Ich finde, er verdient diesen Titel nicht

Ich finde, er verdient diesen Titel nicht

Or Tamid und sexueller Missbrauch in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt


In diesem Interview reflektiert Haleli Shomer Shalom über den Missbrauchsskandal von 2023 in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und die Anlaufstelle Or Tamid, die sie gemeinsam mit Roglit Ishay, Daniela Shemer und Niels Gerhardt nach dem darauffolgenden institutionellen Schweigen gegründet hat.

NOODNIK: Kannst du dich kurz vorstellen und deine Verbindung zu Or Tamid erklären?

Haleli Shomer Shalom: Mein Name ist Haleli Shomer Shalom. Ich bin israelische Rechtsanwältin und lebe nun schon seit fast acht Jahren in Frankfurt. Ich komme aus Israel, habe einen wunderbaren Partner und zwei Töchter und beruflich bin ich im Bereich Finanzberatung tätig. Ich arbeite mit Frauen zusammen und helfe ihnen, die Kontrolle über ihr Geld zu übernehmen und es zu verwalten. Meine Grundüberzeugung ist, dass diese Welt ein besserer Ort wird, wenn Frauen die Kontrolle über ihr eigenes Geld haben. Weniger geschlechtsspezifische Gewalt, weniger Kriege. Der Schlüssel liegt in unseren Händen und in unserem Geld.

Or Tamid begann im Sommer 2023. Ich hörte Gerüchte über jemanden in der jüdischen Gemeinde, einen Mann, den die Leute Rabbi nannten. Ich finde, er verdient diesen Titel nicht, deshalb benutze ich ihn nicht. Ich hörte, er habe Frauen bei seiner Arbeit sexuell missbraucht. Ich gehörte nicht zur jüdischen Gemeinde und tue es noch immer nicht. Ich bin eine stolze jüdische Israelin und Zionistin, aber kein Mitglied der Gemeinde. Trotzdem war ich völlig schockiert. Ich erfuhr, dass dieser Mann dort nicht mehr arbeitete und kurz davor stand, nach Israel zu gehen. Keine Strafverfolgung, keine Transparenz, nichts. Einfach weg. In Deutschland ist es wirklich schwer, jemanden nach zwanzig Jahren Arbeit loszuwerden. Es ergab also keinen Sinn, dass er einfach so verschwand. Ich fing an, Fragen zu stellen. Ich kannte kaum jemanden in der Gemeinde – ich sprach mit Chabad, mit Israelis in Frankfurt, einfach jedem.

Nach einem Hinweis schrieb ich der Leitung der Gemeinde eine sehr scharfe israelische E-Mail. Ich stellte mich vor und sagte im Grunde: Als Frau, als Anwältin, als Jüdin, als Mutter kann ich nicht tatenlos zusehen, während ein Sexualstraftäter frei herumläuft und niemand auch nur darüber spricht. Sie antworteten, sie könnten keine Details preisgeben, versicherten mir aber, dass alles von der Jüdischen Gemeinde korrekt gehandhabt worden sei. Ich sah mir diese E-Mail an und dachte: Diese Leute haben keine Ahnung, mit wem sie es zu tun haben.

Ich arbeitete bereits mit Daniela, Roglit und Niels zusammen. Wir starteten eine Petition, in der wir Antworten von der jüdischen Gemeinde forderten. Niels verfasste einen sehr strengen Brief mit konkreten Fragen, den man unterschreiben konnte, sodass automatisch E-Mails an die Gemeindeleitung gesendet wurden. Wir sammelten über 50 Unterschriften. Ungefähr zu dieser Zeit erhielten wir den ersten Namen eines Opfers.

Ich bekam viel Kritik. Manche sagten, ich sei aggressiv. Ich fühlte mich selbstbewusst. Aber was mich wirklich verärgerte, war, wie viele Leute fragten, warum ich das tue, obwohl ich nicht Teil der Jüdischen Gemeinde bin. Meine Antwort war: Genau weil ich nicht von ihnen abhängig bin, kann ich es tun. Ich habe keine Kinder in der Schule. Niemand kann meine Position gefährden. Und die jüdische Gemeinde repräsentiert mich trotzdem als Jüdin und als Israelin. Ich wollte, dass sie für etwas Moralisches steht. Für mich war es absurd, dass jüdische Gemeinden so viel Energie darauf verwenden, sich vor Bedrohungen von außen zu schützen, während sie die Gefahr von innen völlig ignorieren.

NOODNIK: Kannst du erklären, wie du mit Roglit, Daniela und Niels in Kontakt gekommen bist? Wie hat Or Tamid eigentlich angefangen?

Haleli Shomer Shalom: Daniela war bereits eine enge Freundin von mir. Als sie davon hörte, war sie völlig schockiert. Also wollte sie sofort helfen. Daniela kannte Roglit, weil sie beide Musikerinnen sind. Auch Roglit hatte das Bedürfnis zu handeln. Durch sie kam auch Niels dazu. Und irgendwie wurde es die perfekte Kombination. Jede:r von uns brachte andere Stärken ein, und gemeinsam haben wir fast zwei Jahre lang an diesem Thema gearbeitet. Es begann wirklich einfach damit, dass Menschen sich weigerten, die Realität so zu akzeptieren, wie sie war, und das Richtige tun wollten.

NOODNIK: Was hat sich geändert, nachdem das erste Opfer sich an euch gewandt hatte?

Haleli Shomer Shalom: Sie vertraute uns und erzählte uns alles. Und plötzlich waren das keine Gerüchte mehr. Mir war klar, dass das, was passiert war, nicht nur unmoralisch oder unangemessen war, sondern kriminell. Das entscheidende Detail ist, dass der mutmaßliche Missbrauch im Rahmen seiner Arbeit stattfand. Das bedeutet, dass die Jüdische Gemeinde nicht nur moralisch verantwortlich war. Sie war als Arbeitgeber rechtlich verantwortlich. Das ist ein riesiger Unterschied. Es ging nicht darum, dass ich sagte: „Bitte seid gute Menschen.“ Es war schlichtweg illegal.

Sie erzählte uns auch, dass es noch andere Frauen gab. Wir wissen, dass sie nicht die Einzige war, die sich bei der Gemeinde beschwert hatte. Der zeitliche Ablauf ist hier entscheidend. Die interne Eskalation fand gegen Ende 2022 statt. Frauen wandten sich an die Leitung. Die Leitung informierte die Jüdische Gemeinde. Die Gemeinde ging nach unserem Verständnis unzureichend damit um. Der mutmaßliche Täter hörte auf zu arbeiten, aber niemand erfuhr warum, nicht einmal die Opfer. Und selbst nachdem sie wussten, dass er ein mutmaßlicher Sexualstraftäter war, gewährten sie ihm weiterhin freien Zugang zur Synagoge für seinen privaten Gebrauch, ohne die Gemeinde zu warnen.

Dann kam der 7. Oktober. Emotional änderte sich alles. Wie alle anderen waren wir am Boden zerstört und konzentrierten uns auf Israel. Ich organisierte persönlich Spenden und schickte über hundert Pakete. Aber gleichzeitig, besonders nach dem, was den Frauen am 7. Oktober widerfahren war, hatte ich das Gefühl, dass wir nicht aufhören durften, uns mit sexualisierter Gewalt in unserer eigenen Gemeinde auseinanderzusetzen. Wir können nicht von der Welt verlangen, Frauen zu unterstützen, während wir Frauen in unseren eigenen Institutionen ignorieren.

Im November sollten wir uns mit der Führung der jüdischen Gemeinde treffen. Wir wollten, dass das Treffen öffentlich ist, aber die Gemeindeleitung lehnte das ab. Schließlich sagte sie das Treffen ab, weil wir auf Transparenz bestanden. Also organisierten wir im Februar unsere eigene öffentliche Veranstaltung. Wir luden alle ein, die persönlich oder online teilnehmen wollten. Wir luden die Arbeitsrechtsanwältin Elishewa Patterson-Baysal ein, die erklärte, warum das Vorgehen der Gemeinde nicht mit dem Arbeitsrecht vereinbar war. Rabbiner Appel, der Rabbiner der Gemeinde, kam und unterstützte uns öffentlich, indem er betonte, dass sexueller Missbrauch im Judentum keinen Platz habe. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir bereits von weiteren Fällen in der Gemeinde, von anderen Tätern und Opfern.

Ich wurde so etwas wie eine Anlaufstelle für Meldungen über sexuellen Missbrauch in der Gemeinde. Frauen begannen, sich an mich zu wenden. Eine junge Frau erzählte, dass sie als Teenagerin in der jüdischen Schule missbraucht worden war. Eine Kindergärtnerin – eine junge Frau – wurde von einem älteren Mann belästigt. Als sie das meldete, behandelte die Leitung sie schrecklich. Wir erhielten Beschwerden über Sicherheitspersonal in mehreren Fällen. Zu diesem Zeitpunkt wurde klar, dass es sich nicht um einen Einzelfall handelte. Das Problem war strukturell und im Alltag präsent.

NOODNIK: Was habt ihr von der Gemeinde verlangt?

Haleli Shomer Shalom: Wir wollten, dass die Gemeinde ein Umfeld schafft, in dem Missbrauch weniger wahrscheinlich ist und in dem Opfer angemessen unterstützt werden, falls es doch dazu kommt. Das bedeutet Schulungen für die Leitung, klare Verfahren, Aufklärung in Schulen, die Einhaltung von Richtlinien durch die Mitarbeiter:innen– alles, was das Gesetz ohnehin schon vorschreibt. Wir wollten auch eine Stelle, die rechtliche und psychologische Unterstützung bieten kann. Nach monatelangem Druck wurde eine solche Stelle errichtet. Doch nur in der Theorie, da sie schwer zu finden ist und in jeglichen Räumen der Gemeinde, wie Ausschreibungen auf Toiletten oder gar auf ihrer Website fehlt. Wir haben auch Regeln für die Sicherheitskräfte gefordert, zum Beispiel, dass Frauen darüber informiert werden, was bei Sicherheitskontrollen von ihnen verlangt werden darf und was nicht. Die Leitung hat dagegen gestimmt. Wir haben Bildungsprogramme gefordert. Nichts ist passiert.

Irgendwann wurde uns klar, dass wir gegen eine Gemeinde kämpften, die sich einfach nicht ändern wollte. Trotzdem haben wir einiges erreicht. Die Frau, die als Erste zu uns kam, bekam endlich Antworten. Die Gemeinde bezahlte die therapeutische Betreuung, weil wir Druck gemacht hatten. Aber man kann nur begrenzt etwas bewirken, wenn die Führung sich weigert, das Problem zu verstehen.

NOODNIK: Kannst du erzählen, wie Or Tamid von der Gemeinde wahrgenommen wurde?

Haleli Shomer Shalom: Es wurde viel zu oft abgelehnt. Manche Reaktionen waren unglaublich. Die Leute sagten mir, die Frauen hätten es wahrscheinlich gewollt. Oder mit dem mutmaßlichen Täter zusammengearbeitet. Oder dass es nur ein oder zwei Frauen wären und die  nicht einmal aus der jüdischen Gemeinde stammen oder gar nicht jüdisch waren. Und ich dachte immer wieder: Das ist in euren Augen ein Rabbiner. Selbst wenn alles, was ihr sagt, wahr wäre – was es nicht war –, wie kann dieses Verhalten für jemanden in einer religiösen Autoritätsposition akzeptabel sein? Ein Rabbiner steht für Moral. Man kann nicht Ethik predigen und gleichzeitig Frauen missbrauchen. Trotzdem erhielten wir viel Ermutigung, Feedback und Unterstützung von Gemeindemitgliedern. Zusätzlich zu den über fünfzig Unterschriften, die unsere Forderungen unterstützten, haben viele Frauen verstanden, wie wichtig das, was wir getan haben, war.

Man warf mir auch vor, Antisemitismus zu fördern. Man sagte, wenn ich die Geschichte öffentlich mache, würde ich antisemitische Reaktionen hervorrufen. Ich bin Israelin. Ich bin in Israel aufgewachsen und dort ist mein Zuhause. Ich kann die Angst, die Jüdinnen und Juden in Europa empfinden, nie ganz nachvollziehen. Aber für mich war das absurd. Wenn eine jüdische Gemeinde offen gegen sexuellen Missbrauch kämpft, sollte das etwas sein, worauf man stolz sein kann.

Menschen, die Juden hassen, werden Juden sowieso hassen. Mir wurde auch gesagt, ich würde die Heiratschancen seiner Kinder zerstören. Und jemand sagte mir sogar, dass die Aufdeckung der Geschichte Holocaust-Überlebende vor Schreck umbringen würde, weil der Täter mit Holocaust-Überlebenden arbeitete.

Über ein Jahr nachdem alles ans Licht gekommen war, stellten wir fest, dass es im Jüdischen Museum Frankfurt immer noch eine Ausstellung gab, in der der mutmaßliche Täter Fragen zur Moral beantwortete. Wir kontaktierten das Museum und forderten, ihn zu entfernen. Schließlich, nachdem genug Druck ausgeübt worden war, nahmen sie ihn endlich aus der Ausstellung.

NOODNIK: Wenn du auf alles zurückblickst, was du erreicht hast, welche Botschaft kannst du uns nach Wien mitgeben?

Haleli Shomer Shalom: Ich denke, wir haben viel erreicht und ich bin sehr stolz auf das, was wir getan haben, auch wenn es noch lange nicht genug ist. Was mich am meisten beschäftigt, war der Widerstand. Ich dachte ehrlich gesagt, wenn wir sagen würden: „Es gibt Menschen in der Gemeinde, die sexuell missbrauchen, lasst uns gemeinsam dagegen vorgehen“, würden uns die Leute unterstützen. Stattdessen mussten wir um jeden Schritt kämpfen. Dennoch glaube ich, dass Or Tamid etwas verändert hat. Frauen wissen, dass sie nicht allein sind. Sie wissen, dass es Menschen gibt, die ihnen glauben und bereit sind, ihnen zur Seite zu stehen. Wir haben all das freiwillig getan, in unserer Freizeit und mit unserer eigenen Energie, weil wir das Gefühl hatten, dass diese Realität so nicht weitergehen darf.

Und für Wien ist der erste Schritt meiner Meinung nach, anzuerkennen, dass sexueller Missbrauch überall existiert. Es geht nicht um Juden oder Muslime oder Christen, um religiöse oder säkulare Menschen – es geschieht überall. Wir müssen beschließen, dass wir das nicht zulassen und dieser Beschluss bedeutet nicht, dass wir uns damit etwas Schlechtes einhandeln, wie zum Beispiel antisemitische Reaktionen. Wir entscheiden, wie wir diese Diskussion gestalten. Indem wir die Führung übernehmen, stellen wir sicher, dass die Konfrontation mit Missbrauch als das gesehen wird, was sie wirklich ist: Ein Akt des Mutes, um unsere Gemeinschaft zu schützen und keine Schwäche, die ausgenutzt werden kann. Das ist unsere Geschichte, wir sind stolz darauf und stehen dazu.

Interview von Immanuel TurkoF

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