jüdische Studierende unterstellte uns nicht nur Propaganda, in dem sie vorab den Film sehen wollten, den wir an der Uni zeigen wollten – es ging um Geiselangehörige, die sich dezidiert gegen Netanjahu stellten – sondern verhörte uns regelrecht an einem skurrilen Gesprächstermin. Während es unser Ziel war, dem VSStÖ Uni Wien klar zu machen, dass sie gegenüber der JöH als Minderheitenvertretung in einer Machtposition stehen, drangsalierten sie uns das ganze Meeting über und noch Wochen danach mit der Forderung, ihnen Beweise dafür zu liefern, dass die JöH keine rassistische Organisation sei. Der Grund: Ein antisemitisches Gerücht, das von ihren “Camp4Palestine”-Friends während dem ÖH-Wahlkampf im Mai verbreitet wurde. Im Posting, auf dem die Gerüchte basieren, wurde die JöH “Genozidales Monster” genannt und als “nicht-gewählte Lobby-Gruppe der zionistischen Entität” antisemitisch diffamiert. Die Lenas und Flos der VSStÖ Uni Wien Rassismuspolizei ermittelten daraufhin ein halbes Jahr lang – jedoch nicht wegen dem eklatanten Antisemitismus des Diffamierungspostings, sondern gegen uns. 

Ihr Auftraggeber, das genannte “Camp4Palestine”, beteiligt sich übrigens neuerdings an Brandanschlägen gegen jüdische Betriebe im Bezirk Leopoldstadt dem Mittelpunkt Jüdischen Lebens in Wien. Zwei Wochen davor warben sie in einem Posting mit der Parole „Death to Zionism“ für einen Protest gegen den Arik-Brauer-Preis, der nach dem Shoah-Überlebenden und Künstler benannt wurde.

Das sind jedenfalls die besagten Organisationen, mit denen sich der VSStÖ Uni Wien assoziiert und solidarisiert. Wir sind gespannt, ob sie bald mehr Reaktion zeigen als laut ihres “Aufarbeitungs-Postings”, Arbeitsgruppen zu gründen um “Veranwortung zu übernehmen” – wobei sie leider nicht einmal benennen konnten, was überhaupt aufgearbeitet werden soll.

Wir erwarten auf jeden Fall mehr, als auf ihre antifaschistischen Grundwerte verwiesen zu werden, während sie mit Gruppen liebäugeln, die wortwörtlich den jüdischen Bezirk Wiens anzünden. Wenn sie tatsächlich Verantwortung übernehmen würden, müssten unserer Meinung nach einige Funktionär:innen das Vorsitzteam verlassen.

Das Nazi-Ding mit Dinghofer

Aber seid nicht besorgt, der Antisemtismus der Rechtsextremen in unserem Parlament ist auch nicht in Vergessenheit geraten. Zwei Tage nach dem Gedenken an die Novemberpogrome, die mittlerweile bei unserem Nationalratspräsidenten auf persöhnlicher Ebene schlechte Erinnerungen bis PTSD hochbringen sollten, organisierte genau dieser ein Symposium im hohen Haus zu Ehren von Franz Dinghofer – einem Nazi und Antisemiten. Um Herrn Rosenkranz mit dem inzwischen verwelkten Kranz zu retraumatisieren und gleichzeitig zu zeigen, wie echtes Gedenken funktioniert, veranstalten wir prompt unser eigenes Protest-Symposium: GEGEN GESCHICHTSVERGESSENHEIT & NAZI-EHRUNG IM PARLAMENT. Zusammen mit wichtigen Vertreter:innen der österreichischen Gedenkkultur und der Jüdischen Gemeinde setzten wir ein kritisches Gegenbild zu dem braunen Dingeling.

Party statt Antisemitismus!

Um abschließend nicht nur über Antisemit:innen zu berichten: Wir konnten glücklicherweise unseren NOODNIK #13 Release nachholen, für den Release der Ausgabe #14 blicken wir halbwegs positiv in die Zukunft. Der Krieg hat viel zu spät, aber endlich und immerhin zu einem Ende gefunden und alle, die Antisemitimus betreiben wollen, werden das auch weiterhin schaffen. Finden kann man viele von ihnen in der Kommentarspalte unter unserem Interview für die
 @chefredaktion. 

 Die ersten zwei Monate des neugewählten Boards haben jedenfalls stürmisch begonnen nach einer wilden Sommerpause – auf SummerU und unsere Sitzblockaden bei WienNimmtPlatz, welches definitiv die aufregendsten Ereignisse waren – starten wir mutvoll ins neue Jahr. Wir freuen uns auf jeden Fall, in nächster Zeit unserer neu abgestimmten Motion gerecht zu werden (die Motion heißt “Mehr Party!”) und auch weiterhin viele Feste zu feiern, die uns zwischen der politischen Arbeit den Alltag auflockern. Oder vielleicht ehrlicher gesprochen: viel politische Arbeit zu leisten, während wir uns auf die anstehende Chanukka-Party freuen.

Milli Li Rabinovici 

Für den Vorstand der
Jüdischen österreichischen Hochschüler:innen

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