Skaters against Genocide

Skaters against Genocide

Performanz und Identitätsstiftung im sogenannten Palästina-Aktivismus

Ich schicke meiner Freundin Xsenia* (*Name von der Redax zum Schutz geändert) diesen Text in der Rohfassung – zum drüberschauen. „Judith, das muss mehr schnalzen!” Sie schickt mir Screenshots aus ihrem Freundeskreis, da ist alles mit dabei: Die Propaganda Accounts á la “All eyes on Rafah”, klassische Blood Libels, Kindermord, Ecocide, natürlich Genocide, daneben wütende Anklagen darüber wie sich wer in diesen Demi-Prominenz-Kreisen geäußert oder eben nicht geäußert hat. Aufrufe dazu, in der Kulturwelt Listen von Zionisten zusammenzustellen, öffentliche Spekulation über mich und meine Familie. “Die Leute haben sowas gepostet 24/7! Das muss mehr schnalzen!” mahnt mich Xsenia. Aber wie soll ich darüber schreiben?

Was ist ein Skater?

Ein Skater ist eine freiheitsliebende Person, die bei der Fortbewegung gerne auf möglichst ebenen Boden schaut, ob dort etwa Kieselsteine liegen, eine Kante kommt oder sonstige Schönheitsfehler der Straßenoberfläche warten. Skater sind sensible, verletzte Situationisten-Seelen, die dorthin rollen, wo es leicht bergab geht, um sich in Skateparks verstreut zu versammeln. Es ist, beziehungsweise war, eine Subkultur, viele Skater haben eine Sprühdose dabei, weniger aus reinem Talent, sondern vor allem aus einem Anti-Establishment-Anspruch. Denn als Skateboardfahrer:in hat niemand Jurisdiktion über dich, es ist kein Transportmittel, sondern gilt laut der StVO als Spielzeug. Loophole!

Als ich im Herbst 2019 und auch im Herbst meines Lebens (mit 34) wieder Skateboard fahren wollte, hatte das viele Gründe. “Wieder” ist gelogen, als Teenager hatte ich es gewollt, aber nie weit gebracht, denn: es gab keine Youtube-Tutorials, dudes waren nicht hilfreich, und meine Knie taten auch damals schon weh. Auf jeden Fall führte mich mein Neubeginn bald nach Hietzing, als ich vom “Girls Day” in einem gewissen Skatepark hörte. Wie ein peinlicher Radau-Teenie rollte ich fortan lautstark auf meinem Deck aus der U4 heraus, quer durch die Station und bergab zur Hütteldorf Plaza. Regelmäßig trafen sich hier Rollergirls, Queers, Punk-Types, Pre-Teens mit Müttern und ich, ein Rapstar. Dieser Skatepark wurde für mich ein Ort der Entspannung abseits der holprigen Bühnen der angespannten Kunstwelt. 

Dort befreundete ich eine Skateperson, die sich aktivistisch für Flintas im Skateboarden einsetzte. Bei einer Session sagte mir diese skateboardende Person, ich solle mal reinhören, was deren befreundete Skateperson so aufgenommen hatte, weil ich ja Rap mache. Ich hörte rein, “Cool” sage ich. Aber es war nicht cool.

Gleichschaltung der notorisch  “anderen”

Dank des Angriffs der Hamas auf tanzende israelische Zivilist:innen wurde aus hippem Judenhass ein weiterer cooler Gehstock für weiße, skateboardfahrende Aktivist:innen aus Österreich, deren Vorfahren mit 99,9 prozentiger Sicherheit nicht im Widerstand waren. Die Kufiya am Kopf weht sanft im Wind des Familienkartoffelfelds, auf einer Party Flotilla in Ibiza kurz dancen, dann das ultimativ Böse bekämpfen und die Welt heilen und allen ein Video davon zeigen, das sie reposten können!

Es sind leider nicht nur die Skater. Viel zu viele linke Freiräume werden gleichgeschaltet. Es ist die – verständliche – Sehnsucht nach einer besseren Welt. Eine Welt ohne Juden, ohne Israel, also bitte hören wir endlich auf zu existieren. Für die Rettung der Welt haben diese anerkennungsbedürftigen Selbstdarsteller:innen mit Therapie-Bedarf endlich ein Ventil gefunden! Es ist ein Trend, dem niemand entkommen kann, der nicht als uncool und Pro-Establishment gelten möchte. Diese Basisdemokratisierung von Coolness hat dazu geführt, dass sie keine Meritokratie der coolen Leistungen mehr ist, sondern reines Verkleidungstheater. 

Nach dem siebten Oktober, das muss ich mir eingestehen, wäre es meine Pflicht gewesen, intensiver mit meinen Freund:innen über Israel zu sprechen. Aber ich wollte einfach meinen Frieden und mit Österreicher:innen am liebsten gar kein Gespräch. Vielleicht sind Gespräche auch überbewertet. Wo man sich hinwendet, von woken Reddit-Mom-Foren zu nerdigen Archäologie-Accounts, alle scheinen sich einig: Israel ist das ultimative Böse. 

Die Gerechten unter den Skatern

Ich will etwas Musik hören, um zu chillen, aber mein go-to Online-Radio NTS hat mich gegeoblockt. No chill. Überrascht bin ich nicht, aber es wird langsam persönlich. Zuerst sagen wir euch an den Universitäten was und wie ihr denken dürft, dann sagen wir euch, wer was konsumieren darf (keine Bagels). Die neuen Aktivist:innen sind die einzig Gerechten unter Völkern, sie wirken wie die Mobs frühchristlicher Mönche auf einem Streifzug des Besserwissens. 

“Als Künstler durch eine Kunstmesse zu gehen, ist wie eine Kuh, die durchs Schlachthaus spaziert, um zu überprüfen, ob die Messer eh scharf sind”, schreibt Ariana Reines. Sie schreibt es lange bevor sie hinsichtlich des siebten Oktobers ihre Shoah-Großmutter benutzt, um von ihrer Gastprofessur in Harvard aus Israels Existenz zu verurteilen. Eine Wiener Künstlerin, sonst stadtbekannt für ihren exzellenten Kleidungsstil, hüllt sich für die Kunstmesse in eine seidene, handgenähte Palästinaflagge – ein gewagtes Fashion-Statement, wie sie meint. Sie könne nicht länger schweigen, schreibt sie, sie hat nun eine Wassermelone in der Bio. “Die Kinder, Judith, du bist doch auch Mutter!”. Sie war ja immer eine Freundin der Juden – nur nicht meine. 

Es ist Rundgang an der Akademie. Jemand hat in der Säulenhalle mehrere Heliumballons in den Farben der panarabischen, beziehungsweise palästinensischen Flagge aufsteigen lassen – und dort schweben sie nun, verloren unter der Decke. Instagram-Museum! Besonders viel Performanz gibt es in der Performance-Szene: Die Wiener Festwochen warben letztes Jahr mit knutschenden Leuten in grün-roten, handgestrickten Balaclavas und Milo Rau inszenierte ein öffentliches “Volksgericht”, bei dem Antisemiten auf Berufsjuden trafen, um ein für allemal Frieden im Nahen Osten herbei zu performen. Palästina wird in dieser Szene besonders eifrig ausdrucksbetanzt, besungen, geschauspielert und dramaturgisiert. 

Man könnte auch aktiv etwas tun. Skate Team Gaza setzt sich dafür ein, in Gaza Skate-Kultur zu verbreiten, es gibt Workshops für Kinder, auch Mädchen werden ermutigt zu skaten. Nur noch ein Member von Skate Team Gaza lebt weiter in Gaza, alle anderen sind in die UAE, Canada, UK geflohen. Das Team hat ein GoFundMe. 

Propaganda für alle!

Als ginge es um das SARS-CoV-2-Virus, wurde uns vergegenwärtigt, dass Propaganda als globales Medienereignis funktioniert, stets weiter mutiert und resistenter zurückkehrt. Die TV-Sender wetteifern, wer mehr Gore liefern kann. Auf Social Media fechten Starlettes und Celebs, als wären sie ein akademischer Think Tank auf rotem Teppich. Aber das ist das Gefährliche an der Mutation: Sie greift die wehrlosen Schwachstellen an. Du machst Musik? Dann bist du sicher gegen Kindermord! Hier ist ein Schal. Du studierst Japanologie? Weißt du, dass in Gaza eine Hungersnot ist? Spende! Du bist nicht cis-hetero? Sind dir etwa die Queers in Gaza, die von Siedler-Kolonialisten “total geno” gemacht werden, egal? Hier ist eine Fahne, sie ist viel bedeutender als deine. Du skatest gern? Dann stört dich sicher blutrünstiger Mord an Frauen und Kindern. Hier ist ein überhaupt nicht einseitiges Al Jazeera Info-slide.

Die Kinder der Ewiggestrigen wurden anscheinend gestern geboren und haben sowohl den Realitätsbezug als auch den Geografie- und Geschichtsunterricht verschlafen. 

Judith Kratz  
aka G-udit // KLITCLIQUE

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