Danke für nichts und alles

Danke für nichts und alles

Nach zwei Jahren des Schweigens, Streitens und Verlernens bleibt mir eigentlich nur eines: Danke zu sagen. Nicht aus Höflichkeit, sondern weil Dank manchmal die ehrlichste Form der Resignation ist.

Danke an ein Land, das sich in diesen zwei Jahren so sehr bemüht hat, den Nahostkonflikt endlich in Europa zu lösen – bevor es den eigenen Familiennamen in ein Archiv tippt, um herauszufinden, was die eigene Geschichte erzählt.

Es war bemerkenswert, wie viele Feuilletons aus der Weltpolitik eine Charakterprüfung gemacht haben. Wie Talkshows aus Trauer Diskussionsstoff pressten. Und wie einfach Moral sein kann, wenn man sie nie selbst bezahlen muss.

Danke auch für die endlosen Bilderfluten, die uns mit ihrer Grausamkeit lähmten und gleichzeitig dazu beitrugen, die Diskussion sachlich zu halten. Wir haben gelernt, dass Anteilnahme algorithmisch skalierbar ist, wenn man nur die richtigen Hashtags wählt.

Nach dem 7. Oktober traten plötzlich Menschen auf, die nie gefragt, nie gewählt, nie in einer jüdischen Organisation aktiv gewesen waren, aber nun im Namen „der Juden“ sprachen – und zum ersten Mal das Heilige Land besuchten. Manche meiner alten politischen Weggefährt:innen entschieden sich für diese falschen Propheten. Vielleicht war das unvermeidlich. Expertise ist in Deutschland vor allem eine Frage der Sendezeit.

Auch die neuen Moralhüter:innen haben Großes geleistet. Sie beugen sich vor Empörung wie vor einem Altar, glauben, Läuterung sei ein Hashtag und Haltung ein ästhetisches Konzept. Sie haben uns gezeigt, dass Schuld ein flexibles Material ist – dehnbar wie Stretchjeans im Wahljahr. Und dass man Gaza auf Datingprofilen befreien kann.

Ein besonderes Dankeschön an ruth.lol – von Herzen. Ohne dich hätten wir vielleicht geglaubt, nicht nur die Würde ginge hier verloren, sondern auch der Verstand.

Es gab sie in allen Varianten: Jene, die ihre Haltung rechtzeitig vor der nächsten Buchveröffentlichung entdeckten, die erklärten, ihr eigenes Privileg habe sie bislang vom Sprechen abgehalten, und dabei sicher nicht das Reemtsma-Erbe ihrer Familie meinten, das sie bequem durch jede Krise trägt. 

Enissa Amani sammelte Spenden. Für sich selbst. 

Manche verließen die Bühne aus gesundheitlichen Gründen, andere blieben, um Schuld in Echtzeit zu performen. Gemeinsam bewiesen sie: Empörung lässt sich professionell kuratieren.

Manche riefen „Globalize the Intifada“, andere schwiegen tapfer. Auch das ist eine Form von Haltung. Wieder andere riefen an, ganz ohne Publikum – einfach, um da zu sein. Ihnen gilt mein echter Dank.

Danke an Neukölln für die Feuerwerke, die sich anfühlten wie Warnschüsse.

Danke an die Bar, deren Vermieterin vorsichtig empfahl, vielleicht weniger Menschen mit Kippa einzuladen – hier fliege schließlich schnell mal ein Molotowcocktail, man wisse doch, wo man hier sei. Danke an die Freund:innen, die nicht mehr kamen, und an die, die blieben, obwohl das Schweigen zwischen uns schwerer wurde als jedes Gespräch.

Ich denke an meine Mutter, die lachend auf dem Weg zur Toilette sagte: „Ich habe vier Kriege überlebt. Wenn so, dann lachend“. Danke, dass die Houthis nicht auf Rechovot schießen, sage ich mir, und erinnere mich daran, dass Angst alt ist – und Hoffnung Arbeit.

Danke auch für die großen Worte, die in diesen zwei Jahren so mühelos flossen: Freiheit. Menschenrechte. Empathie. Worte, die leicht über Lippen gingen und im nächsten Satz relativiert wurden. Sie haben uns gezeigt, dass Werte dehnbar sind, dass sie sich strecken und anpassen lassen, bis sie wieder bequem sitzen.

Und während Drohnen über europäischen Städten kreisen und Veteranen in Moskau rappen, dass nächstes Jahr die russische Flagge über Berlin wehen wird, diskutieren wir hierzulande weiter darüber, wer den richtigen Hashtag zu Gaza benutzt.

Ich habe gesehen, wofür ihr applaudiert habt. Euer Widerspruch hat an Wert verloren. 

Aber ich danke euch trotzdem.

Weil ich jetzt weiß, woran ich bin.

Weil ich gelernt habe, dass Erschöpfung ehrlicher ist als Euphorie.

Dass Schweigen auch eine Form der Wahrheit sein kann.

Dass Angst alt ist und Hoffnung Arbeit. 

Vielleicht habt ihr den Konflikt tatsächlich gelöst – nur anders, als gedacht. Denn am Ende haben wir alle verloren: Vertrauen, Gewissheit, Freunde, Sprache.

Was bleibt, ist ein höfliches, erschöpftes Danke, das mehr bedeutet als jede Anklage.

Danke. Für nichts. Und für alles.

Benny Fischer

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