Die fünf Prinzipien des jüdischen Extremismus
Die Jewish Defense League und welche verdorbenen Früchte sie bis heute trägt
In den 1960er Jahren waren die USA geprägt von innergesellschaftlichen Spannungen, politischer Gewalt und der Angst vor kommunistischem Einfluss. Als Antwort auf Antisemitismus und eine angebliche Bedrohung amerikanischer Jüdinnen und Juden gründete Rabbi Meir Kahane 1968 die Jewish Defense League (JDL), eine Organisation, die jüdisches Leben um jeden Preis verteidigen sollte.
Die JDL verstand sich zunächst als jüdische Bürgerwehr und orientierte sich teilweise an militanten Gruppen wie den Black Panthers, war ideologisch aber ultranationalistisch, rassistisch und aggressiv antikommunistisch geprägt. Aus bewaffneten Patrouillen und Straßenaktivismus wurden schnell Gewaltaktionen, Bombenanschläge und Terrorismus.
Die Ideologie der JDL lebt heute vor allem im Kahanismus weiter, der zentralen Strömung des israelischen Rechtsextremismus.
Die ideologische Grundlage der JDL bildeten dabei fünf zentrale Prinzipien, die Meir Kahane als politische und moralische Leitlinien der Organisation verstand – sozusagen die fünf Prinzipien des jüdischen Extremismus.
Ahavat Yisrael – “Liebe zum jüdischen Volk”
Das erste Prinzip der JDL klingt zunächst fast harmlos. Ahavat Yisrael beschreibt die Vorstellung einer unteilbaren jüdischen Gemeinschaft, in der das Leid aller Jüdinnen und Juden als eigenes empfunden wird. Zumindest theoretisch war das die moralische Grundlage der Organisation: jüdischer Zusammenhalt, Selbstschutz und Solidarität in einer feindlichen Umwelt.
In der Realität bedeutete das bei der JDL allerdings sehr schnell vor allem Abgrenzung, Paranoia und bewaffnete Straßengangs, versehen mit religiöser Legitimation. Während der Lehrer:innenstreiks in New York Ende der 1960er Jahre eskalierten die Spannungen zwischen überwiegend jüdischen Lehrer:innengewerkschaften und Schwarzen Bewohner:innen, die mehr Repräsentation an Schulen in ihren Vierteln forderten. Kahane nutzte diese Situation gezielt aus: In Kolumnen und Interviews verbreitete er rassistische Narrative über angebliche Gewalt von Schwarzen und Puerto-Ricanern gegen jüdische Bewohner:innen Manhattans und inszenierte die JDL als letzte Verteidigungslinie gegen den völligen gesellschaftlichen Zusammenbruch Amerikas.
Die Antwort der JDL auf diese konstruierte Bedrohung: bewaffnete „Patrouillen“ ziehen durch jüdische Viertel. Offiziell ging es um Schutz, tatsächlich verschärfte die Organisation die ohnehin bereits aufgeheizte Stimmung massiv und trug zur ethnischen Polarisierung in New York bei. Die Idee einer solidarischen jüdischen Gemeinschaft verwandelte sich innerhalb kürzester Zeit in eine aggressive Form ethnischer Bandenmentalität.
Eisern und Stolz? – Hadar
Hadar meint das bewusste Einfordern von Stolz, der Identifikation mit jüdischer Tradition und Kultur sowie der Kenntnis der eigenen Geschichte. Sich in der Opferrolle wiederzufinden war für Kahane vor allem auch ein Männlichkeitsproblem, das er mit Härte und amerikanischem Waffenfetisch zu zerschlagen versuchte. Statt auf Diplomatie setzte die Bewegung auf Einschüchterung und paramilitärische Selbstdarstellung. Dass Frauen dabei kaum eine Rolle spielten, überrascht wenig. Berichte über Frauen in tatsächlichen Führungspositionen innerhalb der JDL findet man keine. Eine Organisation, die vorgab, jüdische Würde verteidigen zu wollen, definierte diese Würde fast ausschließlich über Dominanz, Gewaltbereitschaft und fragilen männlichen Stolz.
“Barzel” heißt Eisen. Für Mitglieder der JDL war Gewalt keine Maßnahme zum Schutz der eigenen Leute, sondern schlichtweg eine Charaktereigenschaft. Während in der Sowjetunion Jüdinnen und Juden für ihre Aliyot – die Auswanderung nach Israel – kämpften, welche von der Regierung aktiv verhindert wurden, fand die JDL die vermeintliche Lösung dieses Problems in einer New Yorker Synagoge: 1970 besetzten JDL-Mitglieder die East Park Synagogue, die sich gegenüber der sowjetischen UN-Mission befand. Das Resultat dieser Aktion war ein großes Medienspektakel.
Auch der Auftritt eines sowjetischen Orchesters in der Carnegie Hall wurde mit einer Rauchbombe sabotiert, sowie auch weitere sowjetische Kulturveranstaltungen. In Washington wurden unter dem Slogan „Never Again!“ sowjetische Diplomaten mit Blut beschüttet. Obwohl der Antisemitismus in der Sowjetunion unbestreitbar war, wurde durch die Verwendung dieses Slogans durch die JDL die Shoah instrumentalisiert und zugleich relativiert.
Die Sowjetunion stellte hierbei nicht nur ein antisemitisches System dar, sondern auch das moralische Feindbild der JDL: Kommunismus. Dafür spielte nicht nur eine Rolle, dass Jüdinnen und Juden in der Sowjetunion diskriminiert wurden, sondern auch, dass die JDL-Mitglieder radikal antikommunistische Amerikaner mit Waffen-Kink waren.
Gewalt war für Kahane kein Ausrutscher, sondern Teil seiner politischen Identität. Lobbyarbeit und Diplomatie galten ihm als Zeichen von Schwäche, deutlich attraktiver war die Vorstellung, einfach zuzuschlagen.
Die Organisation griff wiederholt auch rechtsradikale Gruppen und bekannte Nazis körperlich an, unter anderem den amerikanischen Neonazi Harold Covington, der von JDL-Mitgliedern mit Stahlrohren attackiert wurde. So absurd und gewalttätig die JDL in vielerlei Hinsicht war, gehört überzeugte Neonazis zu verprügeln, wohl eher zu ihren weniger kritikwürdigen Aktivitäten.
„Mitzvat Barzel“ und „Emunah“ – Unzerstörbare Männerbünde?
“Mitzvat Barzel” bedeutet eiserne Disziplin. Der Männerbund rund um Kahane radikalisierte sich weiterhin im Stahlbad der JDL. Kahane inszenierte sich als charismatischer Agitator und verstand es, Medien gezielt für Provokationen und Aufmerksamkeit zu nutzen. Dabei zeichnete er ein fanatisches Freund-Feind-Bild: Wer die Methoden der JDL kritisierte oder nicht bereit war, weit genug zu gehen, galt schnell als schwach oder sogar als Verräter.
Spätestens in den 1980er Jahren verschwamm die Grenze zwischen militantem Aktivismus und organisiertem Terrorismus endgültig. 1985 wurde der palästinensisch-amerikanische Aktivist Alex Odeh bei einem Bombenanschlag in Kalifornien ermordet, nachdem er sich öffentlich kritisch zur JDL geäußert hatte. Bis heute ist der Fall offiziell ungeklärt, als Hauptverdächtiger gilt allerdings JDL-Mitglied Robert Manning, der später nach Israel floh. Im Jahr 1993 wurde Manning von Israel an die USA ausgeliefert, nicht weil er ein Terrorist war, sondern wegen eines Immobilienstreits. Auch hier blieb er seinen gewohnten Mitteln treu und tötete versehentlich die Sekretärin einer Computerfirma per Briefbombe, welche eigentlich für ihren Chef gedacht war. 2024 wurde Manning auf Bewährung entlassen und ist seitdem wieder frei.
Während die JDL in den USA immer tiefer in Gewalt, Gerichtsverfahren und paranoiden Feindbildern versank, zog Kahane 1971 nach Israel und exportierte seine Ideologie direkt in die wachsende Siedlerbewegung. Was diese Ideologie, der Kahanismus, anstrebt , ist eine Theokratie in “Großisrael”, also die Vertreibung aller Nichtjuden aus Israel und den besetzten Gebieten sowie ein Ciao Ciao der dort bestehenden Demokratie. 1988 wurde Kahanes Partei Kach in Israel verboten. Er reiste jedoch weiterhin nach New York, um dort vor seinen Anhängern zu predigen. Im Jahr 1990 wurde er selbst bei einem Attentat in Manhattan ermordet.
Emunah, das fünfte Prinzip des JDL-Extremismus, meint den Glauben an die Unzerstörbarkeit des jüdischen Volkes. Wer daran glaubt, hat wohl recht, nur hat die JDL eher weniger zur “Unzerstörbarkeit” als zur Spaltung des jüdischen Volkes beigetragen.
Von der Straßenbande zur ultra-nationalistischen Siedlerbewegung
Mit Kahanes Umzug nach Israel verschwand die Ideologie der JDL nicht, sie bekam lediglich ein neues politisches Umfeld. Aus der amerikanischen Straßenorganisation entwickelte sich schrittweise der Kahanismus, also jene radikal nationalistische Ideologie, die heute dem politischen Mainstream Israels deutlich näher steht als vor einigen Jahrzehnten. Besonders sichtbar wurde diese Entwicklung 1994, als der frühere JDL-Aktivist Baruch Goldstein in Hebron 29 palästinensische Muslim:innen in einer Moschee ermordete. Innerhalb kahanistischer Kreise und in so manchen Knesset-Büros wird der Terrorist Goldstein bis heute als Märtyrer verehrt.
Während die JDL in den USA ab den 2000er Jahren zunehmend zerfiel – Führungsfiguren wie Irv Rubin wurden wegen geplanter Anschläge verhaftet, Rubin beging später im Gefängnis Suizid – lebt ihre Ideologie in Israel politisch weiter. Besonders deutlich zeigt sich das heute an Politikern wie Itamar Ben-Gvir, der selbst aus dem kahanistischen Milieu stammt und in seiner Jugend mit der verbotenen Kach-Bewegung sympathisierte.
Dass Figuren wie Ben-Gvir heute Ministerposten besetzen und Teil der Regierungskoalition von Benjamin Netanyahu sind, zeigt, wie weit Ideologien, die früher als extremistischer Rand galten, inzwischen in die israelische Politik vorgedrungen sind. Die JDL existiert heute zwar kaum noch als relevante Organisation, ihre politische DNA lebt allerdings weiter: im Kahanismus, in rechtsextremen Netzwerken und in der Vorstellung, Sicherheit und nationale Identität vor allem durch Härte, Militarismus und ethnische Abgrenzung herstellen zu können.
Jennifer Leviev