Orpheus im Schatten des 7. Oktober

Orpheus im Schatten des
7. Oktober

Im September präsentiert das Callisto Opera Collective im Städtischen Museum in Braunschweig eine ungewöhnliche Inszenierung von Claudio Monteverdis Oper L’Orfeo (1607). Das Projekt, das vom Zentralrat der Juden in Deutschland unterstützt und in Zusammenarbeit mit dem Staatstheater Braunschweig produziert wird, umfasst den ersten und zweiten Akt der Oper. Die Inszenierung nimmt den Orpheus-Mythos zum Ausgangspunkt für eine künstlerische Auseinandersetzung mit Trauer und Verlust, konkret mit dem Nova-Festival und den Ereignissen des 7. Oktober.

Im Florenz des späten 16. Jahrhunderts versucht eine Gruppe von Musiker:innen, die Florentiner Camerata, die Kraft des antiken griechischen Theaters durch Musik wiederzubeleben. Sie finden in der Musik einen neuen Weg zur Emotion – direkt und schmucklos. Dazu wenden sie sich von ineinander verwobenen Gesangsstimmen, der komplexen Renaissance-Polyphonie, ab und hin zu einer einzigen Stimme mit instrumentaler Begleitung („stile recitativo“). Es entsteht eine neue Musiksprache, die es erlaubt, das Publikum in die Tragik des Individualschicksals mitzureißen: die Oper.

Orpheus wird zu einem der Gründungsmythen der Oper, denn seine Geschichte erzählt von der Macht der Musik und die Verbote der Realität hinter sich zu lassen. So kommt es, dass in seinem Meisterwerk Orfeo (1607), eine der allerersten Opern, Claudio Monteverdi lebhafte Renaissance-Tänze und Klangtexturen mit einer neuen rezitativischen Ausdruckskraft verschmilzt.

Hoffnung: Eine Tragödie

Am Anfang jeder Tragödie steht die zerbrechliche Illusion einer einfachen menschlichen Hoffnung. Der Orpheus-Mythos erzählt von einem mit übermenschlichen musikalischen Gaben gesegneten jungen Mann. Als er Eurydike heiratet, ist die Welt von ihrer Liebe berauscht. Doch eine Schlange beißt die Braut und reißt sie in den Tod. Vom Schmerz getrieben, steigt der untröstliche Bräutigam in die Unterwelt hinab, mit nichts als seiner Leier bewaffnet. Er schafft es, die Götter derart zu bewegen, dass sie seiner Bitte stattgeben und ihm erlauben, seine Frau zurück ins Leben zu führen. Nur ist dies an eine einzige, qualvolle Bedingung geknüpft. Er darf nicht zurückblicken.

Das Undarstellbare darstellen. Das Unsagbare sagen.

L’Orfeo schildert also die Trauer nach einem Verlust, die sich beim Protagonisten in einer entschiedenen Verleugnung seines Unglücks äußert und ihn dazu treibt, bis in die Unterwelt hinab zu steigen, um das Schicksal zu korrigieren. Das Regiekonzept situiert die Handlung in zwei parallelen Erzählungen. Zum einen den Weg des von wütendem Kummer zerfressenen Orpheus, zum anderen den Weg der ermordeten Eurydike in ein zwischen Tod und Leben schwebendes Niemandsland – das Land der nicht ordnungsgemäß bestatteten Toten, die endlos am Ufer des Totenflusses Styx irren, ohne auf die andere Seite zu können.

In der Aufführung in Braunschweig wird das Hauptgewicht auf der Personenführung liegen, auf der Chemie der Personen, auf dem Text, aber auch auf dem Unausgesprochenen, das alles bestimmt. Es soll sowohl jenen eine Stimme gegeben werden, die nicht davon kommen, als auch jenen, die von dem Unglück, das sie überlebten, heimgesucht werden.

Das Callisto Collective

Das Callisto Collective ist durch eine starke künstlerische und jüdische Verbindung entstanden. Zu den Gründerinnen gehören Bühnenbildnerin Ariel Elbert aus Braunschweig, israelische Opernsängerin und Dramaturgin Mika Ehrlich und französisch-österreichische Opernsängerin und Regisseurin Leila Schütz. Sie haben das Collective, zum einen aus der gemeinsamen Liebe zur Oper und zum anderen aus der Bestürzung über die Ereignisse des Nova-Festivals, gegründet.

Klang und Körper

Die barocke Abwechslung von Gesang und Tanz setzt auch das Collective ein. Doch sie haben die Aufgabe, L‘Orfeo ins 21. Jahrhundert zu transportieren. Dabei verschwimmen in der Produktion Künste und Kompetenzen. Alle Darsteller:innen erleben und feiern den Moment. Die Zuschauer:innen werden mitten im weiten Braunschweiger Museumsfoyer mit seinen vielen Balkons, seinem extrem hohen Plafond und seiner hallenden Akustik immersiv in einen Raum der Stimmen und der Realpräsenz der Personen getaucht. Die Tänze, choreografiert von Ron Kaslasy, drücken, manchmal koordiniert, dann wieder instinktiv, die Sinnlichkeit der Musik aus, und schaffen damit eine auf unmittelbare Erfüllung gerichtete Atmosphäre, in der nur die Musik (und Rauschgift) herrscht. Anders als im Tanz vereinigen sich die Stimmen zu harmonischen Ensembles, die sich alsbald von aller Harmonie lösen und dissonant aus den Fugen geraten, durch den Raum wandern.

Der Tanz wird dabei als Solches zum Symbol. Die Schlange, die Eurydike beißt und tötet, zeigt ihre wahre Gestalt: Hass, Entsetzen, Vergewaltigung und Tod. Die Körper, die zunächst tanzen und dann in kataleptische Bewegungslosigkeit erstarren und die Stimmen, die erst volltönend und klar sind und dann wieder körperlos werden, greifen im 360-Grad-Bühnenraum auf Erinnerungen zurück, die unser Bewusstsein und seine komplexe innere Topographie prägen. Diese Bilder verwandeln sich, nehmen Gestalt an und bilden ein Labyrinth, in dem die Schreie der Gegenwart widerhallen, ebenso wie die Echos der Vergangenheit.

Warum L’Orfeo?

Unsere Inszenierung verschärft den ursprünglichen Sinn dieses Stücks. Sie ist unser Beitrag für jene, deren Leben am 7. Oktober 2023 zusammenbrach. Wenn Musik, wie es oft heißt, eine heilende Kraft zukommt, dann macht es diese Oper erfahrbar.

Das Nova-Festival hatte hunderte Menschenleben zum Opfer und hinterließ eine trauernde Gemeinschaft von Überlebenden, die ein Trauma zu bewältigen haben. Um den Abgrund abzulehnen und sich für das Leben zu entscheiden, mussten sie all ihren Widerstand fassen, sich als Kollektiv zu erkennen und sich wiederaufzubauen. Die Geschichte von Orpheus und Eurydike durch Musik und Tanz zu erzählen, eröffnet einen Raum, in dem das Unsagbare Ausdruck finden kann. Zugleich entsteht ein Zwiegespräch mit den Toten, getragen von den Wichtigsten aller Versprechen: „We will dance again“.

Stummer Nachhall

In der unkonventionellen Umdeutung eines alten Werks reicht der Faden von der Poesie der griechischen Fabel über die Theatertraditionen des Barocks bis zu den rohen Wunden der Gegenwart. Wenn in Braunschweig im September das Publikum den Raum betritt, wird eine Brücke geschlagen werden, die – so hoffen wir – der Anlass für eine tiefgreifende menschliche Begegnung sein wird.

Monteverdi komponierte L’Orfeo als Ode an die Kraft der Musik, die Realität zu verändern und dem Tod selbst zu trotzen. In der Inszenierung, die mit dem zweiten Akt vorzeitig aufhört, gibt es keinen Trost oder Erlösung. Der Vorhang fällt mitten in der Trauer und die Aufführung bricht abrupt ab. Im stummen Nachhall wird man vielleicht die Frage vernehmen: „Wie können wir von hier aus weitergehen?“

Mika Ehrlich, Leila Schütz

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