Der Big-Yahu Eisberg
Eine aktuelle Analyse von Brain Rot Memes, Social Media und neuen antisemitischen Gefahren in den Tiefen des Internets
Wer kann sich nicht an einen der größten Momente der Filmgeschichte erinnern? Nach einer abenteuerlichen Serie an Herausforderungen standen unsere Helden dem fulminanten Bösewicht Thanos entgegen. Erschöpft und kampfesmüde stand Captain YAHU auf dem Schlachtfeld. Gerade als er glaubte, der Kampf sei verloren, drehte sich alles nochmal. Plötzlich sprach eine Stimme: „Yahu?“ … „Yahu?“ … „Kannst du mich hören?“. Yahu glaubte seinen Augen nicht, just in der Sekunde öffneten sich Dimensionsportale, aus denen seine Verbündeten eintrafen. Der Magier und Hüter des Infinity-Steins Dr. Kirk, der blonde und für sein Amt gar nicht zu alte Trump, Sohn des Odins, und Black Panther P. Diddy.
Diese absurde filmische Meisterleistung ist nur Leser:innen zugänglich, die eine ungesunde Bildschirmzeit aufweisen und ihr mobiles Endgerät auch durch antisemitische und rassistische Reel-Gewässer navigieren können. Für alle anderen ist dies, ähnlich wie die filmische Vorlage, eine Ansammlung und Kombination von ganz tiefem Internet-Brainrot. Das Internet wird gerade geflutet von Videos und Parodien, die sich um Netanjahu oder auch „Big Yahu“ drehen. Und in genau dieses Gewässer wollen wir uns begeben: Ein Deep Dive in das Internet-Phänomen der Benjamin Netanjahu Memes.
In der Internetkultur geschieht dies mit einem Eisberg. Wir erkunden den anfangs sichtbaren, aber oberflächlichen Teil des Eisbergs bis tief unter die Oberfläche, mit weitaus gefährlicheren und komplexeren Aspekten.
Stufe 1: An der Oberfläche
Die Memes über “Yahu” oder den “Big Yahu” wurden vor allem gegen Januar 2026 von einem Tiktoker bekannt gemacht. Dieser stellte Clips von Gru, aus „Ich – Einfach unverbesserlich“, mit einem KI-Voiceover hoch, das diesen als Big Ben oder Big Yahu bezeichnete. Es folgten zahlreiche solcher Videos. Gru zeichnete sich im ersten Film vor allem durch seine Boshaftigkeit aus. Zwar wirkt alles sehr lächerlich, vor allem mit dem Zeichentrickvergleich. Aus den verschiedenen bösen Machenschaften gehen aber immer wieder antisemitische Narrative und Klischees hervor. Hier werden immer wieder aktuelle Geschehnisse und kontroverse Personen wie Epstein oder Peter Thiel parodiert. Zentral sind hier wieder jüdische Machtnarrative und die Verstrickung Netanjahus in der globalen Politik und im Weltgeschehen. Dies war der Stein, der alles ins Rollen brachte.
Stufe 2: Der erste Tauchgang
Nach Millionen Aufrufen zu den Gru-/Yahu-Videos wurden diese auch weiterhin parodiert und verbreitet. Die nächsten Videos drehten sich häufig um einen Anruf, den man vom Big Yahu erhalte, oder darum, dass man sich an ihn und den Mossad für diverse Angelegenheiten wenden könnte. Der Subkontext war klar: Wer den Anruf nicht entgegennimmt oder Netanjahu verärgert, wird schlimme Konsequenzen erleiden. Weitere Videos zeigen Leute, die Netanjahu in eigentlich belanglosen Alltagssituationen schreiend um Hilfe bitten. Ein klares Anspielen auf antisemitische Motive wie die Omnipräsenz israelischer Macht und Einflussnahme. In weiteren Videos werden absolut übertriebene Lobpreisungen und Solidaritätsbekundungen über Israel und Netanjahu als Leader formuliert. Viele halten diese Art von Memes für Brainrot, also sinnlosen Content, der durch schiere Geistesabwesenheit witzig wird. Ich nicht. Ich versuche dem Brainrot-Monster wie in einer Scooby-Doo-Esken Situation die Maske abzuziehen, nur um unseren alten Bekannten vorzufinden: den Antisemitismus. Doch dazu müssen wir etwas tiefer tauchen.
Stufe 3: Tiefere Gewässer und politischer Nährboden
Nach diesem Brainrot-Content stellen wir uns eine Frage, die viel zu spät kam … Wieso eigentlich das Ganze? Häufig kommen als Bösewicht wahrgenommene Personen in den Videos vor: Netanjahu, P-Diddy, Epstein oder Trump. Sie alle genießen gesamtgesellschaftlich einen klar negativen bis zu verabscheuenden Ruf. Auch zurecht. Ihnen Spitznamen zu verleihen und sie in Memes darzustellen, ist klar ein Versuch, ihre in der Wirklichkeit bedrohliche und machtvolle Erscheinung lächerlich zu machen. Für viele ist das ein verdienter kleiner Sieg in Zeiten von starker Machtlosigkeit und gefühlter Dauerkrisen. Dieses Phänomen ist nichts Neues. Napoleon wurde „Little Boney“ und Kaiser Wilhelm II. „Kaiser Bill“ genannt. Dieser Fall hier ist jedoch etwas komplizierter. Neben direkten Angriffen gegen Netanjahu werden die auch zuvor genannten antisemitischen Narrative immer wieder bedient. Hast du eine Frage? Auf zur neuen Suchmaschine! Probleme mit dem Wetter? Frag Yahu! (Die Juden kontrollieren das Wetter). Angst vor dem Krieg? Frag Yahu! (Juden kontrollieren die USA und die Weltpolitik). Du hast Schulden? Frag Yahu! (Juden kontrollieren das Finanzsystem). Diese anfangs auch verständliche Unsicherheit und Machtlosigkeit bieten den perfekten Nährboden. Genau hier stoßen wir auf den Jäger, der sich dies zunutze macht.
Stufe 4: Ein bekanntes Tiefseeungeheuer
In den Tiefen des Eisbergs lauert ein Tiefseeungeheuer, der riesige antisemitische Oktopus. Wie zuvor schon erwähnt, für niemanden sonderlich überraschend. Die Beute des Ungeheuers: vor allem junge und politisch rechte Männer. Durch die Medienpräsenz, die weite Verbreitung und zunehmende Abstraktion der Netanjahu-Memes, ist der ohnehin schwer zu erkennende und stark anpassungsfähige Antisemitismus in den Weiten des Internet-Brainrots als das, was er eigentlich ist, praktisch unauffindbar. Die Analogie zu einem sich tarnenden, mehrarmig umschlingenden Tiefseemonster ist durchaus passend. Genau wie die Tentakel des Oktopus sind die Bereiche auch komplett autonom funktionsfähig. Social Media ist also nur eines von vielen Outlets. Gestern waren es Big-Yahu-Memes, heute sind es Memes über Goyim, Gal Gadot oder etwas anderes. Das Erschreckende ist aber, dass diese Message genau als das ankommt, was sie ist. Wer sich einmal in die verseuchte Kommentarsektion sozialer Medien traut, sieht bei einem Hauch von einer Assoziation mit Judentum oder Israel unzählige antisemitische hasserfüllte Kommentare. Memes animieren zum Teilen und zur eigenen Partizipation, sind niedrigschwellig, einer breiten Zielgruppe zugänglich und leicht erkennbar. Die antisemitische Konditionierung durch den (bodenlos) niedrigschwelligen Brainrot-Content wäre ein feuchter (Alp-)Traum eines jeden damaligen Nazi-Propagandisten.
Stufe 5: Wo die Titanic liegt
Auf dem Boden des Eisbergs sehen wir ein Schiffswrack: das aktuelle gesellschaftliche und politische Geschehen, sowie eine entflammte antisemitische Lage. Der Kapitän des Schiffes hatte die Gefahr wohl nicht richtig auf dem Radar, sind ja „nur Memes“. Hier öffnen sich viele Sorgen und Fragen, auf die es anders als zuvor keine Antworten gibt. Wer trägt die Verantwortung dafür? Die Plattformen oder die Nutzer:innen? Wie kann man sich dagegen schützen und aufklären? Wie kann man verhindern, dass genau dies von antisemitischen Akteur:innen bewusst eingesetzt wird?
Vielleicht liegt die eigentliche Gefahr des Big-Yahu-Phänomens nicht darin, dass Menschen durch Memes zu Antisemit:innen werden. Sondern darin, dass antisemitische Vorstellungen als absurder Internet-Humor erscheinen und dadurch ihren Schrecken verlieren, nicht aber ihre verheerende Wirkung.
Passt also auf euren Kurs und eure Bildschirmzeit auf!
Jakob Manasherov