Keine Botschafter Israels, oder doch? 

Keine Botschafter Israels, oder doch?

Über die Rolle jüdischer Gemeindevertreter:innen und ein bedenkliches ZiB 2-Interview

Eine große Sorge, die Jüdinnen und Juden weltweit beschäftigt, ist im Alltag ohne Anlass für den Staat Israel und dessen Handlungen eintreten zu müssen. Die Angst, plötzlich als Pro-Bono-Anwalt des jüdischen Staates herangezogen zu werden, prägt die Realität von Jüdinnen und Juden in der Schule, an der Universität und im Privatleben. Und diese Sorge hat ihre Wurzel in einem antisemitischen Stereotyp: In der Idee einer homogenen Volksgemeinschaft, die sowohl in ihrem Wertekanon als auch in ihrer Unterstützung für Israel spezifisch einheitlich ist. Sowohl in Israel als auch in der Diaspora leiden Jüdinnen und Juden unter diesem verallgemeinernden Stereotyp. Hunderttausende Menschen in Israel werden ignoriert, indem deren unermüdliche jahrelange aktivistische Tätigkeit außerhalb Israels  nicht wahrgenommen wird und sie als Teil eines einheitlichen israelischen Konstrukts missverstanden werden. Dieser Stereotyp einer homogenen Volksgemeinschaft kombiniert sich effektiv mit dem einer Doppel-Loyalität und einer Unzugehörigkeit für Jüdinnen und Juden in der Diaspora. Die Angst, weder der europäischen noch einer anderen Gesellschaft anzugehören, trifft auf die den Jüdinnen und Juden unterstellte Loyalität für den Staat Israel. Für einen Staat, der nicht das eigene Herkunftsland ist, dessen Sprache man mitunter nicht spricht und dessen Politik man oftmals auch nicht unterstützt.

Unfreiwilliges Sprachrohr

Vor dem Hintergrund dieser Sorge und der erschreckenden Vereinheitlichung, mit der über jüdische Stimmen gesprochen wird, tragen Gemeindevertreter:innen in der Diaspora eine ganz besondere Verantwortung. Diese besteht darin, jüdisches Leben in den jeweiligen Ländern politisch und gesellschaftlich zu verteidigen und voranzutreiben und die politische Vertretung der Gemeinde nuanciert öffentlich darzustellen. Vor allem in dem derzeit aufgeheizten gesellschaftlichen Diskurs, in dem wir uns nun seit zwei Jahren befinden, wird die zweite dieser beiden Aufgaben besonders relevant. In der kurzen Zeit nach dem siebten Oktober, der jüdische Gemeinden weltweit erschütterte, als das Ausmaß der Katastrophe noch kaum zu verstehen und nicht zu erahnen war, was uns bevorstehen würde, stellten sich die Vertreter von Gemeinden und internationalen jüdischen Organisationen klar solidarisch auf die Seite Israels; allerdings auf die Seite der Zivilbevölkerung, die das schlimmste Massaker an Jüdinnen und Juden seit dem zweiten Weltkrieg durchmachen musste. Über einen kurzen Zeitraum waren Jüdinnen und Juden tatsächlich quasi universell vereint; vereint in dem Horror darüber, was geschehen war, in Trauer um die Toten, in Sorge um die Geiseln und in Schock darüber, Israel nicht mehr bedingungslos als sicheren Rückzugsort verstehen zu können. In den auf den 7.10.2023 folgenden zwei Jahren, hat sich diese Einigkeit auf schmerzhafte Art und Weise aufgelöst. Mit jedem weiteren Monat des Krieges, mit jedem weiteren gescheiterten Geiseldeal und mit jeder weiteren Ausweitung des Krieges trat die politische Vielfältigkeit der unterschiedlichen Gemeinden wieder in den Vordergrund. 

Gleichzeitig vervielfachte sich die Last auf Jüdinnen und Juden weltweit. Einerseits durch eine Explosion an Israelbezogenem Antisemitismus und andererseits durch das Bild Israels, das von Krieg und dem Einfluss der Rechtsextremen in der Regierung und damit auch der Kriegsführung gezeichnet ist. Dadurch wurde die allgegenwärtige Angst, sich im Alltag als Jüdin oder Jüde für die Handlungen Israels rechtfertigen zu müssen, noch omnipräsenter. Gleichzeitig gewann die Aufgabe von Gemeindevertretern damit enorm an Bedeutung. Der Kampf gegen Antisemitismus in den Ländern der Diaspora ist so relevant wie er es seit Jahrzenhten nicht war. Die Herausforderung, die eigene Gemeinde öffentlich nuanciert zu vertreten, ohne sie  als homogene politische Einheit darzustellen, wurde immer schwieriger. Nach fast zwei Jahren Krieg erfordert die Vertretung der eigenen Gemeinde keine bedingungslose Unterstützung und Sympathie für Israel, sondern einen differenzierten Umgang mit dessen Regierung und deren Kriegshandlungen. Diese Kriegshandlungen werden – ob in Israel selbst oder  in der Diaspora – oftmals kritisch und nicht als  friedensstiftend angesehen. 

Ossi und der Wolf

Ein exemplarisches Beispiel dafür, wie man dieser Aufgabe in Bezug auf die jüdische mediale Vertretung nicht gerecht wird, ist das Interview des Präsidenten Oskar Deutsch in der ZiB 2. Man wusste schon, dass ein weitergeleiteter Link zu einem Live-Interview von Oskar Deutsch in der ZiB mit Armin Wolf Problematisches verspricht. Auf das Ausmaß der Problematik war jedoch kaum jemand vorbereitet. In diesem knapp zwei Jahre nach dem siebten Oktober und nach mehr als eineinhalb Jahren Krieg gegebenen Interview, verteidigt Oskar Deutsch Israels Vorgehen im Gazastreifen und – ohne eigenes militärisches Wissen – dessen Militärstrategie. EU-Sanktionen gegen Israel lehnt er ab und reagiert unempathisch auf eine Hungersnot, die zu diesem Zeitpunkt Menschenleben gefährdete und als Kriegsstrategie der israelischen Regierung verstanden wurde. Auf die Frage, weshalb die Israelitische Kultusgemeinde die israelische Kriegsführung nicht kritisiert, jedoch Kritik daran anprangert, sagt Oskar Deutsch: „Weil wir überzeugt sind, dass das so richtig ist.” Ohne inhaltliche Erklärung unterstützt er damit die israelische Kriegsführung und die Militärstrategie. Im Anschluss daran spielt Oskar Deutsch die wichtige und tragende Rolle der – tatsächlich nur prozentual kleinen – rechtsextremen Parteien herab. Er bagatellisiert die Rolle des israelischen Finanzministers in der Regierung und dessen Entscheidungsfindung. Eines Ministers, der sich selbst als homophoben Faschisten bezeichnet und die Existenz eines palästinensischen Volkes an sich bestreitet. Er marginalisiert dies, indem er die Auffassung vertritt, dieser Minister entspreche nicht der Regierungslinie und habe “nur” mit Finanzen zu tun. Auf die Frage, ob 60.000 getötete Menschen und hunderttausende hungernde und vertriebene Menschen tatsächlich etwas mit der Sicherheit der israelischen Bevölkerung zu tun hätten, entgegnet Oskar Deutsch: “Das wissen wir nicht.”

Botschafter Israels?

Dieses frappante Beispiel offenbart Ossi Deutsch die Widersprüchlichkeiten und die unterschiedlichen Maßstäbe in Bezug auf die israelische Politik, die seiner Position nicht gerecht werden. Einerseits vermeidet er es, selbst eine kritische Haltung gegenüber der israelischen Regierung und ihrem Handeln einzunehmen. Dies, obwohl entsprechende Kritik innerhalb jüdischer Gemeinden bereits längst und vielfach geäußert worden ist. Das ist grundsätzlich legitim, weil Jüdinnen und Juden, und damit auch Deutsch, nicht in der Pflicht stehen, sich zu Israels Politik zu äußern. Gleichzeitig verurteilt Deutsch – humanitär nicht nachvollziehbar – nahezu jede Kritik an Israels Handeln. Damit beschädigt er den Kampf gegen jenen israelbezogenen Antisemitismus, unter dem die Mitglieder seiner Gemeinde zu leiden haben.

Dabei stellt sich die wichtige Frage, wen Oskar Deutsch in dieser oder in einer vergleichbaren Situation vertritt: Die Mitglieder seiner Wiener Gemeinde, oder die israelische Regierung und deren Handeln. Als Vertreter einer jüdischen Gemeinde in der Diaspora kann und darf er sich als deren Sprachrohr nicht derart unkritisch hinter die israelische Politik stellen, weil er hier sein Mandat klar überschreitet, den gesellschaftlichen Kampf gegen Antisemitismus in Österreich und in Europa. Solche Auftritte überschreiten dieses Mandat nicht nur, sondern beschädigen den Kampf gegen Antisemitismus. 

Diese problematische Repräsentation der jüdischen Gemeinde bestärkt die bereits dargestellte Angst, als homogene Einheit wahrgenommen zu werden.

Ein Diener zweier Herren

Die Position des Präsidenten einer israelitischen Kultusgemeinde ist eine besonders prekäre, da jeder Präsident auch in engem Austausch mit israelischen Botschaftern und damit mit dem Staat Israel und dessen Regierung steht. Gleichzeitig ist es die Aufgabe des Präsidenten, seine eigene Gemeinde vor Angriffen und Übergriffen zu schützen. Ebenso wie in Israel selbst ist auch die jüdische Bevölkerung in der Diaspora in ihrer politischen Haltung der israelischen Regierung und ihrer Kriegsführung gegenüber durchaus gespalten. Es täte sich ein jeder Präsident gut daran, sich bewusst zu machen, dass ein Interview, wie jenes in der ZIB 2 zwangsläufig dazu führt, 

“Ein Diener zweier Herren” zu sein. Ein Diener seiner eigenen jüdischen Gemeinde, die es 

vor Antisemitismus zu schützen gilt, und zugleich ein Diener der israelischen Regierung – wobei gerade diese Unterstützung dazu führen kann, dass seine eigene Gemeinde verstärkt antisemitischen Vorurteilen ausgesetzt wird. Ein Hochseilakt, der nur gelingen kann, wenn er nicht allein Zustimmung zur Politik der israelischen Regierung signalisiert, sondern gleichermaßen Verständnis für ihre Kritiker zeigt und Menschlichkeit sowie Empathie gegenüber allen zivilen Opfern dieses Krieges.

Reichmin Fuchs

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