Der geneigte Antisemit
Es gibt Debatten, die ziehen sich über Jahre. Und dann gibt es das Karl-Lueger-Denkmal. Wer heute Anfang zwanzig ist und sich mit jüdischer Politik in Wien beschäftigt, kennt diese Diskussion praktisch seit dem politischen Erwachen.
Schon in der Ausgabe NOODNIK #1 schmückte die Statue von Karl Lueger das Cover, nur ist sie auf diesem tatsächlich im Fallen begriffen. Davor gab es Proteste, Interventionen, Kunstaktionen, wissenschaftliche Gutachten, offene Briefe, Podiumsdiskussionen und die berühmt-berüchtigte Schandwache. Die Debatte dauert nun beinahe länger als die historische Epoche, um die sie sich dreht. Und dennoch steht das Denkmal noch immer dort. Nur eben um sinnlose 3,5 Grad geneigt.
Die Frage war nie, ob Karl Lueger ein bedeutender Wiener Bürgermeister war. Die Frage war auch nie, ob man Geschichte auslöschen darf. Die eigentliche Frage lautet seit Jahren: Warum steht das Denkmal eines Mannes, dessen Antisemitismus von Historiker:innen so umfassend dokumentiert ist, weiterhin an einem der prominentesten Plätze mitten in der Stadt? Warum wird er weiterhin so monumental geehrt, mit einem elf Meter hohen Denkmal? Lueger war nicht irgendein Antisemit seiner Zeit. Er gilt als einer der wichtigsten Wegbereiter des modernen, politischen Antisemitismus in Österreich. Adolf Hitler selbst bewunderte ihn ausdrücklich und bezeichnete ihn als Vorbild. Das ist keine nachträgliche Interpretation, sondern historische Realität. Dass eine europäische Hauptstadt im Jahr 2026 noch immer ein derartiges Schandmal an prominenter Stelle stehen hat und nicht abreißt, ist nicht nur für die jüdische Gemeinde unbegreiflich.
Die Kunst der Nicht-Entscheidung
Nach Jahren der Diskussion beschloss die Stadt, das Denkmal nicht zu entfernen, sondern zu „kontextualisieren“. Kontextualisierung klingt zunächst vernünftig. Niemand verlangt, Geschichte verschwinden zu lassen. Museen leben von Kontextualisierung. Wissenschaft lebt von Kontextualisierung. Erinnerungskultur lebt von Kontextualisierung. Aber Kontextualisierung hat eine Voraussetzung: Man muss benennen, worum es geht. Wenn ein Denkmal untragbar ist, weil die damit geehrte Person ein Antisemit war, dann müsste Antisemitismus im Zentrum der Kontextualisierung stehen. Genau das geschieht jedoch nicht. Denn das Projekt trägt den Titel „Schieflage (Karl Lueger 3,5°)“ und wie, mit dem Titel selbst, ist damit nichts gesagt. Laut Jury soll durch die leichte Neigung Irritation erzeugt und eine öffentliche Debatte angeregt werden. Die Frage lautet allerdings: Welche Irritation, welche Debatte? Wer zufällig am Stubentor vorbeigeht und die Schieflage bemerkt, erfährt zunächst einmal gar nichts. Weder über Luegers ausgeprägte Neigung zum Antisemitismus noch über seine politische Rolle als Vordenker Adolf Hitlers noch über die allgemeine Geschichte des Antisemitismus in Wien. Eine relational kleine Kontextualisierungstafel stand schon längst neben dem Bronzekoloss, die Intervention am Denkmal selbst ist so abstrakt, dass sie letztlich alles bedeuten kann – oder eben Nichts.
Die große Unsichtbarkeit
Noch bemerkenswerter als die Schieflage selbst, war die Regie ihrer Herstellung. KÖR – Kunst im öffentlichen Raum Wien – beschreibt das Projekt als Kontextualisierung, als Beitrag zum Nachdenken über Geschichte, Antisemitismus und Verantwortung. Genau daran muss man die Umsetzung messen und gemessen daran war sie erstaunlich konsequent im Vermeiden von Debatten.
Informationen kamen spärlich und oft erst dann, wenn Entscheidungen bereits getroffen waren. Beim Abbau der Statue entstand nicht der Eindruck, als werde hier ein zentraler erinnerungspolitischer Konflikt der Stadt öffentlich debattiert, sondern als handle es sich um eine heikle, logistische Übung, bei der die öffentliche Teilnahme unerwünscht ist. Freie Journalist:innen wurden mit Schirmen am Fotografieren gehindert; Beobachter:innen wie wir selbst von KÖR-Personal fotografiert, ohne Erklärung, wofür diese Aufnahmen verwendet werden sollten.
Die Wiederaufstellung erfolgte schließlich um vier Uhr morgens, also zu einer Uhrzeit, die für eine öffentliche Debatte ungefähr so geeignet ist wie eine Villa in Ibiza. Gerade dadurch wurde die Intervention unfreiwillig ehrlich. Wer einen „Platz des Dialogs“ beschwört, aber den entscheidenden Moment dem Blick der Öffentlichkeit verweigert, schafft keinen Dialog, sondern eine kontrollierte PR-Aktion. Nicht nur das Denkmal steht nun schief – der Prozess dahinter leider auch.
Die Stimmen der Betroffenen & die
Österreichische Volkspartei
Besonders auffällig ist, wie konsequent die Position jener ignoriert wurde, die von Antisemitismus tatsächlich betroffen sind. Die JöH, wie auch die Israelitische Kultusgemeinde, spricht sich seit Jahren gegen das Denkmal aus. Es wurde mehrfach erklärt, dass ein Denkmal für einen Antisemiten keinen prominenten Platz im Stadtbild haben sollte. Auch zahlreiche jüdische Organisationen, Shoah-Überlebende und Intellektuelle forderten entweder die Entfernung des Denkmals oder eine wesentlich deutlichere Form der Kontextualisierung. Doch gerade diese Stimmen spielten im Prozess offenbar eine erstaunlich geringe Rolle. Es entstand der Eindruck, dass über Antisemitismus gesprochen wurde, aber nicht mit den Menschen, die Antisemitismus erleben.
Vielleicht liegt das Problem gar nicht in den 3,5 Grad. Vielleicht liegt es darin, dass Wien noch immer nicht bereit ist, die tatsächliche Frage ehrlich zu beantworten: Warum fällt es dieser Stadt so schwer, sich von Karl Lueger zu verabschieden?
Der Lueger-Ring wurde schließlich umbenannt. Heute heißt er Universitätsring. Die Welt ist nicht untergegangen. Die Straßenbahn fährt dort noch immer. Orientierung und Postwesen funktionieren weiterhin erstaunlich gut. Offenbar ist Veränderung möglich. Und dennoch bleibt das Denkmal.
Das Problem ist in Wirklichkeit ein politisches: Lueger ist nicht bloß irgendein alter Bürgermeister, der wegen seiner wüsten antisemitischen Rhetorik als Ikone für Hitler galt – er ist als ein “Gründervater” auch eine Ikone des christlich-sozialen Wiens, heißt: der ÖVP. Darin liegt die Ursache, dass man jenen Politiker, der gerne “Juden köpfen” wollte, lieber „ambivalent“ nennt, anstatt ihn als den scheußlichen Antisemiten zu benennen, der er nun mal war.
Somit ist es kein nebensächliches Detail, dass Markus Figl, ÖVP-Bezirksvorsteher der Inneren Stadt und inzwischen auch Wiener ÖVP-Chef, in dieser Debatte immer wieder gegen eine Abtragung und für einen „respektvollen Umgang“ mit dem Denkmal auftrat. Das ist keine Denkmalpflege, das ist Erinnerungspolitik von rechts und vielleicht erklärt genau diese politische Traditionstreue, diese peinliche Sorge vor der “Nestbeschmutzung”, warum Wien 776.000 Euro für die Restaurierung und Künstler-Dekoration eines Antisemiten aufbringt, während die eigentliche Frage seit Jahrzehnten unbeantwortet bleibt: Warum steht dieses Denkmal noch immer dort?
Alles auf Anfang
Nun ist die Statue zurückgekehrt. Geneigt. Restauriert. Angeblich „kontextualisiert“. Vermutlich – oder besser: hoffentlich – wird sie erneut beschmiert werden. Die Debatte wird weitergehen. Nicht weil die Menschen besonders streitsüchtig wären, sondern weil die grundlegende Frage unbeantwortet bleibt. Eine Kontextualisierung sollte erklären und aufklären, nicht nur “irritieren”. Vor allem aber sollte sie den Mut haben, das Problem beim Namen zu nennen. Beim Lueger-Denkmal heißt dieses Problem Antisemitismus. Und genau darüber wird bis heute erstaunlich wenig gesprochen. Vielleicht ist das die eigentliche Schieflage.
Lia Guttmann
Für den vorstand der jöh