Trump & König Charles – Ein lapidarer Königsspruch und ein Lehrstück, warum es den Staat Israel braucht

Trump & König Charles – Ein lapidarer Königsspruch und ein Lehrstück, warum es den Staat Israel braucht

Donald Trump hat vor einiger Zeit mehrfach gescherzt, dass die Europäer heute ohne die USA Deutsch sprechen würden. Anfang Mai hat der britische König Charles bei einem Staatsdinner in Washington retourniert, ohne die Briten würden die Amerikaner heute Französisch sprechen. Diese Ansagen sollten als clevere Pointe wirken. In Wahrheit zeigt sich darin, wie Geschichte in einem Wettbewerb imperialer Eitelkeiten aufgelöst wird.

Ich schreibe als Außenstehender. Ich bin Österreicher, nicht Brite. Ich habe keine Sympathien für Monarchien. In meiner Region erscheinen geerbte Ämter als anachronistisch. Entscheidend ist hier jedoch nicht die Staatsform, sondern der Blick auf die Geschichte. Trumps Rede vom “Deutsch sprechen” lässt sich, so schal sie ist, zumindest als Euphemismus für die totalitäre Herrschaft der Nationalsozialisten lesen. Sie verdichtet eine historische Bedrohung zu einer Kurzformel.

Das britische „Französisch sprechen“ ist etwas ganz anderes. Es verweist auf einen Konkurrenzkampf zwischen zwei Kolonialmächten im Zeitalter des Imperialismus, nicht auf den Kampf zwischen Zivilisation und Vernichtung. Hätten die Franzosen in Nordamerika obsiegt, wäre die Hauptdifferenz vermutlich linguistisch gewesen, nicht moralisch. Der Kontinent wäre frankophoner, die Logik kolonialer Ausbeutung wäre jedoch dieselbe geblieben. Frankreich und Großbritannien waren grausame Imperien, die indigene Gesellschaften zugunsten der Metropolen unterwarfen. Trotzdem: Dies in einem Atemzug mit dem Nationalsozialismus zu nennen, ist im besten Fall töricht. Im schlimmsten Fall ist es eine revisionistische Trivialisierung der Shoah.

Sprachwitze im Kontext von Völkermord?

Als Österreicher, der Nachfahre sowohl von Täterinnen und Tätern als auch von Opfern des NS-Terrors ist und in einem Land lebt, das noch immer mit der Aufarbeitung der NS-Herrschaft ringt, empfinde ich diese Trivialisierung als persönlich widerwärtig. Sprachwitze über hypothetische Muttersprachen sind nicht unschuldig, wenn sie die Spezifität eines Völkermords verwischen. Umso irritierender ist das ausgerechnet beim britischen Staatsoberhaupt, denn das Haus Windsor ist mit dieser Blindstelle vertraut. Der Sohn des Königs posierte einst in Nazi-Verkleidung. Der Großonkel des Königs, Edward VIII., sympathisierte offen mit dem NS-Regime. Teile der britischen Oberschicht hegten über Jahrzehnte Nachsicht oder Faszination für die deutsche Sache. Das überrascht kaum, bedenkt man die genealogischen Verflechtungen, aber es entschuldigt nichts. Und es verschärft die Pflicht zur historischen Präzision.

Vor allem aber legt dieser Ton den imperialen Kern frei. Wenn Charles im nächsten Satz gemeinsame Werte beschwört, dann sind diese Werte in seiner Logik offensichtlich „imperiale“ Werte. Er nennt im selben Atemzug den kolonialen Schauplatz des Siebenjährigen Krieges und den Zweiten Weltkrieg. Das passt, wenn man beides als Konkurrenz zwischen Imperien um globale Vorherrschaft begreift. Aber es zeigt auf einen blinden Fleck: Aus Sicht einer solchen imperialen Vernunft waren Jüdinnen und Juden keine handelnden Subjekte mit schutzwürdigen Rechten, sondern Verschiebemasse. Das war nicht allein britische Blindheit, viele Staaten haben versagt, aber britische Politik trug dazu bei, Fluchtwege zu verengen. Das Whitepaper von 1939 begrenzte die jüdische Einwanderung nach Palästina in einer Phase existenzieller Gefahr. In der Summe entstand ein Muster: Der Schutz verfolgter Minderheiten stand nie im Zentrum, solange er den imperialen Nutzen störte.

Geschichte als Requisit

Gerade darin liegt die bittere Aktualität. Der zynische Witz eines Monarchen, achtzig Jahre nach der Shoah, bestätigt rückblickend die Notwendigkeit eines jüdischen Staates. Erst mit der Gründung Israels existierte eine souveräne Instanz, die jüdische Interessen im internationalen Machtgefüge durchsetzen konnte. Vorher zählte, im Kalkül der Mächtigen, fast ausschließlich die Logik der Imperien. Israel ist kein moralischer Fluchtpunkt frei von Widersprüchen. Aber ohne Israel wären Jüdinnen und Juden weiterhin auf das Wohlwollen jener angewiesen, die ihre Sicherheit historisch immer wieder geopfert haben. Diese Einsicht ist unbequem. Sie ist dennoch wahr.

Manche werden einwenden, die Pointe sei nur ein Seitenhieb auf Trump gewesen, einen Populisten, der selbst Respektlosigkeit kultiviert. Gerade darin liegt das Problem. Wenn das Staatsoberhaupt eines Landes den Stil der Meme-Politik übernimmt, dann zeigt es, wie tief die Imperienlogik in der politischen Kultur verankert bleibt. Geschichte wird zum Requisit. Leid wird zur Kulisse. An die Stelle von Verantwortung tritt der Konkurrenzinstinkt. Was zählt, ist wessen Flagge am Ende weht und in welcher Sprache gesprochen wird.

Dieser Reflex erklärt auch das beredte Schweigen danach. In den sozialen Medien gab es Applaus, im Mainstream vor allem ein Achselzucken. Vielleicht fürchtet man, die Krone zu brüskieren. Vielleicht wirkt jeder Stachel gegen Trump als Tugend. Vielleicht ist es Müdigkeit. In jedem Fall verfehlt es die Sache. Institutionen erodieren nicht an einem Ausrutscher, sondern an Ketten von Momenten, die man aus Bequemlichkeit übergeht.

Und Erinnerungskultur erodiert, wenn wir zulassen, dass der Nationalsozialismus in der öffentlichen Rede neben koloniale Rangeleien gerückt wird, als wäre beides bloß Geopolitik.

Wer die Shoah ernst nimmt, muss den Unterschied benennen. Der Zweite Weltkrieg war in seinem Kern nicht nur ein Krieg der Staaten, er war der Kontext eines beispiellosen Vernichtungsprojekts. Die Opfer wurden nicht wegen einer anderen Flagge ermordet, sondern weil sie als Minderheiten und als Juden entmenschlicht wurden. Ein Staatsoberhaupt, das diese Unterscheidung verwischt, mag es nicht so meinen. Doch es belegt, wie wenig Priorität diese Unterscheidung hätte ohne eine eigene, starke jüdische Souveränität. Das ist die Lektion, die Israel schmerzhaft gezogen hat. Und es ist der Grund, warum Israel weiterhin notwendig ist.

Historische Verantwortung statt imperialer Pose

Ich verabscheue Monarchien, weil sie dazu neigen, Hierarchien und Mythen über Menschen zu stellen. Ob höflich bezeichnet als “Klassendünkel”, oder härter als “Rassentheorie” – in der Geschichte der europäischen Höfe war die Mischung aus imperialem Blick und genealogischer Selbstgewissheit selten fern. Der Satz des Königs über die französische Sprache ist keine Ausnahme. Er ist ein Symptom. Er erinnert uns daran, dass ohne israelische Souveränität jüdische Sicherheit stets prekär war. Und er erinnert uns daran, wie schnell Imperien bereit sind, alles dem eigenen Vorteil unterzuordnen.

Wer wirklich gemeinsame Werte verteidigen will, beginnt nicht mit sprachlichen Rechenspielen über hypothetische Imperiumsgewinne. Er beginnt mit der Anerkennung historischer Verantwortung, mit dem Schutz derer, die ohne Schutz sind, und mit Respekt vor der Singularität des jüdischen Leids. Alles andere ist Pose.

Elias Weiss

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