Rabin, The last day: Filmkunst als politische Mahnung

Rabin, The last day: Filmkunst als politische Mahnung

Zwanzig Jahre nach der Ermordung des israelischen Premierministers Jitzchak Rabin rekonstruierte Amos Gitai mit nachgestellten Szenen und Archivmaterial eindrucksvoll Israel rund um das Attentat vom 4. November 1995. Auch zehn Jahre nach seiner Veröffentlichung wirkt „Rabin, the Last Day“ noch immer allgegenwärtig.

Der in Haifa geborene Amos Gitai bringt seit mehr als 40 Jahren Filme, Kunstinstallationen und Theaterstücke hervor, welche die israelische Gesellschaft kritisch beleuchten. Mit einem Vater, der zu den bekanntesten israelischen Architekten zählte, und einer Mutter, die Schriftstellerin war und ihm seine erste Kamera schenkte, wuchs Amos Gitai in einem akademisch-intellektuellen Umfeld auf. Seinen ersten Film drehte er 1980 für das israelische Fernsehen – ein Dokumentarfilm mit dem Titel Bayit. Der Film erzählt die Geschichte eines Hauses in Westjerusalem, das 1948 von seinem palästinensischen Besitzer verlassen wird. Gitai verfolgt die unterschiedlichen Bewohner:innen über die Jahre hinweg und macht das Haus zu einem Symbol der soziologischen Ebene des Nahostkonflikts. Der Film wird letztlich nie ausgestrahlt und markiert damit den Beginn eines konfliktreichen Verhältnisses zwischen Gitai und den staatlichen Institutionen seines Landes. Gitais Film Bayit bildet den ersten Teil einer Trilogie über dasselbe Haus in Westjerusalem, die später mit A House in Jerusalem (1998) und News from Home / News from House (2005) fortgesetzt wurde. Trilogien wurden zu einem zentralen Stilmittel seines Schaffens, die es ihm ermöglichten, komplexe politische und gesellschaftliche Realitäten Israels vielschichtig zu beleuchten. Eine weitere wichtige Trilogie umfasst Field Diary (1982), Giving Peace a Chance (1994) und The Arena of Murder (1996). Besonders der Film Field Diary, der militärische Operationen in den besetzten Gebieten der West Bank dokumentiert, zog große Kontroversen nach sich und wurde nie in Israel ausgestrahlt. Diese Umstände führten dazu, dass Gitai ab 1983 in Paris bleibt. Erst nach der Wahl Jitzchak Rabins zum Premierminister zog er zurück nach Israel. Bei der Fernsehsendung Give Peace a Chance lernte Gitai schließlich Rabin persönlich kennen, und reiste fortan mit ihm nach Washington und Kairo, interviewte ihn häufig auf diesen Fahrten und dokumentierte die vorsichtige Annäherung zwischen Israelis und Palästinensern. Schließlich hielt er auch den historischen Moment fest, als Rabin und Arafat sich erstmals öffentlich die Hand reichten.

Generalstabschef und Friedensnobelpreisträger

Jitzchak Rabin setzte sich nach seiner Wiederwahl 1992 entschlossen für den Frieden mit den Palästinenser:innen und den arabischen Nachbarsstaaten ein. Dabei unterzeichnete er auch die beiden Osloer Abkommen, die den Grundbaustein für einen palästinensischen Staat legen sollten. Für sein Bemühen im Friedensprozess erhielt Jitzchak Rabin gemeinsam mit Jassir Arafat und Schimon Peres 1994 den Friedensnobelpreis. Davor hatte er eine jahrzehntelange, beachtliche Militärkarriere absolviert, die auch eine Amtszeit als Generalstabschef der israelischen Armee während des Sechstagekriegs umfasste.

Schließlich wandte er sich der Politik zu, zunächst als israelischer Botschafter in den USA, dann in seiner ersten Amtszeit als israelischer Premierminister in den 70er Jahren. Mit dem Voranschreiten des Friedensabkommens nahmen die innenpolitische Spaltung der israelischen Gesellschaft, sowie die Unzufriedenheit mit Rabin zu. Die Radikalisierung der politischen Rechten in Israel erreichte immer neue Höhenpunkte, wie als auf Demonstrationen, die sich gegen die Osloer Abkommen richteten, Plakate von Rabin in Nazi-Uniform oder mit einer Kuffiyah hochgehalten wurden.

Rabin, the Last Day

In Amos Gitais Film wird die aufgeheizte Stimmung mit Originalaufnahmen dieser Gegendemonstrationen eindrücklich vermittelt: Rabin wird als Verräter gebrandmarkt, nicht selten wird ihm der Tod gewünscht. Zu seinen lautstarken Gegnern zählte auch Benjamin Netanyahu, der nach dem Attentat auf Rabin zu dessen Nachfolger gewählt wurde. Amos Gitai zitierte in seinem Film Wort für Wort die Protokolle der „Shamgar Komission“ von 1996, die beauftragt wurde, um die Ermordung Rabins zu untersuchen. Dabei wurden Versäumnisse bei den israelischen Geheimdiensten, der Polizei sowie bei Rabins Leibwächtern festgestellt. Während eines Großteils des Films stellt dieser die Zuschauer:innen in die Perspektive eines Beobachters, der im Anhörungsraum den Zeugenaussagen zuhört.

Gleichzeitig zeigt Gitai auch auf die weiteren, äußeren Umstände, die zu Rabins Ermordung führten: In einer der eindrucksvollsten Szenen konsultiert eine Gruppe rechtsextremer Aktivisten eine Psychologin, um eine angeblich „professionelle“ Einschätzung zu Rabins mentalem Zustand zu erhalten. Diese diagnostiziert Rabin daraufhin als schizophren, psychisch labil und vollkommen ungeeignet, Israel zu führen. Die wahnhafte Suche nach einer wissenschaftlichen Legitimierung des eigenen Fanatismus entlarvt Gitai als ideologische Verblendung und kollektive Projektion. Die Szene zeigt exemplarisch, wie verzerrte Realität, religiöser Eifer und pseudowissenschaftliche Argumentation ineinandergreifen – und macht sichtbar, wie gefährlich und wirkmächtig solche Konstruktionen in einem politisch aufgeheizten Klima werden können. Gerade diese scharfe Stimmung kulminierte letztlich in der Ermordung Rabins: Am Abend des 4. November 1995, während einer Großkundgebung unter dem Motto “Ja zum Frieden, Nein zur Gewalt” in Tel Aviv, wird er von Jigal Amir, einem rechtsextremen Kahanisten, erschossen. Damit erfahren auch die Friedensprozesse einen erheblichen Rückschlag und scheitern schließlich.

Kein Frieden in Sicht

Zur Premiere von Rabin, the Last Day in Frankreich sagte Amos Gitai 2015 gegenüber der Zeitschrift Le Monde: „Mein geliebtes Heimatland, das ich so sehr liebe, befindet sich in keinem guten Zustand. Es fehlt ihm vor allem an einer politischen Persönlichkeit, die den Mut hätte – ja, sogar den Optimismus –, trotz all dessen, was im Nahen Osten geschieht, weiterzugehen, die Hand auszustrecken und in dieser scheinbar unmöglichen Welt einen Dialog zu schaffen. Das Fehlen einer solchen visionären Figur ist tragisch. […] Ich habe diesen Film gemacht, um die israelische Gesellschaft zu hinterfragen.“

Diese bittere, doch präzise Einschätzung hallt bis heute nach: Zehn Jahre nach Rabin, the Last Day und dreißig Jahre nach dem Attentat, fehlt es noch immer an einer politischen Vision für das Gebiet – und an einer Persönlichkeit, die den Mut hätte, eine solche entschlossen zu verfolgen. Ein langfristiger Frieden scheint heute ferner denn je.

Vera liakhovski

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