Protective Presence in der Westbank
Interview über den israelischen Aktivismus gegen Siedlergewalt mit dem renommierten Filmemacher und Aktivisten Shai Carmeli-Pollak
NOODNIK: Vielen Dank, dass du dich zu diesem Interview bereit erklärt hast. Ich beginne mal ganz einfach. Kannst du denen, die noch nie davon gehört haben, erklären, was Protective Presence ist?
Shai Carmeli-Pollak: Aufgrund der Situation im Westjordanland, dem diskriminierenden System des Staates und der Armee, das auf ethnischer Zugehörigkeit beruht – etwas, das man daher als Apartheid bezeichnen kann – hat sich das über die Jahre organisch entwickelt. Wenn man Palästinenser:in ist und sich bei der Polizei beschwert, wenn man versucht, etwas zu melden, was einem widerfahren ist, etwa, dass jüdische Siedler einen angreifen, wird man immer als Verdächtigte:r betrachtet, und die Polizei wird sich niemals mit den Beschwerden befassen oder einen schützen. Wenn jedoch Israelis anwesend sind, neigen sie dazu, die Sache anders zu behandeln und die Situation etwas ernster zu nehmen.
NOODNIK: Wann begann die Arbeit von Protective Presence – gab es ein bestimmtes Ereignis, das dazu geführt hat?
Shai Carmeli-Pollak: Es gab schon immer eine gewisse Aktivität. Es ist fast genauso wie vor zwanzig Jahren, als ich zu Demonstrationen von Palästinenser:innen im Westjordanland ging, die mit der Armee konfrontiert waren. Einer der Hauptgründe, dorthin zu gehen, war, unsere Privilegien als Israelis zu nutzen, da wir wussten, dass die Armee ihre Richtlinien gegenüber der Demonstration offiziell ändern würde. Wenn Israelis anwesend sind, gibt es weniger Gewalt. Das wussten wir. Es ist also dieselbe Grundidee. In den letzten Jahren hat sich der Aktivismus jedoch mehr gegen die Gewalt der Siedler gerichtet. Die Leute geben ihnen einen lustigen Namen: die Hilltop Youth. Aber daran ist nichts lustig. Sie sind Terroristen. Sie sind quasi der inoffizielle Arm des Staates, um die Gegend ethnisch zu säubern. Sie ziehen an Outposts, von wo sie die benachbarten Palästinenser:innen einfach angreifen und vertreiben. In den letzten Tagen gab es einige wirklich schockierende Fälle. Sie griffen Vieh und die Palästinenser:innen selbst an. Im letzten Jahr haben sie auch einige Menschen ermordet.
Die Idee der Protective Presence ist es also, vor Ort zu sein, damit die Wahrscheinlichkeit steigt, dass die Polizei tatsächlich kommt und etwas unternimmt, wenn man sie ruft. Langsam bekommt man jedoch das Gefühl, dass es der Polizei egal ist, ob man Israeli ist. Es gab Fälle, in denen israelische Aktivist:innen angegriffen und verletzt wurden, und die Polizei hat nichts unternommen, um sie zu schützen, die Täter wurden nicht gefasst und eine strafrechtliche Verfolgung gab es auch nicht. Es ist wie im Wilden Westen. Aber das ist die Idee. Die Idee ist es, präsent zu sein und das Privileg zu nutzen, israelische:r Staatsbürger:in zu sein, und zu versuchen, die Gemeinschaften zu schützen, die unter schrecklichen, gewalttätigen Angriffen stehen.
NOODNIK: Was macht man konkret, wenn man sich an der Protective Presence beteiligt?
Shai Carmeli-Pollak: Das hängt davon ab, wie stark man involviert ist. Ich bin momentan weniger involviert als früher, als ich jünger war. Ich bleibe meistens einfach in einem Haus oder an einem Ort, an dem man mich bittet, zu bleiben. Das kann zum Beispiel über Nacht sein, wenn es ein Ort ist, den Siedler zuvor in der Nacht angriffen haben. Oder es kann bedeuten, Hirten zu begleiten, während sie mit ihren Herden hinausgehen. Was die Siedler nämlich versuchen, ist, deren Weidegebiete drastisch zu verkleinern. Das ist das, was man während der Protective Presence hauptsächlich macht. Was nämlich oft passiert, wenn Palästinenser:innen angegriffen werden, ist kafkaesk. Sie rufen etwa die Polizei oder die Armee um Hilfe. Wenn sie sich überhaupt die Mühe machen, zu kommen, verhaften sie in den meisten Fällen die Person, die sich beschwert hat, und schützen den Angreifer. In diesem Fall ist es also wichtig, vor Ort zu sein und mit der Polizei Hebräisch zu sprechen, um hier zu vermitteln. Es ist jedoch auch ein Teil der Arbeit, Leute von außen hinzugewinnen, die etwa die Polizei anrufen können, um die Geschehnisse zu schildern und die Person freizubekommen. Aber es hilft immer weniger. Doch das gehört zum Job dazu.
NOODNIK: Wie ist das Verhältnis zu den palästinensischen Gemeinschaften, gibt es Sprachbarrieren? Wie sehen sie die Menschen, die für Protective Presence da sind?
Shai Carmeli-Pollak: Ich glaube, es gibt keine einheitliche Antwort auf diese Frage. Ich denke, die Menschen, die auf palästinensischer Seite aktiver sind – die Koordinator:innen, die palästinensischen Aktivist:innen –, haben natürlich eine gewisse Beziehung zu den israelischen Aktivist:innen und manchmal sogar Freundschaften. Dann gibt es die Menschen, die keine Aktivist:innen sind. Die Menschen, bei denen man unterkommt und in deren Häusern man wohnt. Das ist von Haus zu Haus sehr unterschiedlich. Bei manchen spricht man fast gar nicht, andere sind sehr zugänglich und unterhalten sich mit einem. Sie sind vielleicht anfangs etwas misstrauisch, weil sie viel unter den Israelis, vor allem der Armee und den Siedlern zu leiden hatten. Sie sind also immer vorsichtig, wenn sie einem anderen Israeli begegnen, bis sie wissen, dass diese:r sich nicht so verhalten wird. Was die Sprache angeht, kommt es darauf an. Wenn die Leute länger dabei sind, lernen sie meistens die Sprache. Die ältere Generation der Palästinenser:innen, sagen wir ab vierzig, spricht viel Hebräisch, weil sie früher in Israel gearbeitet haben. Aber die jüngere Generation wird daran gehindert, daher können sie es nicht, also sprechen die Leute manchmal untereinander Englisch.
NOODNIK: Was glaubst du, motiviert die Menschen, bei Protective Presence mitzumachen?
Shai Carmeli-Pollak: Ich glaube, es ist das Gefühl, dass dort eine schreckliche Ungerechtigkeit herrscht. Wenn man dorthin geht, sind es in den meisten Fällen die ärmsten Menschen, die angegriffen werden. Unabhängig von der aktuellen Situation lebten sie schon immer in sehr armen Verhältnissen, von einem Tag auf den anderen und auf eine sehr traditionelle Weise. Das ist ganz anders als etwa in Ramallah, einer modernen Stadt. Wenn man das sieht und von einem Ort kommt, an dem man keine Gedanken über fließendes Wasser im Haus verliert, einem alles selbstverständlich erscheint, und man dann solche harten Bedingungen sieht, wo zusätzlich zu all dem grausame Menschen hinkommen, und sie angreifen. Aber was hält einen davon ab, mitzumachen? Die Angst, denn es wird immer gefährlicher. Leute wurden bereits angegriffen und verletzt. Es ist sehr individuell, wie weit man gehen kann und was man sich zutraut. Aber ich denke, dass es im Grunde Menschen sind, die verstehen, was für eine schreckliche Ungerechtigkeit in ihrem Namen begangen wird.
NOODNIK: Nehmen wir an, du begleitest einen Hirten mit seiner Herde und es kommt zu einer Begegnung mit gewalttätigen Siedlern. Was macht man in solchen Situationen?
Shai Carmeli-Pollak: Es gibt dazu einige Regeln. Als Erstes muss man es dokumentieren. Heutzutage gibt es die Möglichkeit der Live-Übertragung, was sehr wichtig ist. Denn sie neigen dazu, einem das Handy aus der Hand zu schlagen oder es wegzureißen. Daher setzt man eine Kombination aus Kameras, Handys und ähnlichem ein. Das ist das Wichtigste, denn wenn die Polizei gerufen wird, ist sie auf der Seite der Siedler, es sei denn, man hat handfeste Beweise. Was passiert, wenn sie dich angreifen? Du darfst dich nicht wehren. Wenn du ihnen auch nur ein Haar krümmst, kann das große Probleme mit sich bringen, denn das ist der Beweis, dass du der Aggressor bist. Das ganze System steht auf ihrer Seite. Man muss also sehr passiv bleiben. Wenn sie versuchen, in ein Haus einzudringen, muss man sich ihnen einfach in den Weg stellen und den Eingang versperren, ohne sich zu wehren. Und wenn sie dich schlagen, ist es sehr gefährlich, zurückzuschlagen. Natürlich verhalten sich die Aktivist:innen unterschiedlich. Manchmal reden die Leute mehr, manchmal sind sie eher still, manche fluchen zurück und sind verbal aktiver, aber physisch muss man immer sehr passiv sein.
NOODNIK: Wie sieht die Siedlergesellschaft die Aktivist:innen, die bei Protective Presence mitmachen? Gibt es Verbündete innerhalb der Siedlergesellschaft?
Shai Carmeli-Pollak: Wenn ich sage, dass es Menschen gibt, die das unterstützen, dann befinden sie sich am Rande dieser Gesellschaft. Ich glaube, die meisten von ihnen unterstützen die „Hilltop Youth“. Sie unterstützen die Annexion des Landes. Sie glauben, dass es ein jüdisches Land sein sollte und dass es am Ende Israel sein sollte. Und selbst wenn ich friedliche Siedler:innen treffe und mit ihnen spreche, sage ich: „Okay, lasst uns eine Einstaatenlösung schaffen. Was wird mit den Palästinenser:innen geschehen? Werdet ihr ihnen das Wahlrecht gewähren?“ Sie sagen: „Nein, vielleicht in fünfzig Jahren. Sie sind noch nicht bereit dafür.“ Die Idee ist also: Wir müssen nett zu ihnen sein. Man muss ihnen ein gutes Leben ermöglichen. Aber sie dürfen nicht wählen, was alles bedeutet, denn so hat man keine Rechte und mit einem kann alles gemacht werden.
Vor kurzem haben sie aber begonnen, diese Gewalttaten zu kritisieren. Das Argument lautet, dass es nicht gut für die Siedlungsbewegung ist. Es hinterlässt sowohl in der breiten Öffentlichkeit als auch im Ausland einen schlechten Eindruck. Das geschah, nachdem es sogar innerhalb des Trump-Regimes Kritik an dieser extremen Gewalt gab. Sie ist so extrem, dass nicht einmal sie es ignorieren konnten. Also haben einige ihrer Führer begonnen, sich dagegen auszusprechen. Der Armeekommandant der Region, der selbst Siedler ist, aus demselben Milieu stammt und selbst schreckliche Dinge tut, hat ebenfalls begonnen, sich gegen das zu äußern, was die Siedler tun. Aber was sie eigentlich tun, ist zu sagen: „Okay, wir haben diese Bestien genug verwendet. Sie haben getan, was sie getan haben, sie haben gute Arbeit geleistet. Aber jetzt wird es zu viel, und ist schlecht für die PR.“
NOODNIK: Hast du je von einer Begegnung mit der Armee gehört oder eine selbst gehabt, die dich in irgendeiner Weise überrascht hat?
Shai Carmeli-Pollak: Es wird immer schlimmer, und die meisten Begegnungen mit der Polizei und der Armee sind wirklich beunruhigend. Ich würde es vorsichtig ausdrücken und sagen, dass die meisten Soldat:innen einer Gehirnwäsche unterzogen wurden. Sie unterstützen die Siedler schon im Vorhinein und glauben stets, was die Siedler ihnen erzählen. Es ist ihnen egal, was du zu sagen hast, selbst wenn du Israeli bist. Okay, ich kann dich später in den Straßen von Tel Aviv treffen, aber jetzt behandle ich dich wie einen Feind. In Fällen, in denen es etwa eine nette Polizistin gibt, die respektvoll spricht, sagt man: „Ah, okay, dieses Mädchen ist nett.“ Aber normalerweise habe ich nicht viele Erinnerungen daran, besonders nicht im Zusammenhang mit Protective Presence. Es bleibt nur das Gefühl, dass es sehr deprimierend ist, zu verstehen, dass die jüngere Generation Israels, die zur Armee geht, und die meisten Menschen, die schließlich im Westjordanland dienen und das Leben der Palästinenser:innen kontrollieren, sich größtenteils mit den Siedlern identifizieren. Sie sind Rassist:innen und es ist sehr schwer, mit ihnen umzugehen. Ein Freund von mir erzählte mir von einer großen Gruppe von Siedlern, die kamen und alle angriffen; die Aktivist:innen rannten weg und mussten sich verstecken, und sie konnten die Armee nicht um Schutz rufen. Niemand war da. Sie mussten sich stundenlang verstecken. Die Siedler vollbrachten an diesem Tag schreckliche Dinge und schlugen die Leute brutal zusammen. In meinem Kopf ist das alles durcheinander, weil es ein schockierendes Ereignis war, und dann kam noch eines und noch eines und noch eines. Auf jeden Tag folgt ein weiteres schreckliches Ereignis, und man hört auf, sich daran zu erinnern. Es wird zur Normalität.
NOODNIK: Wie siehst du die Zukunft von Protective Presence?
Shai Carmeli-Pollak: Es ist mittlerweile eigentlich fraglich, ob es überhaupt funktioniert. Es hat eher symbolischen Charakter, um den Palästinenser:innen zu zeigen, dass sie nicht allein sind. Das ist wichtig. Aber auf praktischer Ebene hilft es nicht wirklich. Das steht fest. Die Siedler tun, was sie wollen. Die Menschen wurden bereits von ihrem Land vertrieben. Das passiert jeden Tag. Sie töten Menschen und kommen ungestraft davon. Mörder laufen frei herum und werden nicht verhaftet. Aber es geht trotzdem weiter, denn es ist wichtig, nicht einfach zu sagen: Okay, es funktioniert nicht, wir gehen nach Hause, denn die Palästinenser:innen müssen weiter mit dieser Realität leben. Wenn man sich die israelische Gesellschaft ansieht, schöpft man aber zumindest etwas Mut aus der Tatsache, dass es Menschen gibt, die sehen, was vor sich geht, und sich anschließen – es gibt also immer noch gute Menschen. Aber wenn man die israelische Öffentlichkeit insgesamt betrachtet, sieht man keine Hoffnung auf eine Veränderung von innen heraus. Die Hoffnung, die ich sehe, kommt also von außen, und ich sehe den Wandel in der öffentlichen Meinung und ich sehe den Wandel bei den Jüdinnen und Juden weltweit, bei der jüngeren Generation, die ihre Augen öffnet und Israel nicht automatisch bei allem unterstützt, was es tut. Wenn ich mit der jüdischen Diaspora spreche, sagen sie: Selbst, wenn man Sympathie für Israel hat und den Staat unterstützt, ist es nicht immer gut, jemanden bei all seinen Handlungen zu unterstützen. Ich denke also, die Hoffnung besteht darin, dass die Menschen verstehen, dass das, was derzeit in Israel vor sich geht, abartig ist. Es ist unmenschlich. Es muss jetzt gestoppt werden. Die Stimme des jüdischen Volkes ist dabei sehr wichtig, damit sie nicht automatisch alles unterstützt, was Israel tut. Das wäre auch das Beste für die Israelis.
Interview von Jonathan Davidowicz,
aus dem Englischen übersetzt