Österreich, tolerierst du nur Gedenken, oder auch Widerstand?

Österreich, tolerierst du nur Gedenken, oder auch Widerstand?

Über unsere übliche gemeinsame Erinnerungsarbeit hinaus findet unsere Zusammenarbeit mit der Hochschüler*innenschaft österreichischer Roma und Romnja (HÖR) nun auch in dieser Ausgabe des NOODNIKS statt. Der Text stellt zentrale Fragen an die österreichische Erinnerungspolitik: Reicht Gedenken allein aus, oder braucht es auch die Bereitschaft zu Widerstand? Und was bedeutet gelebte Solidarität in der Gegenwart?

Österreich, als Täter:innen-Nation, gedenkt gerne. Dafür wird uns, den sogenannten Opfergruppen, gerne der Platz gewährt. Doch wie sieht dies mit Formen des Widerstandes aus?

Widerstand wird heute gefeiert, solange er Vergangenheit ist. Man erzählt von Mut, von Zivilcourage, von Menschen, die nicht geschwiegen haben. Doch wenn marginalisierte Gruppen heute laut werden, wenn wir unbequem werden, wenn wir Wut zeigen oder Konsequenzen fordern, dann gelten wir schnell als „zu emotional“, „zu radikal“ oder „spaltend“.

Vielleicht liegt genau darin das Problem der österreichischen Erinnerungskultur: Sie liebt den Widerstand der Vergangenheit, weil er nichts mehr fordert. Die Widerständigen von damals verlangen keine Stellungnahme mehr, keine Ressourcen, keine Solidarität. Die Betroffenen von heute hingegen schon.

Gedenken darf nicht bedeuten, Geschichte nur zu betrauern. Gedenken müsste heißen, Verantwortung in der Gegenwart zu übernehmen. Sonst bleibt „Nie wieder“ nur ein Spruch, der einmal im Jahr gesagt wird, während dieselben gesellschaftlichen Mechanismen weiterbestehen.

Kennt eure Gedenktage

Oftmals fällt mir auf, dass viele mittlerweile die Bedeutung des 2. Augusts für die Volksgruppe der Rom:nja und Sinti:zze kennen. Ein Fakt, der mir, und vielen anderen, schon viel bedeutet. Doch geht es um andere bedeutsame Tage, so treffe ich oftmals noch auf ein Stirnrunzeln. Zum Beispiel, wenn ich über den 16. Mai rede, obwohl doch genau der Mai in Österreich vom Erinnern geprägt ist.

Der 16. Mai, als Widerstandstag der Rom:nja und Sinti:zze, erinnert uns an die, am selben Tag 1944, durch das NS-Regime geplante Auflösung des „Z*geunerlagers“ im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Alle zu dem Zeitpunkt inhaftierten Rom:nja und Sinti:zze, in etwa 6.000, sollten an diesem Tag ermordet werden. Nachdem sie von anderen Inhaftierten über die Pläne der SS informiert wurden, schlossen sich die Häftlinge zusammen und bewaffneten sich. In einer so aussichtlosen Lage nahmen sie alles. Stöcke, Steine, Werkzeuge. Die Gegenstände der Zwangsarbeit richteten sich gegen das Regime und Baracken wurden verbarrikadiert. Etwa die Hälfte der Insass:innen wurde in andere Lager deportiert, um einen weiteren Angriff auf die Aufseher:innen zu verhindern, wodurch viele von ihnen überlebten.

Warum gedenkt Österreich diesem Tag nicht? Will die Mehrheitsgesellschaft nur etwas, zu dem man schnell eine Kerze oder einen Kranz niederlegen kann, ohne sich Sorgen um seinen eigenen Platz im Geschehen machen zu müssen? Warum erinnert man lieber an Opfer als an jene, die Widerstand geleistet haben?

Widerstand verlangt Haltung

Vielleicht, weil Widerstand unbequem ist. Weil er Fragen stellt. Weil er nicht zulässt, dass sich die Mehrheitsgesellschaft ausschließlich als mitfühlende Zuschauerin inszeniert. Widerstand hingegen verlangt Haltung. Er verlangt, den eigenen Platz im gesellschaftlichen Gefüge zu hinterfragen.

Erst in dem Geschehen der letzten Wochen zeigt sich wieder einmal deutlich, dass es leichter ist, der Opfer der Vergangenheit zu gedenken, als heutigen Betroffenen beizustehen. Als wir die Hochschüler*innenschaft österreichischer Roma und Romnja einen Beitrag zu der antiziganistischen Polizeiaussendung in Neusiedl am See posteten, bekamen wir fast (zumindest zum Stand der Verfassung dieses Textes) 1.100 Likes. Durchschnittlich erreichen wir nur hundert bis zweihundert. Theoretisch könnte man allein diesen Fakt schon feiern; Reichweite ist etwas, was wir dringend benötigen. Doch selbst dadurch bekamen wir keine neuen Beitritts-Anträge, obwohl wir eine eigene Option für Nicht-Volksgruppen-Mitglieder haben, und auch keine Spenden für unsere Bildungsarbeit. Kaum jemand fragte: „Wie können wir euch unterstützen?“ Denn es ist einfacher, etwas zu liken, als sich tatsächlich mit Antiziganismus auseinanderzusetzen. Einfacher, Betroffenheit zu performen, als Verantwortung zu übernehmen. Doch darf ich dann auch Activist in meine Instagram Bio schreiben?

Wer ist mit uns?

In Bezug auf diesen Vorfall wurde ich auch gefragt, was die HÖR nun plane. Wie wollen wir dagegen vorgehen? Planen wir nun eine Demo? Gute Frage, aber ich werfe eine Frage zurück. Warum wird von marginalisierten Gruppen erwartet, selbst für ihre Rechte zu kämpfen, während die Mehrheit passiv bleibt? Versteht mich nicht falsch, es sollte nicht für uns gesprochen werden. Aber könnten wir damit anfangen, dass die Mehrheit mit uns spricht? Ein bisschen abstrakt, ich weiß, aber man stelle sich kurz vor, eine große linke Orga ist genauso erschüttert von diesem Thema wie wir Betroffenen. Sie nehmen sich diesem Thema an und wollen etwas planen, schlichtweg etwas tun. Tritt diese Organisation an uns, und hoffentlich ebenso an den Kulturverein Newo Ziro, heran, so wären wir liebend gerne Teil einer möglichen Protestaktion. Doch alleine, da fehlen uns oft die Ressourcen, vor allem in einem Fall wie diesem, der in uns eine Angst auslöst, eine Bestätigung unserer schlimmsten Gedanken. Österreicher:innen akzeptieren uns noch immer nicht als Teil dieses Landes. Und der Antiziganismus, der herrscht nicht nur am Stammtisch. Er war, ist und bleibt institutionell.

Ich habe Angst, mich weiterhin offen als Romni zu präsentieren, vor allem auf sozialen Medien. Die Angst meiner Großmutter, die nie wollte, dass ihre Enkelkinder ihre ethnische Herkunft kennen, die kann und will ich mir gar nicht vorstellen. Doch selbst darüber rede ich wieder offen. Noch kein einziges Mal wurde ich gefragt, was man gegen meine Angst tun könnte. Ich schaue nur in bemitleidende Gesichter, höre „das tut mir leid für dich, das ist schrecklich“. Liebe Mehrheitsgesellschaft, ich danke euch, doch ich will euer Mitleid nicht. Ich brauche eure Solidarität.

Geht mit uns auf die Straße. Organisiert euch mit uns. Widersprecht, wenn antiziganistische Aussagen fallen – nicht nur dann, wenn Kameras laufen oder Gedenktage stattfinden. Stärke entsteht durch Gemeinschaft, besonders dann, wenn man sich gegen Jahrhunderte von Rassismus und gegen ganze Institutionen stellen muss. Denn Erinnerung allein verändert nichts.

Erst Widerstand tut es.

Pia Thomasberger
Für den Vorstand der Hochschüler*innenschaft
österreichischer Roma und Romnja (HÖR)

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