Von der Sowjetunion lernen heißt siechen lernen: Die sowjetischen Wurzeln des heutigen Antizionismus
„Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen“ lautete der bekannte Slogan der DDR, des sogenannten „real existierenden Sozialismus“. Nachdem sowjetische Ideen bereits ab den 1960er Jahren immer stärkeren Anklang in linksextremen Kreisen Westeuropas und der Vereinigten Staaten fanden, wird seit dem 7. Oktober 2023 deutlich, in welchem Ausmaß gegenwärtige antizionistische Diskurse an sowjetische antisemitische Narrative anknüpfen.
Als die Sowjetunion 1975 die UN-Resolution 3379 durchsetzte, wurde Zionismus als Form des Rassismus verurteilt. Diese Gleichsetzung beruhte auf einer Ideologie, deren Wurzeln bis in die Frühphase der Sowjetunion zurückreichen. Trotz begrenzter kultureller Autonomie in den 1920er Jahren betrachteten weder Lenin noch Stalin die Juden als Nation im sowjetischen Sinne. Jüdische Netzwerke im Ausland, etwa im britischen Mandatsgebiet Palästina oder in den USA, galten der Sowjetführung als potenzielle Eintrittspforten feindlicher Einflüsse. Organisationen wie der Bund wurden zunächst geduldet, 1921 jedoch unter starkem politischem Druck eingegliedert und zerschlagen. Die Jewsekzija (Jüdische Sektion der Kommunistischen Partei) verfolgte in den 1920er Jahren zielstrebig die Bekämpfung jüdisch-religiöser und zionistischer Organisationen, bevor sie im Jahr 1937 liquidiert wurde.
Stalins Krieg gegen die Juden
Unter Stalins Herrschaft verschärfte sich die Repression gegen jüdische Führungspersönlichkeiten. Während der stalinistischen Säuberungen wurden über 3,14 Millionen Menschen verhaftet und in Gulags sowie nach Sibirien und Zentralasien deportiert. Mehr als 700.000 Menschen wurden ermordet, darunter zahlreiche Jüdinnen und Juden; religiöse Funktionäre, Mitglieder des Jüdischen Bundes und zionistischer Organisationen sowie jüdische Kleinhändler, die als „Großkapitalisten“ bezeichnet wurden.
Das im Zweiten Weltkrieg zur Mobilisierung internationaler Unterstützung eingesetzte Jüdische Antifaschistische Komitee wurde 1948 aufgelöst und seine Mitglieder 1952 hingerichtet. Die Publikation des Schwarzbuchs, das die Schoah in der UdSSR dokumentierte, wurde untersagt, da dessen Betonung der spezifisch jüdischen Dimension mit der sowjetischen Geschichtsauffassung unvereinbar war. Erst im Jänner 1992 erschien eine vollständige Ausgabe des bereits 1947 verbotenen Werkes.
Außenpolitisch unterstützte die Sowjetunion die Gründung Israels zunächst aus geopolitischen Gründen. Anfang der 1950er Jahre schlug diese Politik jedoch in offenen Antizionismus um. Einen Höhepunkt antisemitischer Kampagnen bildete die sogenannte „Ärzteverschwörung“. Jüdische Ärzte wurden beschuldigt, Stalin und das Politbüro ermorden zu wollen. Gleichzeitig verloren zahlreiche jüdische Staatsbedienstete, Kulturschaffende, Journalist:innen, Lehrkräfte und Parteimitglieder ihre Arbeit. Selbst Industriearbeiter:innen und Fachkräfte wurden allein aufgrund des Eintrags „Jude“ im Pass entlassen.
Zionismus als Feindbild
Unter Chruschtschow und Breschnew wurde der Zionismus endgültig zum zentralen Feindbild. Die bereits unter Stalin begonnene Kampagne gegen den sogenannten „Kosmopolitismus“ richtete sich vor allem gegen Jüdinnen und Juden. Ihnen wurde vorgeworfen, als „zionistisch-kapitalistisch“ und „wurzellose Kosmopoliten“ der Sowjetunion und dem Kommunismus zu schaden.
Die UdSSR verknüpfte ihren Antizionismus mit einer antiimperialistischen und antikolonialen Rhetorik. Israel wurde als Vorposten des Imperialismus gebrandmarkt, während arabische Staaten unterstützt wurden. Der arabische Nationalismus, Islamismus und Sozialismus übernahm somit nicht nur die antisemitische Propaganda des Nationalismus, sondern auch den sowjetischen Antisemitismus und Antizionismus in Wort, Schrift und Bild.
Propaganda und Dämonisierung Israels
Nach dem Sechstagekrieg 1967 radikalisierte sich diese Linie weiter. Es kam zum Abbruch diplomatischer Beziehungen, während die Ausreise sowjetischer Jüdinnen und Juden nahezu vollständig verhindert wurde. Zugleich schränkten informelle Quoten und systematische Diskriminierung ihre Bildungs- und Berufschancen massiv ein.
Die sowjetische Propaganda griff klassische antisemitische Stereotype auf und belebte sie neu. In Karikaturen der 1960er und 1970er Jahre wurden Jüdinnen und Juden als Spinnen oder Kraken dargestellt – Motive, die heute oft unter dem Deckmantel des Antiimperialismus wiederkehren. Zugleich stellten sowjetische Medien israelische Soldat:innen als Nazis dar. 1983 verstärkte das Antizionistische Komitee der sowjetischen Öffentlichkeit diese Kampagnen.
Zwischen Ideologie und Gewalt
Diese Narrative verbreiteten sich über Parteien, Studentenbewegungen und Netzwerke auch im Westen. Ein beträchtlicher Teil der politischen Linken stimmte der Gleichsetzung von Zionismus mit Kolonialismus und Rassismus zu und zeigte Solidarität mit der palästinensischen Sache, die von der UdSSR und der DDR aktiv gefördert wurde.
Diese Ideologie führte auch zu Gewalt. Mitglieder der Revolutionären Zellen beteiligten sich 1976 an der Entführung eines Air-France-Flugzeugs nach Entebbe, wo jüdische Geiseln selektiert wurden. Zeitgleich verübten linksgerichtete Terroristen in Europa Anschläge auf jüdische Einrichtungen. 1969 versuchte die Gruppe „Tupamaros West-Berlin“ während einer Gedenkfeier zu den Novemberpogromen einen Bombenanschlag auf das Jüdische Gemeindehaus in der Berliner Fasanenstraße zu verüben. Der Anschlag scheiterte, weil der Zünder versagte. 1975 entging der damalige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Berlin, Heinz Galinski, zudem unverletzt einem mutmaßlich von der RAF verübten Paketbombenattentat.
In den 1970er und 1980er Jahren kam es in Österreich zu mehreren antisemitisch motivierten Terroranschlägen: von der Geiselnahme in Marchegg (1973) und der OPEC-Geiselnahme in Wien (1975) über den Bombenanschlag (1979) und den Angriff auf den Wiener Stadttempel (1981) bis zur Ermordung des SPÖ-Politikers Heinz Nittel durch die Abu-Nidal-Organisation. 1985 griffen Terroristen zudem den El-Al-Schalter am Flughafen Wien-Schwechat an, töteten drei Menschen und verletzten 40 weitere.
Das Erbe der Sowjetunion
Während sich die Sowjetunion als antiimperialistische Kraft präsentierte, zeigten der Einmarsch in Afghanistan 1979 und die Kontrolle über Osteuropa, dass die sogenannten Bruderstaaten vor allem sowjetischen Interessen dienten. Die ideologischen Linien wirken bis heute fort. Mahmud Abbas erlangte 1982 in Moskau den Doktortitel mit einer Dissertation, die Zionismus und Nationalsozialismus miteinander in Verbindung setzte und den Holocaust relativierte. 2022 erklärte er in Berlin, Israel habe „50 Holocausts“ begangen, eine maßlose Relativierung der Shoah.
Ein solcher Standpunkt steht in unmittelbarer Tradition sowjetischer Propaganda. Wer heutige Parolen und Karikaturen auf vermeintlich pro-palästinensischen Demonstrationen betrachtet, erkennt häufig dieselben antisemitischen Muster. Es bleibt zu hoffen, dass diese Bewegung in dieser Hinsicht ebenso dahinsiecht wie einst die Sowjetunion und die DDR – und damit am Ende doch noch „von der Sowjetunion lernt“.
Alexander Schneidmesser