ESC 2026: Eine Bühne für Europa, aber keine Leinwand für uns?

ESC 2026: Eine Bühne für Europa, aber keine Leinwand für uns?

Das ganze Jahr über kamen viele verschiedene Personen und Organisationen auf uns zu: „Der Song Contest wird dieses Jahr in Wien stattfinden.“ – „Das letzte Jahr war so schrecklich.“ – „Was werdet ihr gegen die ganzen Antisemit:innen tun?“ – „Organisiert ihr eine Demo?“ – „Ihr müsst etwas tun!“ Der Song Contest sollte also das Thema Nummer Eins für jüdische Studierende werden? Oder wie war das gemeint?

Nach längerem Nachdenken beschlossen wir, dass das stärkste Zeichen, das wir in dieser Debatte setzen können, darin bestand, uns all jenen entgegenzustellen, die den Song Contest in diesem Jahr aufgrund der Teilnahme Israels boykottieren würden – indem wir ihn schauten. In aller Öffentlichkeit wollten wir allen jüdischen Studierenden Wiens und all unseren Ally-Organisationen einen Abend ermöglichen, den auch sie genießen könnten, und sie den ganzen Antisemitismustrubel für einen Moment vergessen lassen.

Der Plan war also simpel, wir wollten gemeinsam auf einer Wiese sitzen und beim Song Contest mitfiebern. Sollte doch möglich sein, oder?

KAN ≠ Russia Today

Aber nochmal zurück zum Anfang der Geschichte. Seit dem 7. Oktober 2023 und dem darauffolgenden Krieg ist die Teilnahme Israels für immer mehr europäische Länder so kontrovers geworden, dass sie als Form des Boykotts von Israel keine eigenen Kandidat:innen mehr zum ESC schicken, um ihr Land zu repräsentieren. Der Song Contest wird in Israel durch KAN ausgetragen, einem öffentlich-rechtlichen israelischen Sender, der als einer der wenigen regierungskritisch berichtet und damit Netanjahu und seiner Regierung schon lange ein Dorn im Auge ist. Hierdurch unterscheidet sich Israel auch von Russland, welches in der Debatte rund um Israels Teilnahme immer als erstes Beispiel genannt wird. Immer wieder ist der Einwand zu vernehmen, warum man für einen Ausschluss Russlands argumentieren könnte, wenn bei Israel nicht dasselbe Argument gilt. Russland wurde jedoch durch einen Regimesender repräsentiert und besaß kein unabhängiges Medium mehr – ganz im Gegensatz zu Israel. Die israelischen Künstler:innen sind somit nicht repräsentativ für die Regierung, sondern, wie so oft in den letzten Jahren, vielmehr die kritischen Stimmen des Landes. Eine Tradition, welche sich auch über die letzten drei Jahre fortgesetzt hat.

EBU ≠  EU

Für viele stellt sich bei der Teilnahme Israels jedoch noch eine weitere Frage: Israel liegt doch gar nicht in Europa – warum ist es überhaupt Teil des Eurovision Song Contests? Auch diese Frage lässt sich beantworten. Denn bei welchem musikalischen Zusammenschluss könnte Israel sonst teilnehmen? Ein Song Contest mit den Nachbarländern Israels ist kaum vorstellbar. Darüber hinaus richtet sich die Teilnahme nicht nach geografischen Grenzen, sondern nach der Mitgliedschaft in der Europäischen Rundfunkunion – EBU. Daher können auch Staaten außerhalb Europas am Eurovision Song Contest teilnehmen – wie beispielsweise Australien, oder, trotz Brexit, Großbritannien. Bislang gab es allerdings nur sehr wenige andere Länder aus dem Nahen Osten, die eine Mitgliedschaft in der EBU besaßen. So nahm etwa Marokko 1980 einmalig am ESC teil, ausgerechnet in jenem Jahr, in dem Israel nicht teilnahm, da der Wettbewerb auf den israelischen Gedenktag Yom HaSikaron fiel. 2005 stand der Libanon kurz vor seinem Debüt, zog die Teilnahme jedoch wieder zurück, da sich der zuständige Sender weigerte, den israelischen Beitrag auszustrahlen. Der Boykott Israels ist somit kein neuer Weg, kein progressiver Schritt, sondern das Einsteigen in eine Rhetorik, die sich seit Jahrzehnten gegen Israels Teilnahme am Eurovision Song Contest richtet. Diese Ablehnung speist sich nicht nur aus dem Konflikt mit Israel, sondern in vielen Fällen auch aus der Ablehnung des starken LGBTQIA+-Bezugs, für den der Eurovision Song Contest ebenfalls bekannt ist. Somit stellt sie gleich doppelt antiemanzipatorische Werte dar.

Seit dem 7. Oktober 2023 hat sich die Situation noch mal deutlich verschärft. Wie in vielen anderen Bereichen der politischen Debatte sahen sich auch die israelischen Künstler:innen beim Eurovision Song Contest wiederholt Anfeindungen und Ausgrenzungen durch einige ihrer Mitstreiter:innen ausgesetzt. Dieses Jahr haben sich fünf Länder gleich ganz aus dem Rennen genommen, nachdem in den letzten Jahren die israelischen Künstler:innen regelrecht gemobbt wurden. Die Geschichten der letzten Jahre sind immer wieder erschreckend. Yuval Raphael, die das Nova Festival überlebte, probte mit eingespielten Buh-Rufen. Eden Golan, welche damals erst 20 war, hatte ein Sicherheitskonzept hinter sich, welches dem des amerikanischen Präsidenten glich. Die Verhältnisse waren völlig absurd.

Sicheres Public Viewing ≠ möglich

Aber wieder zurück nach Wien, welches von dieser Absurdität nicht verschont blieb. Wäre die Teilnahme Israels in den letzten Jahren nicht so kontrovers geworden, hätten wir höchstwahrscheinlich nicht die ganze JöH auf den Kopf gestellt, um den Song Contest gemeinsam anzuschauen. Die erste Frage, die wir uns stellten, war ohnehin dieselbe, die sich jüdische Organisationen bei nahezu jeder Veranstaltung stellen müssen: Wie kann dieses Event so stattfinden, dass wir niemanden in Gefahr bringen? Gerade jetzt, seit dem Krieg im Iran und den unzählbaren antisemitischen Vorfällen des vergangenen Jahres, ist diese riskante Realität noch einmal deutlicher geworden. Über Wochen hinweg fanden wir keine Möglichkeit, die Veranstaltung ausreichend zu schützen. Immer wieder wurde uns mitgeteilt, es gäbe keine Kapazitäten, um die Sicherheit jüdischer Studierender zu gewährleisten, und dass es schlichtweg zu gefährlich sei, ein entsprechendes Sicherheitskonzept für eine öffentliche Veranstaltung auszuarbeiten. Deshalb entschieden wir uns schließlich, nur drei Tage vor dem Finale, eine Kundgebung anzumelden. Denn eine Absage kam für uns nicht infrage. Das Format der Kundgebung war demnach eine Notlösung, um unser Public Viewing überhaupt von der Polizei schützen zu lassen, da eine herkömmliche Veranstaltung unmöglich gewesen wäre.

Am Tag selbst galt die Terrorwarnstufe 5. Als wir mit dem Aufbau begannen, fuhren zeitgleich fünf große Polizeifahrzeuge auf den Campus. Der kleine, gemütliche Innenhof der Universität, den wir reserviert hatten, wurde von zwei Meter großen Polizisten umstellt. Zusätzlich hatten wir eigene Taschenkontrollen organisiert. Die Stimmung blieb angespannt. Der entspannte Abend, den wir geplant hatten, wurde wieder einmal zu einem politischen Kampf – eine Realität, die jüdische Studierende nur all zu gut kennen.

Hätten wir das Public Viewing aufgrund von schlechtem Wetter absagen müssen, wäre das ein normaler und verständlicher Grund gewesen – ein Grund, der alle Studierenden betrifft, nicht nur jüdische. Die Realität sah und sieht jedoch anders aus. Jüdische Studierende auf der ganzen Welt können aufgrund massiver Sicherheitsbedrohungen keine gewöhnlichen Events mehr ausrichten; wir sollen uns angesichts des Hasses hinter geschlossenen Türen verstecken.

Doch genau das wollen wir nicht akzeptieren, wollen uns weder einschüchtern noch aus der Öffentlichkeit verdrängen lassen. Jüdisches Leben gehört an die Universitäten, in die Öffentlichkeit und in das gesellschaftliche Leben. Auch – und gerade – in Wien.

Milli Li Rabinovici

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