Bring Them Home – aber nicht um jeden Preis

Bring Them Home – aber nicht um jeden Preis

Zwei Jahre Kampf um das Geisel-Narrativ

Kaum ein Thema hat die israelische Mehrheitsgesellschaft in den vergangenen zwei Jahren so geeint und gespalten, wie das Schicksal der Geiseln. Während zu Beginn noch das unfassbare Leid des  siebten Oktobers im Vordergrund stand, überlagerte der Einmarsch der israelischen Armee in Gaza schon bald alles andere. Das Wohl der Geiseln und der Slogan „Bring Them Home“ rückten ins Zentrum politischer Maßnahmen, gesellschaftlicher Debatten und persönlicher Gespräche. Wer sich für die Geiseln einsetzte, war im öffentlichen Diskurs nahezu unangreifbar, selbst mit provokanten Meinungen.

Nur ein anderes Thema hat es in den letzten Jahren des öffentlichen Diskurses in Israel geschafft, parteiübergreifend für Positionierungen und Einigkeit zu sorgen: Demokratie. An sich genauso selbstverständlich und unkontrovers wie die Rückkehr der Geiseln, doch zugleich abstrakt genug, um gegensätzliche Interpretationen zuzulassen. Bevor die Kaplanstraße zum Ort von wöchentlichen Massendemonstrationen wurde, um auf die Situation der Geiseln aufmerksam zu machen, war sie vor dem siebten Oktober bereits der Sammelpunkt für die Anti-Netanyahu- und Anti-Justizreform-Bewegungen, die auch monatelang wöchentlich auf die Straße gingen, um gegen die Regierung und ihre Korruption zu protestieren.

Ablenkung durch Angst

In dieser Zeit wirkte es fast surreal, durch die Straßen zu gehen und dieselbe israelische Flagge als Symbol zweier gegensätzlicher Lager zu sehen – beide überzeugt, die wahren Patriot:innen zu sein, während die jeweils anderen als Vaterlandsverräter gelten. Damals wie heute sprachen beide Lager, wie aus demselben Mund, zwei verschiedene Sprachen. Der Ausdruck „Rückkehr der Geiseln“ wurde zum grotesken Alleskönner in einem Diskurs, der schon lange nichts mehr mit Menschlichkeit zu tun hatte, eher mit der Langlebigkeit der politischen Macht. Er diente als Ablenkung vom Krieg, von gefallenen Soldat:innen, von einer möglichen weiteren Front (sei es Libanon oder Iran), von anhaltender Hilflosigkeit. Das Leid der Geiseln wurde besonders nützlich, als es um die Ablenkung vom Leid der Menschen im Gazastreifen ging. Als Völker wurden wir gegeneinander positioniert, ausgespielt und aufgehetzt, jede:r unfähig, den Schmerz des Anderen wahrzunehmen und anzuerkennen. Der andauernde vermeintliche Fokus auf die Geiseln war ein weiteres Mittel der Regierung, die Mehrheitsgesellschaft zu manipulieren, um den Krieg in Gaza zu rechtfertigen und das militärische Vorgehen weiterzuführen. Diese Narrative beherrschten einerseits die öffentliche Meinung und infiltrierten andererseits auch die private Wahrnehmung des Krieges. Sie beruhte auf den Existenzängsten, die Israelis in dieser Zeit empfanden. Trauer, Wut als auch Angst und Hilflosigkeit mischten sich in den Alltag und konnten genutzt werden, um den imaginären Wunsch nach nationaler Einheit durch Krieg und nach Erleichterung durch „Sieg“ zu fördern, ganz im Sinne der Regierung. 

In der Zivilgesellschaft hat das Missing Families and Hostages Forum seit dem siebten Oktober derart stark  gekämpft, wie sonst keine andere Organisation. Finanziert durch Spenden, entwickelte es sich zu einem politischen Machtfaktor und gleichzeitig zu einer zentralen Gemeinschafts- und Anlaufstelle für die betroffenen Familien. Jedoch war das Forum oft nur genau das – eine Art Bürgerinitiative. Politisch musste es sich in Grenzen halten und vorsichtig agieren: Zahlreiche Angehörige berichteten, dass offene Kritik an der Regierung aus Sorge um ihre Kinder und Geschwister in Gaza unterdrückt wurde – aus Angst, einen Deal zu riskieren.

Die Geiseln als Joker

Besonders lange dauerte es, bis Premierminister Netanyahu selbst das Leid der Geiseln öffentlich ansprach und sich dazu verpflichtete, sie aus der Geiselhaft der Hamas zurückzuholen. In einem Interview berichtete die ehemalige Geisel Omer Shem Tov über eine Situation während der Gefangenschaft, in dem er eine Rede  Netanyahus über den Fernseher seiner Wächter verfolgen konnte. Netanyahu sprach ausschließlich vom angestrebten Sieg in Gaza, kein Wort über die Geiseln. Schlag ins Gesicht. 

Für Netanyahu war das Thema der Geiseln eine Goldgrube für seine politische Strategie. Immer als es ihm nützlich erschien, spielte er diese „Jokerkarte“ in seinen Reden und Verhandlungen. Als ihm Manöver fehlten und es gerade Erfolgsmeldungen aus den Kriegsgebieten gab, setzte er die Geiseln ein, um die Gesellschaft und seine Koalitionsgegner von seinem eigenen politischen und militärischen Fehlverhalten abzulenken und die öffentliche Debatte zu steuern.

Dies ist nun am offensichtlichsten, da alle lebenden Geiseln zurück in Israel sind und Netanyahu sich stolz mit Trumps Deal rühmen kann. Tatsächlich hat er nichts Außergewöhnliches für diesen Deal erbracht – er hat den Deal einfach nur zum richtigen Zeitpunkt eingelenkt, um als Held angesehen zu werden und den Retter der Nation darzustellen. Nur ist er es, der dieselben Geiseln so lange dort gehalten hat. Es war für ihn zeitlich passend, den Krieg zu beenden. Genau zum Sukkotfest, genau zwei Jahre nachdem die Geiseln aus ihren Häusern und dem Nova-Festival entführt wurden, konnten sie wieder nach Hause zurück. Ein sentimentales Dankeschön kam von uns allen – es prägte einen rührenden Moment des Innehaltens von so viel Leid. Dieses Timing allein schaffte Netanyahu genug Spielraum, um Vergebungspunkte zu sammeln. Seine Koalition bröckelte zu dem Zeitpunkt nicht und obwohl manche Partner wieder einmal damit drohten, die Regierung aufzulösen, war sie stabil genug, dass Netanyahu im Amt bleiben und gesellschaftliches Ansehen gewinnen konnte. Der letzte Vorhang eines Kriegsdramas mit all seinen Skandalen und Verlusten.

Dauer-Déjà-vu

Nun, fast am Ende des Leidens und des Krieges, ähnelt die Situation wieder der vorherigen. Die Gesellschaft ist tiefer gespalten denn je – so traumatisiert wie noch nie. Ironischerweise ist das Einzige, was beiden Seiten noch Hoffnung gibt, die Wahlen im nächsten Jahr. War das Thema mit den Geiseln eines der erfolgreichsten überparteilichen Sozialkampagnen, die das Land je gesehen hat und zudem zeitlich die Illusion von Einigkeit gegeben hat? Ja. 

War es auch ein tragisches Beispiel dafür, verzweifelt von der israelischen Regierung gehört zu werden, nur um zwei Jahre lang quälende Ungewissheit und das Fehlen von politischer Verbündeter zu ertragen, um am Ende doch als Aushängeschild des Landes präsentiert zu werden? Ebenfalls ja.

Es malt sich ein ernüchterndes Bild des Landes: Einmal mehr steht links gegen rechts, Volk gegen Regierung und Volk gegen Volk. Der Umgang mit den Geiseln hat lediglich offenbart, wie das Wohl des Landes und seiner Menschen wieder nur Figuren auf dem Schachbrett Netanyahus sind und wie hilflos das israelische Volk in Wahrheit ist – nur wertvoll genug, um politisch instrumentalisiert oder in den Krieg geschickt zu werden. Man kann hoffen, dass das Thema sowohl im Miteinander der Menschen als auch im öffentlichen Diskurs Raum bekommt und den Geiseln der Respekt und Umgang gewährt wird, den sie seit Beginn verdient hätten. Möge das bereits erlittene und das anhaltende Leid ein Anlass für Veränderung und eine Neuausrichtung im Land sein.

Judith Offenberg

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