Lieber Alon Ohel – Ein Bericht
Nach 737 Tagen Geiselhaft ist der 24-jährige, israelisch-deutsche Pianist Alon Ohel endlich wieder bei seiner Familie in Lavon. Er kam erst im Rahmen des jüngsten Geiseldeal frei. Was müsste man Alon über die Welt zwischen Oktober 23 und 25 berichten, die ihm in völliger Abschottung in den Tunneln unter Gaza vorenthalten wurde?
Du und ich sind Namensvetter; zwischen uns beiden liegen genau acht Tage. Als ich die Weltbühne betrat, vollzogen deine Eltern Idit und Yaakov Ohel vermutlich gerade deine Brit Mila: Den ewigen Bund zwischen uns Jüdinnen und Juden und dem alttestamentarischen Gott. Laut der “heiligen Schrift” versprach Abraham diesem Gott die Beschneidung seiner männlichen Nachfahren bis in alle Ewigkeit als Beweis seines absoluten Vertrauens. Im Gegenzug wurde ihm die großartige Vermehrung seiner Nachkommenschaft in Aussicht gestellt, und dieser wiederum das Land Kanaan als Heimatstätte. Auch, dass seine Nachfahren großes Leid erfahren werden, wurde Abraham angekündigt.
22 Jahre nach deiner Brit Mila wurdest du von der Hamas entführt. Gemeinsam mit Hersh Goldberg-Polin und anderen Besucher:innen des Nova-Festivals suchtest du in einem Bunker Schutz vor den einfallenden islamistischen Mördern. Du sahst, wie Hershs Freund Aner Shapira sieben Granaten der Hamas aus ihrem Schutzraum warf, bevor dieser von der achten Granate getötet wurde. Dabei wurdest du stark verletzt; auf einem Auge bist du seither erblindet. Für 737 Tage lagst du in einem Tunnel tief unter Gaza, Tag und Nacht ausgehungert und an den Füßen angekettet, bis du am 13. Oktober 2025 endlich aus der Geiselhaft der Hamas befreit werden konntest.
Nach all der Angst, dem Hunger, der Verzweiflung, der Wut, der Trauer, der Hoffnung, der Einsamkeit und der Folter: Welche deiner Vorstellungen und Hoffnungen würden wir dir bestätigen, welche zerschmettern, wenn du uns nach der Welt fragst, die dir in der Tiefe der Hamas-Tunnel zwei Jahre lang vorenthalten blieb?
Deine deutsche Staatsbürgerschaft
Du und ich teilen den gleichen Namen, beinahe dasselbe Alter, eine israelische Staatsbürgerschaft und die deutsche, von der sich deine Familie für deine Freilassung einen Vorteil erhoffte. Deine Eltern waren, wie viele Angehörige der israelischen Geiseln, um die Welt gereist, um die Regierungen möglicher Doppelstaatsbürgerschaften um Unterstützung zu bitten. Deine Mutter Idit, deren Mutter Tzipi in Berlin geboren wurde und die Shoah überlebte, traf gar persönlich den deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz. Gemeinsam mit Ruby Chen baten sie ihn um mehr Tatendrang für deine und Itay Chens Befreiung – Itay war bereits am siebten Oktober von der Hamas ermordet und nach Gaza verschleppt worden.
Auf dem Papier war dieses Vorhaben aussichtsreich: Zwischen den zwei Oktobern bekundete kaum eine politische Führung mehr Mitgefühl mit den israelischen Geiseln und deren Angehörigen als die deutsche oder die österreichische Regierung. Im Gegensatz zur österreichischen Bundesregierung kommt der BRD sogar ein bedeutsamer weltpolitischer Einfluss zu. Letztlich blieben jedoch all die Bemühungen deiner Mutter vollkommen vergeblich: Die politische Taten- und Hilflosigkeit überwog die Solidaritätsbekundungen deutlich. Deutschland hat es in jeder Hinsicht versäumt, als tonangebende Anwältin für deine Befreiung zu plädieren, geschweige denn diese zu erwirken.
Das erinnert mich in gewisser Hinsicht an das Münchner Olympia-Attentat 1972 und die Flugzeugentführungen der darauffolgenden Jahre. Das deutsche Versagen der Nachkriegszeit, die Jüdinnen und Juden aus oder in Deutschland hinreichend zu schützen, dauert an. Später als du oder Itay hätte man nicht nach Hause zurückkehren können.
Dein Cakewashing
Diese tiefe Enttäuschung liegt derzeit vielen von uns diasporischen Jüdinnen und Juden inne, vielleicht mit Ausnahme der amerikanischen, deren Orangenmann deinen Geiseldeal schließlich erzwingen konnte. Obwohl die erwähnten Entscheidungsträger:innen mehrheitlich untätig blieben, wirkten sie auf mich grundsätzlich betroffen, und ihre Empathie genuin. Im Alltäglichen, Gesellschaftlichen und Kulturellen hingegen war die Apathie gegenüber deinem Schicksal und dem der restlichen Geiseln allgegenwärtig. Dabei konnte es sich nicht um reine Politikverdrossenheit handeln: Die gerechtfertigte, hoch emotionaliserte und doch über die Jahre zunehmend einseitige Anteilnahme am Leid der Palästinenser:innen beweist das Gegenteil. Die unterschiedlichen Größenverhältnisse der Opferzahlen könnte man einräumen, und auch, dass in der Folge die israelische Regierung sich nicht besonders um dein Schicksal zu scheren schien. Damit ist jedoch längst nicht alles erklärt.
Bereits am Samstagmittag des 7. Oktober, während das Hamas-Massaker in vollem Gange war, standen Demonstrant:innen auf der Mariahilferstraße in Wien und solidarisierten sich mit den mordenden Geiselnehmern, die dich und 251 weitere Menschen nach Gaza verschleppten. Ebenso verhielt es sich in Berlin, Paris, Rom und vielen weiteren Städten weltweit. Als du angekettet in Gaza ausgehungert wurdest, verbreitete Bella Hadid ihrem Millionenpublikum widerwärtige Lügengeschichten über die angeblich “humanitäre” Behandlung der Geiseln – inklusive Geburtstagskuchen für die Geisel Almog Meir Jan. Nur ein einziges Mal erhoben sich die progressiven Kräfte des Westens, jene, die sich den Schutz von Minderheiten auf die Fahnen schreiben, um für die “Freilassung der Geiseln” zu protestieren: Doch nicht für dich, Alon, sondern für Greta F. Thunberg. Genau – die von Fridays For Future. Sie wurde beim Versuch, die Seeblockade vor Gaza zu durchbrechen, von der israelischen Armee festgenommen und daraufhin wieder nach Schweden abgeschoben. Die mitgereisten Aktivist:innen beschwerten sich über die Folter, die sie erlebten: Klimaanlagen, deren Temperatur zu niedrig eingestellt worden war. Der weltweite Aufschrei war riesengroß: Alon, ich mache keine Witze.
Wenn du oder ein weiteres Opfer des Siebten Oktobers in den letzten zwei Jahren Erwähnung fand, dann meist in Zynik oder Rechtfertigung. Euer Schicksal wurde aus der populären Erzählung des Konflikts fast völlig verdrängt, verleugnet oder verdreht, womit auch jede nuancierte Auffassung des Konflikts zu Grunde ging. Fast alle Initiativen, Kampagnen und Aufrufe für deine Befreiung hat die jüdische Diaspora-Gemeinde in Eigenregie getragen. Sie hat jeden Tag an euch gedacht, um euch gebangt und für euch gekämpft. Doch auch sie ermüdete irgendwann von der erdrückenden Hilflosigkeit und den explosionsartig zunehmenden Anfeindungen, der sie nach wie vor ausgesetzt ist. Alon, die Erde hat sich in den letzten zwei Jahren in einen antisemitischen Scheißhaufen verwandelt.
Dein Heimatland
Am Siebten Oktober wurdest du zum Sohn, Bruder, Neffen, Cousin aller israelischen Männer und Frauen. Hunderttausende Demonstrant:innen schrien Woche für Woche für deine Befreiung und die der restlichen Geiseln. Auf dem “Hostages Square” in Tel Aviv stellte man in deinem Andenken ein gelbes Klavier auf. Kürzlich erzählte dein Vater in einem Interview, dass du in deiner Geiselhaft die Demonstrationen mitbekamst und voller Verwunderung warst ob der vielen Menschen, die Schilder mit deinem Gesicht hoch hielten. Es gab dir Kraft, zu wissen, dass Leute unermüdlich darum kämpften, dich nach Hause zurückkehren zu sehen.
Dieses gewaltige, vereinnahmende Einhaltsgefühl währte bei einem Großteil der israelischen Bevölkerung über die gesamte Dauer deiner Geiselhaft – verkomplizierte sich jedoch zunehmend. Um dich zu befreien, wurde angekündigt, „die Tore der Hölle” über die Hamas in Gaza zu öffnen, bis sie den israelischen Bedingungen zur Beendigung des Krieges zustimmen würden. Nachdem Wochen und Monate vergingen, zehntausende palästinensische Zivilist:innen und Hamas-Kämpfer getötet wurden und du, Alon, wie viele weitere Geiseln, immer noch nicht befreit warst, wurde deutlich, dass eure Rückkehr in den Augen eurer Regierung zweitrangig war. Amihai Eliyahu, israelischer Minister für Kulturerbe, schlug gar vor, eine Atombombe auf Gaza zu werfen: Er sagte, er bete und hoffe zwar auf die Rückkehr der Geiseln, Krieg habe jedoch seinen Preis. Solche Aussagen drangen bis zu dir in die Tunnel der Hamas: Deine Entführer verschärften als Reaktion die Bedingungen deiner Geiselhaft und ließen dich noch stärker aushungern.
Über zwei Jahre hinweg lehnte deine Regierung jede Möglichkeit ab, dich und alle weiteren Geiseln im Rahmen eines Abkommens zu befreien. Sie war nicht bereit, den Krieg zu beenden, bevor die Hamas zerschlagen war; selbst wenn dabei noch weitere zehntausende Menschen getötet werden würden – und mit ihnen alle Geiseln. Die Debatte rund um ein vollständiges Kriegsende trieb auch einen Keil in die israelische Gesellschaft. Stell dir vor: Selbst unter den Familien der Geiseln ergab sich unter dem Namen “Tikvah Forum” eine kleine rechte Minorität, die sich gegen jegliche Verhandlungen mit der Hamas und damit auch gegen deine Befreiung und die ihrer eigenen Angehörigen stemmte.
Nun haben deine Eltern eine Crowdfunding Kampagne für dich gestartet, da die Hilfe, die der israelische Staat für deine Rehabilitation zur Verfügung stellt, nicht ausreicht. In dem erwähnten Interview mit deinem Vater berichtete er außerdem, dass du dich mit deiner Befreiung dazu entschlossen hast, dich für den Kampf gegen den weltweiten Hunger einzusetzen, dass du an deiner Rückkehr zum Klavier arbeitest, und dass die Tatsache, dass du nicht mit der Außenwelt in Kontakt kamst, dich innerlich stärkte. Das glaube ich dir aufs Wort. Willkommen zurück, lieber Alon.
Alon Ishay