Körperpolitik und soziale Verwundbarkeit
Sexualisierte Gewalt und die Rolle der Äthiopischen Frau in der israelischen Bevölkerung.
Heute leben circa zweihunderttausend Menschen mit äthiopischer Abstammung in Israel. Die ersten großen Aliyot aus Äthiopien begannen Anfang der 1980er Jahre. Mithilfe einer direkten Luftbrücke emigrierten zigtausende Menschen nach Israel, um dort einen Teil der Gesellschaft zu bilden. Doch noch vor der Abreise wurde klar, welche Rolle die äthiopischen Jüdinnen und Juden spielen sollten.
Beginnend in den Transitlagern in Äthiopien, bei der Ankunft in Israel oder später, wurde über viele Jahre hinweg tausenden äthiopischen Frauen zwischen Ende der 1990er und den späten 2000er Jahren das Langzeitverhütungsmittel Depo-Provera verabreicht.
Zu Beginn der 1990er Jahre lag die Verhütungsrate in Äthiopien bei weniger als fünf Prozent; viele Frauen hatten keine Informationen über unterschiedliche Verhütungsmethoden. In den Transitlagern wurden sie unter Druck gesetzt: Sie dürften nicht nach Israel einreisen, wenn sie die Spritze nicht akzeptierten. Zugleich wurde ihnen nicht erklärt, dass es sich um ein Verhütungsmittel handelt, die Injektion wurde als “einfache” Impfung bezeichnet.
Die Erfahrungen der Betroffenen legen nahe, dass es sich um eine systematische Praxis der demografischen Kontrolle handelte. Einige Frauen erfuhren erst, dass sie verhüteten, als sie schwangerschaftstypische Symptome entwickelten, eine Nebenwirkung von Depo-Provera. Durch Rachel Mangoli von der Women’s International Zionist Organisation (WIZO), die in einem Familienzentrum arbeitet und sich für die Rechte äthiopischer Frauen einsetzte, wurde ein Klinikmanager zu einer Erklärung gedrängt. Dieser weigerte sich jedoch offenzulegen, von wem die Anweisung zur Verabreichung der Injektionen stammte.
Auch andere Gesundheitszentren, darunter Clalit, Maccabi und Meuhedet, über die Depo-Provera verabreicht wurde, reagierten 2008/2009 entweder nicht auf Anfragen oder erklärten, sie verfügten über keine Daten zur ethnischen Zusammensetzung der Patientinnen. Das Gesundheitsministerium gab ebenso an, keine Informationen zu dem Thema zu haben, und verwies auf die jeweiligen Gesundheitszentren. Zwischen 2005 und 2008 waren 57 Prozent der Empfängerinnen von Depo-Provera äthiopischer Abstammung, obwohl äthiopische Israelis weniger als zwei Prozent der israelischen Gesamtbevölkerung ausmachen.
Offizielle Stellungnahmen der in Äthiopien tätigen Organisationen, darunter die Jewish Agency und das Joint Distribution Committee (JDC) betonen, dass Empfehlungen zur Verhütung und die Wahl der Methode nicht von ihnen ausgegangen seien, da dies in der Verantwortung der Gesundheitsbehörden liege. Das Ministerium für Aliyah und Integration wiederum verweist die Verantwortung an NGOs und Hilfswerke und macht diese für die medizinischen Eingriffe verantwortlich.
Der damalige stellvertretende Gesundheitsminister Yaakov Litzman räumte 2013 ein, dass die Behandlung der Frauen ohne ihre Einwilligung und ohne ausreichende Aufklärung erfolgt war. In einer 2015 beendeten Untersuchung des Rechnungshofs wurde festgestellt, dass die Gesundheitszentren und das Ministerium für Gesundheit nicht den Auftrag gegeben haben, Depo-Provera zu verschreiben und dass alle beteiligten Frauen ausreichend aufgeklärt wurden. In dieser Untersuchung wurde jedoch keine der äthiopischen Frauen befragt.
Staatliche Kontrolle und sexualisierte Gewalt
Die Praxis ist als Form der sexualisierten Gewalt durch den Staat zu bewerten und offenbart die Unterordnung von rassifizierten Frauen, da sie einerseits als Problem in einer bestimmten Bevölkerungsgruppe wahrgenommen werden und andererseits ihr Körper ein Instrument der staatlichen Kontrolle ist. Erzwungene Kontrolle und der Eingriff in die selbstbestimmte Fortpflanzung folgt einem globalen Muster und trifft häufig marginalisierte Frauen. Noch bevor sie in den USA zugelassen war, wurde die Verhütungsspritze Depo-Provera in Afrika, Asien und Südamerika jahrelang an Bevölkerungen ohne Zustimmung oder Wissen getestet und zur Geburtenkontrolle eingesetzt. Auch in den USA wurde sie an nicht informierten, vulnerablen Bevölkerungsgruppen getestet.
Diese Entwicklungen stehen in einer längeren Tradition staatlicher Eingriffe in die Körper marginalisierter jüdischer Gruppen. Bereits in den 1950er und 1960er Jahren wurden Mizrachi Gemeinschaften, besonders Jüdinnen aus dem Jemen, dem Irak und Nordafrika, sozial und politisch systematisch benachteiligt. Die Behandlung äthiopischer Frauen reiht sich somit in ein Muster ein, in dem bestimmte jüdische Gruppen als weniger erwünscht gelten und ihre Körper kontrolliert werden.
Sowohl politische, als auch religiöse israelische Führungen propagieren bis heute die Bedeutung großer Familien – als religiöses Gebot und als politisches Signal im demografischen Wettbewerb mit der palästinensischen Bevölkerung. Offenbar war dieser Aufruf nicht gleichermaßen gemeint. Während aschkenasische und später auch viele mizrachische Frauen gesellschaftlich ermutigt wurden, große Familien zu haben, wurde äthiopischen Frauen zugleich verdeutlicht, dass ihre Geburten nicht im Sinne des Staates seien. Die Botschaft ist widersprüchlich und klar rassistisch.
Rassismus heute
Trotz formaler Gleichberechtigung erfahren äthiopische Israelis weiterhin systemische Diskriminierung in Bereichen wie Bildung, Arbeitsmarkt, Polizei und Militär. Frauen tragen dabei eine doppelte Last, da neben Rassismus patriarchale Strukturen innerhalb und außerhalb der Gemeinde wirken. Medienberichterstattung und öffentliche Diskussionen neigen dazu, die Perspektiven der Betroffenen zu marginalisieren, während stereotype Vorstellungen von problematischen Migrant:innen-gruppen reproduziert werden.
Jüngere Generationen äthiopischer Israelis zeigen sich zunehmend politisch aktiv und selbstbewusst, während ältere oft die direkten Konsequenzen struktureller Marginalisierung spüren. Dies verdeutlicht, dass Diskriminierung generationenübergreifend wirkt, aber auch, dass Selbstorganisation und Selbstermächtigung wachsen.
Mothers on Guard
Ein Beispiel dafür ist die Organisation Mothers on Guard. Entstanden 2016 als Reaktion auf Polizeigewalt und Diskriminierung besteht die Gruppe großteils aus äthiopischstämmigen Müttern, die während Protesten als Pufferzone zwischen Polizei und Demonstrierenden dienen.
Mit parallel agierenden Organisationen wie der Association of Ethiopian Jews (AEJ) als politische Vertretung der Gemeinde, welche die Rechte, Sichtbarkeit und politische Teilnahme unterstützt, wird verdeutlicht, dass äthiopische Israelis nicht nur Opfer sind sondern eine starke Gemeinde, die laut für ihren rechtmäßigen Platz in der israelischen Gemeinde einsteht. Auch Organisationen wie Meketa bieten den tausenden Jüdinnen und Juden, die noch in Äthiopien auf die Rückkehr nach Israel warten, Unterstützung und Bildung .
Chancen und Herausforderungen
Durch die Immigration nach Israel haben sich für äthiopische jüdische Frauen neue Türen geöffnet. Sie erzielen in verschiedenen Bereichen, darunter Musik, Kultur und Kunst, bemerkenswerte Erfolge, engagieren sich aktiv in sozialen Projekten und Gemeinden und bilden sich auch akademisch. Eine echte Gleichberechtigung erfordert nicht nur Reformen, sondern auch die Anerkennung des erlittenen Unrechts. Erst wenn die Erfahrungen äthiopischer Frauen gehört und aufgearbeitet werden, kann Israel seinem eigenen Anspruch von Gerechtigkeit näherkommen.
Esther Aruna