Feministische Ansprüche, antisemitische Reflexe? 

Feministische Ansprüche, antisemitische Reflexe? 

Treffen sich zwei Linke, gründen sich drei Splittergruppen. Was lange als Kommentar zur politischen Zersplitterung der radikalen Linken galt, beschreibt seit dem 7. Oktober 2023 eine gelebte Realität. Die Reaktionen auf den größten Angriff auf jüdisches Leben seit der Shoah haben tiefe Risse in der feministischen und linken Szene sichtbar gemacht – auch hier in Wien. Risse, die nicht nur politische Arbeit beeinflussen, sondern auch moralische Einschätzungen betreffen. 

Feministische Bewegungen verstehen sich – einfach gefasst – als solidarisch mit allen Unterdrückten des Patriarchats. Doch gerade, wenn es um Jüdinnen geht, fällt diese Solidarität in Teilen der Szene auffällig schnell weg. Sexualisierte Gewalt und gezielte Angriffe auf israelische Frauen am 7. Oktober  wurden relativiert, geleugnet oder gar als Propaganda abgetan. Der feministische Grundsatz always believe the victim scheint für jüdische Opfer in manchen (queer-)feministischen Kreisen nicht zu gelten. So behauptete etwa der Instagram-Account thepeoplesafa_vie, es gebe „keine glaubwürdigen Beweise für strukturelle sexualisierte Gewalt“ am 7. Oktober – eine Rhetorik, die an klassische Strategien der Täter-Opfer-Umkehr erinnert und gerade aus rechts-konservativen Lagern kommt. Dennoch, und durch fragwürdige Argumentationen finden sich viele feministische Gruppen in genau diesem Narrativ wieder.  

Antisemitismus als blinder Fleck

Diese Dynamik verweist auf ein strukturelles Problem, denn Antisemitismus wird in vielen linken und feministischen Analysemodellen nicht ernst genommen. Die Soziologin Karin Stögner kritisiert, dass Antisemitismus in intersektionalen Theorien kaum berücksichtigt wird, obwohl er eine eigenständige Ideologie mit spezifischer Funktionslogik darstellt. Intersektionalität werde, in der aktivistischen Praxis, teilweise sogar zum Vehikel, um Israelhass zu legitimieren. Zum Beispiel dann, wenn Israel pauschal als weißes, koloniales Projekt bezeichnet wird. Jüdinnen und Juden werden damit in der Logik intersektionaler Machtanalysen automatisch zu Privilegierten erklärt, unabhängig von ihrer tatsächlichen Geschichte oder Diskriminierungserfahrung.  Diese Einordnung ermöglicht es, israelische Zivilist:innen als legitime Ziele “antikolonialen Widerstands” umzudeuten – eine höchst populäre Argumentation.

Richtige Juden sind keine Zionisten

Gerade auch hier in Wien, ist diese Verschiebung sichtbar: Solidarität mit jüdischen Frauen bleibt die Ausnahme, während die Ausgrenzung „zionistischer“ Teilnehmerinnen zunehmend offen praktiziert wird. Queerfeministische Gruppen teilen etwa Memes mit der Aussage „I do not support all queers. Some of you f**** are Zionists”. Auch beim Trans Viel Freude Fest diesen Jahres wurde ein ähnliches Narrativ verwendet. Zionist:innen waren explizit unerwünscht. Als Immunisierung gegen den Vorwurf des Antisemitimus argumentieren die Veranstalter:innen damit, dass jedoch Jüdinnen und Juden erwünscht sind. Die These, „richtige Juden“ sind keine Zionisten, die von Antisemiten wie Xavier Naidoo auch immer wieder propagiert wird, ist brandgefährlich. Ignoriert wird dabei die jüdische Selbstbestimmung, der Wunsch nach einem eigenen, sicheren Staat. Laut dem PEW Research Institut sehen 80 Prozent aller in den USA lebenden Jüdinnen und Juden Israel als wichtigen Teil ihrer Identität. Das Gleiche gilt etwa für eine weitere große Diaspora Gemeinde wie Großbritannien, und auch die meisten anderen jüdischen Gemeinden auf der Welt. 7 Millionen Jüdinnen und Juden leben in Israel, das entspricht der Hälfte aller jüdischen Personen weltweit. Was bedeutet also diese Argumentationslinie von (queer-)feministischen Gruppen für Jüdinnen und Juden? Genauso wie die österreichische, die deutsche oder die US – Amerikanische Gesellschaft, ist auch die israelische Gesellschaft eine pluralistische. In Ausführung führt diese gelebte Ausbildungspraxis also vor allem dazu, jüdischen Personen ihre Identität abzusprechen und dadurch aktiv die Sicherheit von Jüdinnen und Juden zu beeinflussen. Eine Gegebenheit, die besonders in einer postnazistischen Gesellschaft, wie hier in Österreich, scharf zu kritisieren ist. Statt Kritik sehen aber die meisten kein Problem damit. “Es richte sich ja nicht gegen Juden, sondern gegen den Staat Israel!“. Eine Ausweichstrategie, die einer ernsthaften Auseinandersetzung mit Antisemitismus aus dem Weg geht. 

Der Nahost-Konflikt als Projektionsfläche feministischer Konfliktlinien

Der Politikwissenschaftler Jannis Grimm (FU Berlin) beschreibt jene Fixierung auf den Konflikt zwischen Israel und Palästina innerhalb feministischer Gruppen als Schauplatz grundlegender Konfliktlinien des Feminismus: Fragen nach Selbstbestimmung, Kolonialisierung, Körperpolitik und Gewalt prägen den Diskurs. Gerade deshalb wird der Nahostkonflikt in vielen Gruppen zu einer Projektionsfläche, auf der komplexe Realitäten vereinfacht und hoch emotional weitergegeben werden – meist zum Schaden von jüdischer Subjektivität. 

Diese Entwicklung hat zu einer tiefen Spaltung innerhalb der feministischen Linken geführt. Gruppen, die sich einst auf gemeinsame antifaschistische Grundsätze berufen konnten, stehen sich heute feindlich gegenüber. Ganze Tage wie der 25. November oder der 8. März werden davon eingenommen und verunmöglichen eine Zusammenarbeit. Wer das Existenzrecht von Israel betont, ist auf der einen Demo unerwünscht; wer auf jüdische Sicherheit verweist, gilt schnell als antideutsch oder rassistisch. Auf Instagram zirkulieren Anschuldigungen und Anfeindungen, die ein Klima der Polarisierung und besonders der Diffamierung verstärken. So macht es sich zum Beispiel die thepeoplesafa_vie zur Aufgabe, als antifaschistische Praxis Falschinformationen über antisemitismuskritische Gruppen zu verbreiten und Einzelpersonen öffentlich anzugreifen. Das führt zu einem Klima, das keinerlei Diskurs mehr zulässt, sondern Hass potenziert. Die Positionierung rund um Nah-Ost wird immer mehr zu einem moralischen Distinktionsmerkmal. Zugespitzt gesagt geht es hier nicht um die Verteidigung marginalisierter Gruppen, sondern um die Delegitimierung von Jüdinnen und Juden, sowie um eine Vorantreibung innerlinker Spaltung. 

Wieder zurück zum Anfang

Antizionismus und Antisemitismus sind nämlich kaum voneinander zu trennen. Zwar betonen antizionistische Gruppen, es handle sich um staatenbezogene Kritik, doch in der Realität treten antisemitische Codes offen zutage. Denn das Infragestellen jüdischer Selbstbestimmung, die Ausladungen jüdischer Personen aufgrund von Zionismus und Leugnung von Gewalttaten an Jüdinnen und Juden ist sehr wohl antisemitisch. Antizionismus fungiert heute oft als Legitimationsrahmen für tief verankerte Ressentiments, auch wenn das sehr gerne abgestritten wird. Gleichzeitig existieren feministische Gruppen, die sich ernsthaft mit Antisemitismus befassen und ihn klar benennen. 

Die daraus entstehenden Lagerbildungen sind mühsam, aber angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen notwendig. Denn ein Feminismus, der intersektional sein will, muss jüdische Erfahrungen konsequent mitdenken. Solange verkürzte und ideologisch verzerrte Narrative den Diskurs bestimmen, bleibt der alte Witz aktueller denn je. Treffen sich zwei Linke, gründen sich drei Splittergruppen – und verlieren aus dem Blick, wofür sie eigentlich kämpfen wollten.

Madita Resch

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