Gegen Hass, Rückschritt und falsche Idole:
Eine feministische Kritik an der „Trad-Wife“-Bewegung
In einer Zeit zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung und Desinformation gewinnen reaktionäre Strömungen, sowie populistische Stimmen wieder verstärkt an Einfluss. Unter dem Deckmantel von Freiheit, Tradition oder Selbstbestimmung propagieren sie ein Weltbild, das historisch errungene Fortschritte massiv in Frage stellt oder gar rückgängig machen will, insbesondere was Gleichberechtigung, Minderheitenrechte und demokratische Diskurse betrifft. Politische Influencer:innen mit enormer Reichweite stehen also in der Verantwortung, denn ihre Worte prägen Debatten, normalisieren Weltbilder und können im Extremfall sogar zu Gewalt führen. Eine dieser unliebsamen Stimmen ist Candace Owens, die als politische Kommentatorin, konservative Aktivistin und Autorin vor allem in den USA Millionen von Follower:innen erreicht. Ihre Rhetorik, oft scharfzüngig, provokant und polarisierend, bewegt sich seit Jahren immer wieder gefährlich nahe an antisemitischen Vordenkern, historischen Relativierungen und verschwörungstheoretischer Aufladung. Diese Tendenz ist Teil eines größeren Trends, der die Grenzen des Sagbaren verschiebt und alte Ressentiments in neuem, modernen Gewand verbreitet.
Vom „Free Speech“-Argument zur Kultivierung von Feindbildern
Owens präsentiert sich gerne als Kämpferin für die Meinungsfreiheit. „Sie sagen, ich darf es nicht sagen – also sage ich es trotzdem“, lautet nicht selten ihr Tenor. In diesem self-empowernden Stil versteckt sich eine Strategie, die Kritik durch Opferinszenierung abwehrt: Wenn ihr widersprochen wird, sei das ein Zeichen dafür, dass „die Wahrheit“ unterdrückt werde, ihre Gegner:innen werden zu „den Mächten, die man nicht benennen darf“. Diese Rhetorik kennen wir von Rechten aller Couleur und nicht zuletzt auch von Donald Trump höchstpersönlich.
Das freie Wort wird bei Owens somit zur Waffe, nicht, um Macht zu kritisieren oder Ungerechtigkeit aufzuzeigen, sondern um bewährten antisemitischen Narrativen einen neuen Anstrich zu verleihen. Sei es der „Ring von sinisteren Juden in Hollywood“, den Candace öffentlich anprangerte, oder die Vorstellung, eine jüdische Lobby kontrolliere Medien oder betreibe “moralische Erpressung“ mit dem Holocaust. In diesen Aussagen spiegeln sich Muster jahrhundertealter Mythen wider, die Jüdinnen und Juden eine überdimensionale, manipulativ-bösartige Macht zuschreiben und damit klassische Hinterzimmer-Verschwörungserzählungen reproduzieren.
Owens Rhetorik ist nicht nur fahrlässig, sie ist toxisch: Sie schafft eine Bühne für rechte Revisionist:innen, die alte Legenden wie warme Semmeln wieder aufwärmen und sie als „mutige Wahrheitsbekenntnisse“ verkaufen – versehen mit eigenen Propagandakommentaren.
Um es hier noch einmal klarzustellen und damit auch etwaige Schlussfolgerungen abzufangen, hier geht es niemals um Kritik am israelischen Staat, diese ist genauso legitim, wie die Kritik an jeder anderen Regierungspolitik. Doch Candace Owens geht immer darüber hinaus: Jüdinnen und Juden würden Medien und Unterhaltung kontrollieren und den öffentlichen Diskurs manipulieren. In ihrem Podcast taufte sie das satirische „Newsoultet“ The Babylon Bee spöttisch „Zionist Bee“ und „Babylonian Talmudic Bee“ um – ein Lehrbeispiel dafür, wie man antisemitische Narrative ironisch verpackt und trotzdem wirksam verbreitet. Dazu gesellen sich Begriffe wie „Zionistische Denkvergiftung“ oder die Vorstellung eines „Rings von spezifischen, jüdischen Leuten“, die ihre Machtpositionen ausnutzen, um Kritik zu ersticken. Owens hat auch wiederholt die historische Realität der medizinischen Experimente von Josef Mengele während des Holocaust infrage gestellt. Diese Verbrechen sind systematisch dokumentiert, wissenschaftlich belegt und unbestrittene Gräueltaten gegen die Menschlichkeit und trotzdem bezeichnet Owens sie lapidar als „bizarre Propaganda“. Das ist kein kleiner Ausrutscher im Geschichtsunterricht, sondern ein gezielter Schlag ins kollektive Gedächtnis. Sie verharmlost die unfassbare Grausamkeit, das Leid und die systematische Entmenschlichung und würzt das Ganze noch mit der Bemerkung, deutsche Nachkriegsschicksale seien „vergessene Ungerechtigkeiten“.
Trad Wives und Candace Owens: Reaktionärer Feminismus auf Instagram
Unsichere Zeiten bringen meist keine Revolution, sondern Retro-Romantik. Auf Social-Media feiern Frauen in 50er-Jahre-Kleidern ihre Rolle als perfekte Ehefrau und Mutter – die selbsternannten „Trad Wives“ in voller Pracht. Harmlos wirkt das nur auf den ersten Blick. Dahinter steckt ein politischer Trend, der Gleichberechtigung infrage stellt und veraltete Machtverhältnisse als Lifestyle verkauft.
Candace Owens ist eine der einflussreichsten Verfechterinnen dieser Sehnsucht nach einer „natürlichen Gesellschaftsordnung“. Zwar bezeichnet sie sich nicht explizit als „Trad Wife“, aber ihre Ideologie korrespondiert eng mit den Botschaften dieser Bewegung. Owens selbst braucht dabei aber natürlich keine Schürze: Ihre Botschaft ist trotzdem die gleiche. Sie glorifiziert traditionelle Geschlechterrollen, attackiert feministische Errungenschaften und präsentiert sich als Gegenfigur zum „modernen Opferfeminismus“. Sie verpackt reaktionäre Ideale in Hochglanz-Rhetorik, medienwirksam, stilisiert, aufmerksamkeitsstark.
Die Ikone des reaktionären Cool-Girls: Feminismus-Bashing im Popkultur-Gewand
Candace Owens ist das politische „Pick-Me-Girl“ unserer Zeit: Sie prangert Feminismus als „zerstörerisch“ und „ideologisch krank“ an, wirft Frauen vor „zu egoistisch für die Mutterschaft“ zu sein und stellt Karriere und Mutterschaft als unvereinbare Gegensätze dar – alles, um sich als die „richtige“ Art von Frau im patriarchalen System anzubieten. Während sie traditionelle Geschlechterrollen romantisiert, vermeidet sie es geschickt, selbst als passiv oder abhängig zu wirken. Stattdessen zeigt sie, dass man als lautstarke, erfolgreiche Prominente reaktionäre Werte propagieren kann: Ein populistischer Feminismus, der traditionelle Rollen mit Mikrofon, Kameralinse und Selbstinszenierung verkauft, stets mit dem Unterton: „Ich bin nicht wie diese anderen Frauen, weil ich es verstanden habe“. Pick-Me-Gehabe auf ganz hohem Niveau.
Inklusiver Feminismus: Für Vielfalt und echte Solidarität
Dem entgegen steht ein Feminismus, der wirklich inklusiv ist: einer, der Frauen nicht anhand ihrer Entscheidungen verurteilt, sondern sie in ihrer Vielfalt und Komplexität anerkennt. Ein solcher Feminismus setzt sich dafür ein, dass Mutterschaft und Karriere, Hausarbeit und politisches Engagement, Care-Arbeit und Selbstverwirklichung keine Gegensätze sind, sondern gleichberechtigte Lebensmodelle, unabhängig von Herkunft, sozio-ökonomischem Status, Religion oder sexueller Identität. Er kämpft nicht nur für individuelle Freiheiten, sondern auch für kollektive Strukturen, die gerechtere Arbeitsbedingungen, bezahlte Elternzeit, flexible Arbeitsmodelle und gesellschaftliche Anerkennung für Care-Arbeit schaffen. Inklusiver Feminismus bedeutet echte Solidarität, nicht Spaltung; Empowerment statt Bevormundung; Freiheit, nicht Rollenfixierung. Echter Feminismus stellt sich gegen -Ismen aller Art und befeuert sie nicht. Und zu guter Letzt: Echter Feminismus ist für all jene da, die das Patriarchat zerschlagen wollen, anstatt sich Männern anzubiedern, die dieses lenken. Er kniet niemals, sondern lacht, während die Herren des Systems (womöglich panisch) den Weg für echten Fortschritt freimachen.
Avia Seeliger