„Nach dem Krieg ist vor dem Krieg“
Die Zerrissenheit ukrainisch-jüdischer Gefühle in der Diaspora
Nach dem Krieg ist vor dem Krieg. Ich bin nur deshalb in Deutschland geboren, weil meine Eltern 1992 vor der antisemitischen Hochstimmung und wegen der Pogromangst aus der Ukraine flohen. Sie kamen mütterlicherseits aus Kyjiw, väterlicherseits aus Odessa. In Deutschland bekamen sie dann in der Spalte, wo in der Sowjetunion „Nationalität“ stand, den Begriff „Ukraine“, vorher hieß es „Jude“, deshalb waren sie antisemitischer struktureller Diskriminierung innerhalb des sowjetischen Systems ausgesetzt. Heute besitzen wir deutsche Pässe – dennoch sind wir nicht mehr deutsch als zugleich jüdisch und ukrainisch.
Konflikt, Genozid, oder doch Krieg?
Seit Beginn der vollumfänglichen russischen Invasion am 24.02.2022 rutschten viele diasporische jüdische Ukrainer:innen, so auch ich, in eine tiefe Krise. Drei Jahre später scheint ein Krieg „vorbei“, während ein anderer weiter eskaliert. Der Gazakrieg wird oft emotional als „Genozid unserer Zeit“ diskutiert, während der russische Angriffskrieg von manchen noch immer zum „Ukrainekonflikt“ verharmlost wird. Doch auch Putin wird, wie Netanjahu, von einem internationalen Haftbefehl des IStGH gesucht, und der russische Angriffskrieg wird, wie der Gazakrieg, auf Genozid geprüft. Während Ukrainer:innen seit Jahren um die Anerkennung ihres Leidens kämpfen, wurde Israel vielerorts schon vor Beginn der Bodenoffensive pauschal eines Genozids bezichtigt.
Antisemitische Kontinuitäten
Die unterschiedliche mediale Rezeption beider Kriege macht ukrainisches Leid unsichtbar, gleichzeitig beweist die Nahostrezeption, dass viele dazu in der Lage sind, gegen einen, als ungerecht empfundenen, Krieg einzustehen. Nur eben selektiv, denn die Nahostdebatte schlägt häufig in offenen Antisemitismus um. Viele Orte sind für mich nicht mehr zugänglich, weil ich unter dem Label Zionistin als Individuum dafür verantwortlich gemacht werde, dass Menschen sterben. Der Gazakrieg wird als moralischer Test verstanden: Man muss „auf einer Seite“ stehen. Für Jüdinnen und Juden ist das existenziell, weil Antisemitismus aus Geschichtsbüchern plötzlich Gegenwart wird.
Die Dynamik in der Ukraine ist anders. Der Krieg begann nicht 2022, sondern 2014 – und davor existierte eine mehr als hundertjährige Geschichte an Krieg, Besatzung, Kooperation und Unterdrückung. Russland hat die Ukraine stets als „kleinen Bruder“ abgewertet und ukrainische Identität bekämpft. Putins Projekt des Russkij Mir – eines russischen Reichs anstelle des Staats – zielt darauf ab, die Ukraine als eigenständige Nation auszulöschen. Damit verschwände nicht nur eine Nation, sondern auch die Herkunft vieler Jüdinnen und Juden.
Welcher Krieg betrifft mich mehr?
Viele ukrainisch-jüdische Menschen in Deutschland fragten sich, welcher Krieg sie „mehr“ betrifft und ob man sich in solchen Identitätskonflikten zerteilen kann. Weltweit spielte auf den Straßen jedoch nur der Gazakrieg eine Rolle – der antisemitische Backlash nahm den ganzen Alltag ein. Somit mussten wir im Kampf gegen Antisemitismus Falschinformationen richtigstellen, um gegen Hass zu kämpfen und zugleich versuchen, Aufmerksamkeit für die Ukraine aufrechtzuerhalten – Spenden sammeln, Zivilist:innen und Militär unterstützen. Doch Menschen können nicht so viel auf einmal aufnehmen, also musste ich mich häufig für ein Thema entscheiden und meine gelebte Gleichzeitigkeit dafür aufgeben.
Linkes Schweigen zur Ukraine
Während sich Antifaschist:innen (dem eigenen Anspruch nach) immer für die Unterdrückten einsetzen, sah es spezifisch bei der Ukraine anders aus. Das hat etwas mit dem linken Erbe zu tun: Für viele galt die Sowjetunion trotz ihres totalitären Charakters als antiimperialistisches Vorbild. Antizionismus war ein zentraler Bestandteil sowjetischer Propaganda und bildet heute die Grundlage für linken Antisemitismus, während rechter Antisemitismus historisch anders codiert ist. Antisemitismus funktioniert global, denn es leb(t)en fast überall auf der Welt jüdische Gemeinschaften, gleichzeitig braucht Judenfeindschaft keine Juden („Antisemitismus ohne Juden“). Demgegenüber fehlen oft Kenntnisse über die Ukraine, denn viele haben mit ihr keine Berührungspunkte. Das erklärt, warum der russische Angriffskrieg nicht auf dieselbe Weise Massen mobilisiert wie der Gazakrieg.
Das einfache Freund/Feind-Schema hielt schon immer Lösungen für komplizierte Probleme parat. Im russischen Angriffskrieg gibt es für Zuschauende nichts zu gewinnen, keine Befreiung, nicht ohne Grund wird auf Demos gebrüllt „There is only one solution – Intifada Revolution“ und „Nobody is free until Palestine is free“. Kompliziertheit ist vermutlich auch der Grund für das laute Schweigen der globalen Linken zum Thema Ukraine. Viele linke Gruppen verharren in sowjetisch-verklärten Vorstellungen Russlands und können es deshalb nicht als Aggressor akzeptieren.
Gleichzeitig zwingt der russische Krieg auch uns, die Grenzen von Pazifismus zu erkennen: Eine Befreiung der von Russland besetzten Gebiete in der Ukraine ist ohne Waffen unmöglich. Russland hat jeden Friedensvertrag gebrochen, den es seit der Auflösung der UdSSR gab, und die Befreiung von Orten wie Bucha, Irpin oder Cherson zeigte, dass schnelles Handeln Leben rettet. „Frieden schaffen ohne Waffen“ funktioniert hier nicht – so wenig, wie es gegen NS-Deutschland funktioniert hätte.
Antisemitische Stereotype in der Ukraine
Russlands Propaganda nutzt geschichtsrevisionistische Narrative: etwa die Behauptung, Ukrainer:innen würden „Brunnen vergiften“ oder es gäbe einen „genozidalen“ Angriff auf russischsprachige Menschen im Donbas – klassische Projektionen, um sich selbst erneut als „Antifaschisten“ zu inszenieren und Ukrainer:innen zu entmenschlichen. Filtrationslager, in denen Ukrainer:innen „russifiziert“ werden, Deportationen, Sprachverbote, sexualisierte Gewalt und Kindesentführungen knüpfen an Muster kolonialer und imperialer Gewalt an. Für Russlands Propaganda ist das eine „Entnazifizierung“, also historische Kontinuität ihres „Vaterländischen Kriegs“ von 1945.
Russische Propaganda statt ukrainische Realität
Doch weil der Krieg medial oft nur dann sichtbar ist, wenn es russische Territorialgewinne gibt, gerät er aus dem Fokus. Gewinne gibt es kaum, höchstens ein paar Meter. Die täglichen Drohnenangriffe und Raketenbeschüsse, die Zivilist:innen töten, gehen im globalen Lärm unter – besonders, seit der Gazakrieg die Aufmerksamkeit absorbiert. Gleichzeitig verbreiten rechte wie linke Medien russische Propaganda, die staatlichen Medien misstrauen, aber ungefiltert Kreml-Narrative übernehmen. Der Gazakrieg verstärkte das: „Pro-palästinensische“ Accounts wie Red Media konnten über politische Inhalte schnell Reichweiten aufbauen, bevor sie von der EU gesperrt wurden. Diese Sanktion unterliegt dem EU-weiten Verbot des russischen Staatsmediums RT, denn darüber wurden nachweislich gezielt Informationen manipuliert. Doch der Schaden ist längst entstanden. Dadurch verlieren wir immer mehr potenzielle Verbündete, die ungefiltert sehen könnten, was Russland in der Ukraine anrichtet, und die Ideologisierung schreitet voran.
Durch den globalen Fokus auf Nahost hatte Russland ein leichteres Spiel: Denn wer wegguckt, hat die Ukraine vergessen. Deshalb lasst uns jetzt umso genauer hinsehen.
Evelyn Deller