Das Kirk-phänomen

Das Kirk-Phänomen

Am 10. September 2025 geschieht etwas, was das Internet beben lässt. Ein Mord. Doch kein gewöhnlicher, wie die 700 Amokläufe letztes Jahr in den USA oder einer der 50.000 Toten durch Schusswaffen, die das amerikanische Freiheitsbild selbstverständlich in Kauf nimmt. Dieses Mal ist es anders. Um 12:23 wird Charlie Kirk kurz nach Beginn seiner Debattenveranstaltung an der Utah Valley University durch einen einzigen Schuss in den Hals ermordet. Was darauf folgt, ist eine mediale Massenpsychose. 

Charles James Kirk wird am 14. Oktober 1993 in Arlington Heights, Illinois, in eine lokal bekannte republikanische Familie geboren. In seiner Kindheit engagiert sich Charlie Kirk bei konservativen, nationalistischen und religiösen Pfadfindern. Mit 18 Jahren gründet Charlie Kirk Turning Point USA – eine der wichtigsten amerikanischen Jugend- und Campusbewegungen – und schreibt unter anderem für Breitbart News Network, welches sich politisch im Bereich rechtspopulistisch und rechtsextrem einordnen lässt. Bekannt ist Charlie Kirk vor allem durch seine populären Veranstaltungsreihen auf sozialen Medien, in welchen er an renommierten Universitäten wie Cambridge mit verschiedenen Personen diskutiert. Auch sein Verhältnis und seine Unterstützung für Donald Trump machen ihn zu einer der Speerspitzen der Darstellung der Republikaner:innen im Internet. Unterstützung für seine Ideen bekam Charlie Kirk unter anderem von Martin Sellner – rechtsextremer Aktivist aus Österreich und ehemals Sprecher der Identitären Bewegung Österreichs. 

Warum Charlie Kirk? 

Charlie Kirk inszeniert sich als Verkörperung der christlichen Meinungsfreiheit – als jemand, der mit allen spricht: Studierenden, Arbeiter:innen, Minderheiten und vielen anderen Gruppen. Der Anschein: Dialogbereitschaft für einen gemeinsamen Austausch. In seinen Debatten dient dieser „Diskurs auf Augenhöhe“ weniger dem Austausch als der Verbreitung seiner Ideologie. Meinungsfreiheit, eigentlich ein Grundpfeiler der Demokratie, wird so zum Instrument politischer Manipulation. Rechtsextreme berufen sich darauf, um Hetze und Desinformation als „legitime Meinung“ zu tarnen, höhlen damit aber das Ideal aus, das sie vorgeben, zu verteidigen. Kirk scheute in seinen Debatten nicht davor, zu behaupten, dass Abtreibungen schlimmer seien als der Holocaust oder schwarze Frauen nicht genug Gehirnkapazität im Vergleich zu weißen Frauen für Jobs hätten. Kirk selbst nahm diesen Widerspruch zwischen scheinbar moralisch weißer Weste in Debatten und stark antisemitischen und rassistischen Äußerungen nicht wahr. 

Nach Kirks Ermordung formte die Rechte Amerikas ein wirkmächtiges Narrativ: Der Tod eines Verteidigers der Meinungsfreiheit soll beweisen, dass eben diese Freiheit in den USA bedroht ist. Auf diese Weise verwandelt sich politisch menschenfeindliche Ideologie in ein vermeintlich schützenswertes Gut und missbraucht das Ideal der Meinungsfreiheit, um menschenfeindliche Positionen weiter auszudehnen. Linke Kräfte sollten dies natürlich erkennen und sich nicht auf diese Erzählungen einlassen.

Was macht die Linke? 

Wie so oft leider auch: Sie reagieren. Wieder einmal gelingt es den Rechten, den Diskurs in ihrem Sinne zu rahmen. Die Linke lässt sich darauf ein, statt selbst den Ton anzugeben und die Debatte etwa auf das eigentliche Thema – die tödliche Dimension der Waffengewalt – zu lenken. So kämpft sie in einem Diskurs um „Sollte ein Mensch ermordet werden?“ und liefert mit mal milderen, mal extremeren Reaktionen der Rechten in Amerika die perfekte Vorlage, die gesamte linke Bewegung als menschenfeindlich zu diffamieren – einen Punkt, den die Linke mal für sich beansprucht hatte.

To the right – Take it back now y‘all!

Es sollte also mittlerweile bei allen angekommen sein: Der Wind weht rechts. Langsam, aber sicher konnten wir in Europa und den USA beobachten, wie sich rechte Kräfte immer wieder formieren, sich neu erfinden und maskieren – alles um ihre Ideologie in die gesellschaftliche Mitte zu bringen. Der Hauch im Wind ist inzwischen so stark, dass man am liebsten die Nase (und mittlerweile auch die Augen) verschließen möchte.

Inmitten dieser gesamtgesellschaftlichen Entwicklung ist besonders beunruhigend, dass sich Teile der jüdischen Gemeinde ebenfalls nach rechts orientieren. Nachweisbar ist ein solcher Rechtsruck insbesondere in den USA, wo vor allem in haredisch-orthodoxen jüdischen Gemeinschaften in den letzten Jahren zunehmend rechts gewählt wurde. Für uns persönlich wurde diese Entwicklung spürbar, als sich die Fälle von jüdischen Bekannten häuften, die sowohl persönlich als auch in sozialen Medien mit nahezu apokalyptischer Sorge vor der Zukunft warnten und rechte Kräfte als ihre alleinigen Beschützer erklärten.

Viele unterstützen die großangelegte Heroisierung Charlie Kirks nach dem Attentat. Großflächige Graffitis, emotionale Posts und Solidaritätsbekundungen preisen ihn als heldenhaften Kämpfer für jüdisches Leben und Israel. Offenbar so geblendet von dieser „ritterlichen Rüstung“ gegen islamistischen Terror, dass die unzähligen antisemitischen und problematischen Aussagen und Positionen Kirks entweder nicht wahrgenommen oder bewusst ausgeblendet wurden.

Diagnose: Rechtes Auge blind?

Was erklärt nun diesen blinden Fleck? Und geht es den rechten Akteur:innen tatsächlich um jüdisches Leben? Gehen wir einen Schritt zurück. Viele Jüdinnen und Juden stehen vor der nüchternen Erkenntnis, dass sich die Linke an vielen Orten nicht mehr für jüdisches Leben einsetzt. Wo vor einigen Jahren noch die Hoffnung bestand, dass sie aufgrund ihres Einsatzes für Minderheiten auch das jüdische Leben schützt, ist nach dem siebten Oktober vielerorts wenig davon übrig geblieben.

Debatten über Israel als „rassistischen Kolonialstaat“ waren in den letzten zehn Jahren zwar ein häufiger, aber eher schüchterner Gast am linken Tisch. Heute ist dieser einst schüchterne Junge groß geworden: Er sitzt lautstark und gestikulierend am Kopf des linken Tisches und ist nicht allein. Neben ihm befiinden sich eine Entourage aus Antisemitismus, Verschwörungstheorien, Shoah-Relativierung und Islamismus. 

Right Wing Cinematic Universe – Bösewichte oder Helden?

Für viele jüdische Menschen stellt sich nun die Frage: Wer steht eigentlich noch zu ihnen? Der Verlust zahlreicher jüdischer und nicht jüdischer Allyships ist massiv. In diese Lücke trat die rechte Ritterbande: King Trump als selbsterklärter „Deal Maker“, Kleriker Kirk mit seinem fundamental religiösen Einfluss, das rassistisch-fanatische Kabinett Netanjahus und europäische Parteien wie die AfD und die FPÖ, die sich um den „Schutz jüdischen Lebens“ bemühen. Wer diese „heldenhaften Ritter“ ins Haus lässt, erkennt schnell: Es handelt sich eher um ein trojanisches Pferd. Ihre Unterstützung für das jüdische Leben gilt nicht „ohne Wenn und Aber“, sondern „nur solange bis…“.

Die Unterstützung für diese Akteur:innen ist keine echte Solidarität, sondern eine gefährliche Heroisierung aus Verzweiflung. Politischer Druck spielt dabei eine zentrale Rolle: Solidarität folgt derzeit selten moralischen Prinzipien, sondern dient oft als politisches Statement, das Machtverhältnisse und strategische Interessen widerspiegelt. Das zeigt sich in den USA, wo trotz antisemitischer und verschwörungstheoretischer Aussagen rechter Akteur:innen wie Kirk viele jüdische Organisationen kaum öffentlich auf Distanz gehen. Doch jüdische Solidarität und politische Positionierung dürfen nicht zum Instrument kurzfristiger rechter Interessen werden. Sie müssen selbstbestimmt, unabhängig, ohne Hass und auf Augenhöhe erfolgen, um jüdisches Leben langfristig zu schützen.

Andi Pashchenko
 & Jakob Manasherov

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