Maria Theresia, Licht und Schatten ihrer Majestät
Ein Name, den jedes österreichische Kind schon einmal gehört hat. Kennt man überhaupt irgendwelche Habsburger, so wird es zumindest dieser eine Name sein: Maria Theresia. Doch wer kennt auch ihre Schattenseiten?
Ein jedes Kind lernt hierzulande davon, wie der sechsjährige Mozart nach seinem Konzert in Schönbrunn auf den Schoß der Kaiserin gesprungen sei und sie abgebusselt habe. Man lernt, sie sei eine Reformerin und mit ihren unglaublichen sechzehn Kindern die Mutter der Nation gewesen. Man lernt, wie die Jüngsten ihr doch sehr am Herzen lagen, immerhin. Sie war es, die 1774 die Unterrichtspflicht für Kinder bis zwölf Jahren in den Habsburger Ländern erließ.
Sie war es, die sich mit nur dreiundzwanzig Jahren gegen die Feinde Österreichs behauptete und so den Österreichischen Erbfolgekrieg für sich gewann und zu einer der längst regierenden Monarchinnen der Weltgeschichte wurde. Das als Frau zu einer Zeit, in der das Patriarchat so stark und eingefahren war wie eh und je und es die einzige Aufgabe einer Frau des Hochadels war, so viele männliche Erben wie möglich zu gebären und sich ja aus der Politik herauszuhalten.
Dieses Bild lernt man natürlich nicht nur in der Schule kennen, sondern ebenfalls in den Myriaden aus medialen Darstellungen ihres Lebens und ihrer Regenz. Genau nach diesem Schema – Maria Theresia, Mutter der Nation – spielt sich die hoch professionelle Produktion des Musicals Maria Theresia auf der Bühne des Ronacher ab.
Religiöse Toleranz zur Zeit von Maria Theresia
So weit so gut, das hat schon alles seine Wahrheit. Was aber bei diesem Musical und dem allgemeinen Maria-Theresien-Narrativ allzu oft wegfällt, sind ihre Schattenseiten, vor allem was den Umgang mit ihren jüdischen Untertanen anbelangt, aber auch mit anderen marginalisierten Bevölkerungsgruppen der Monarchie.
So führte sie die Habsburger Tradition der brutalen Gegenreformation weiter. Sie verfolgte Protestant:innen vor allem im Gebiet des heutigen Österreichs und deportierte an die 14.000 von ihnen in die unwirtlichsten Gegenden der Habsburgerländer: In das Banat und nach Siebenbürgen (heute Rumänien). Dort verrichteten diese im Grunde Zwangsarbeit, die Habsburger Variante, politisch unliebsame Personen nach Sibirien zu exilieren.
Die Habsburger Sittenpolizei
Doch waren Protestant:innen nicht die einzigen, die sie in den Osten deportierte. Ebenso traf es Sexarbeiterinnen, insbesondere diejenigen in Wien. Denn im Zuge ihrer Keuschheitskommission von 1751-1769 wurde Prostitution illegal. Zum Überblick: Wien hatte zu dieser Zeit eine Bevölkerungszahl von etwa 175.000 Menschen; davon waren ca. 16.000 Sexarbeiterinnen. Wer meint, die Sittenpolizei sei eine iranische Erfindung, irrt sich gewaltig. Teil der besagten Keuschheitskommission waren geheime Sittenwächter, die das private Leben lediger Frauen bespitzelten um herauszufinden, wer sich nicht an das Gesetz hält. Ein Umstand, über den sich etwa der berühmte Casanova bei seinem Wiener Aufenthalt echauffierte. Am schlimmsten traf es jedoch Sexarbeiterinnen, die erwischt oder denunziert wurden. Hierbei war das Strafverfahren alles andere als fair: Während der Freier eine relativ geringe Geldstrafe zahlen musste, wurde die Frau öffentlich geschoren, gedemütigt und dann ebenfalls in den Osten deportiert.
Die Juden und die Erzherzogin
Hier hören ihre Schattenseiten immer noch nicht auf. Maria Theresias Beziehung zur jüdischen Bevölkerung der Habsburger Länder, war alles andere als rosig. Die damalige Erzherzogin plante 1742 die Vertreibung der Jüdinnen und Juden Mährens (eine Region im Osten der heutigen Tschechischen Republik).
Kein sehr kleines Unterfangen, immerhin umfasste dieses Vorhaben an die 10.000 Menschen. Nur durch die Intervention des jüdischen Hoffaktors Diego D´Aguilar, der damals das österreichische Tabakmonopol pachtete und der erste Jude war, der in Österreich (noch von dem Vater der Kaiserin: Karl VI.) geadelt wurde, konnte diese Deportation gestoppt werden. Dass D´Aguilar im selben Jahr 300.000 Gulden an Maria Theresia lieh, damit sie das Schloss Schönbrunn zu seiner heutigen Form umbauen konnte, wird wohl kein Zufall gewesen sein.
Doch damit hört es nicht auf. Nachdem sie Prag 1744 an König Friedrich II. von Preußen verloren hatte (der im Musical grandios dargestellte Widersacher und aufgeklärte Herrscher, der mit seiner geheimen Homosexualität und den Männlichkeitsvorstellungen der Zeit zu kämpfen hatte), gab Maria Theresia den Jüdinnen und Juden die Schuld, dass die Stadt an den Feind fiel.
Als die österreichischen Truppen Prag im selben Jahr wieder einnahmen, sollte ihr Frust und Zorn an der größten jüdischen Gemeinde Europas ausgelassen werden. Das jüdische Quartier wurde durch die “befreienden” Truppen geplündert. Anschließend wurden über 10.000 Jüdinnen und Juden, etwa ein Viertel der Prager Bevölkerung, per Dekret von Maria Theresia persönlich, inmitten des Winters, aus der Stadt geworfen. All das, trotz des Aufstandes gegen die Maßnahme von Seiten der Prager Stände und den Einwänden ihres Ehemannes, dem aufgeklärten Kaiser Franz Stephan. Es sollte die letzte große Vertreibung von Jüdinnen und Juden Europas vor Hitlers Machtergreifung werden. Ihren weiteren Plan, die jüdische Bevölkerung Böhmens ebenso zu exilieren, konnte sie jedoch nicht durchführen. Durch die vereinten Kräfte von jüdischen Stadtlanen wie D ´Aguilar, weiteren jüdischen Diplomaten und Hoffaktoren in ganz Europa sowie Franz Stephan, konnte Maria Theresias Plan gestoppt werden und die Jüdinnen und Juden kehrten 1748 wieder in ihre Prager Heimat zurück und begannen, die jüdische Altstadt wieder aufzubauen.
Historisches Whitewashing und das Musical
All diese Schattenseiten kommen in dem Musical nicht vor. Nur am Rande erwähnt ihr Sohn, der Reformkaiser Joseph II., während einer Streitszene, dass sie “Gesetze erlasse, die Menschen um ihre Heimat beraubt“. Aber damit war das Thema auch schon gegessen. Maria Theresia wird als die große Heldin und Mutter der Nation dargestellt, gemäß ihres offiziellen Leitspruchs – I kid you not – Milde und Gerechtigkeit. Es werden fast nur ihre guten Seiten gezeigt: Sie, die junge Frau, die trotz der bösen Männer, die sich gegen sie verschwörten, ihr rechtmäßiges Erbe besteigte. Die moderne Powerfrau, die gleichzeitig Mutter von sechzehn Kindern und Herrscherin einer großen Nation ist, während sie nebenbei allerlei Reformen zum Wohle (oder Übel) der Bevölkerung und des Staates durchführte. Das alles mit einigen Deutsch-Rap-Einlagen anstelle des typischen Musical-Gesangs, der natürlich im Ronacher trotzdem nicht fehlen durfte (wobei es hier schon oft an Arien von Disney Prinzessinnen erinnerte). Dieses Musical versucht, der österreichische Hamilton zu sein – und das schafft es auch. Wobei mir das Wiener Herz doch weh tut, wenn bei Maria Theresia, Joseph II. und der ganzen Bagage kein Hauch vom Wienerischen zu hören ist. Stattdessen spricht Maria Theresia mit Berliner Akzent, was wohl weit von jeglicher historischen Realität entfernt ist. Dass in dieser Produktion die dunklen Seiten von Maria Theresia unter den Teppich gekehrt werden, war zu erwarten. Doch verpassten die Schreiber:innen dieses Musicals durch diese Glättung das Potential, Maria Theresia zu einer viel komplexeren, dreidimensionalen und historisch authentischen Figur zu machen; mit nicht nur Licht-, sondern auch Schattenseiten.
Jonathan Davidowicz