VON ROSA UND ROSE
Jüdisch-feministische Kämpfe auf Social Media: Eine Skizze misslungener parasozialer Beziehungen
Pls don’t hate me – aber ich werde diesen Text mit einem Goethe-Zitat beginnen: „Doch bin ich, wie ich bin und nimm mich nur hin!“
Dieses Zitat kenne ich nicht aus besonderer Vorliebe zur Weimarer Klassik, sondern, weil mein Opa (certified Goethe-Fanboy) das Gedicht jedes Jahr zu seinem Geburtstag vortrug. Seitdem ich Videos auf Social Media veröffentliche, geht mir dieser Satz immer wieder durch den Kopf. Denn Menschen, die mich nur aus dem Internet kennen, wissen ja nicht, wer ich wirklich bin. Sie wissen nicht, was ich mir von meiner Zukunft erhoffe, welche Bücher und Filme ich mag oder welche Ängste mich beschäftigen. Oft wissen sie nicht einmal, dass ich eigentlich Rosa und nicht, wie mein Insta-Handle vermuten lässt, Rose heiße. Gleichzeitig stellt sich für sie ein Gefühl der Nähe ein. Man nennt dieses Phänomen „parasoziale Beziehung“. Fremde Menschen empfinden mich als eine Freundin. Sie fühlen sich mir verbunden, weil sie ein bestimmtes Bild von mir haben, ich ihnen charismatisch, nahbar, lustig erscheine. Doch es gibt auch Menschen, die mich nicht leiden können, weil sie ein bestimmtes Bild von mir haben, ich ihnen zu wütend, ignorant, anmaßend vorkomme. Zwei Seiten der parasozialen Medaille.
Lücken füllen
Geschmiedet wird diese Medaille auf einer Plattform, auf der ich bewusst und unbewusst kuratierte Ausschnitte aus meinem Leben teile. Wie die meisten von uns schneide auch ich die Ecken meines Lebens aus, die ich nicht zeigen will. Seien es misslungene Selfies, zu private Lebensereignisse oder, dass ich mal wieder vergessen habe, am Freitagabend Shabbatkerzen zu zünden. Unter anderem dadurch entwickelt sich eine verhängnisvolle Dynamik in der parasozialen Beziehung. Während ich mein Leben lebe und Ausschnitte daraus auf Instagram teile, setzt jede Person, die meine Inhalte sieht, die einzelnen Ausschnitte so zusammen, wie sie in ihr Weltbild passen. Das fängt bei harmlosen oder schmeichelhaften Schlüssen über meinen Charakter an und reicht bis zu Annahmen über meine politischen Ansichten. So entstehen verschiedene Rosas: Die Rosa, die ich selbst seit 28 Jahren versuche, kennenzulernen, die Rosa, die ich ins Internet stelle und die Rosa, die daraus gemacht wird.
Ich kann nicht kontrollieren, welche Rosa im Kopf meines digitalen Gegenübers entsteht. In meinen Kommentarspalten sieht man, dass da draußen sehr viele Rosas unterwegs sind. Rosa ist zionistisch, antizionistisch, linksradikal, faschistisch, linksliberal, rechtspopulistisch, feministisch, antifeministisch. Welche dieser Rosas in mir gesehen wird, hängt nicht etwa von meinen tatsächlichen Ansichten ab, sondern davon, was ich nicht sage. Von den Leerstellen und Lücken, die entstehen, wenn man in sechzig-sekündigen, einer Plattformlogik folgenden, Videos über komplexe Themen spricht. Hier wird munter hineinprojiziert. So wird aus einem Video über die Geschichte des Zionismus „Rosa ist Zionistin und Genozidleugnerin“. Aus einem Video über meine Wahlentscheidung (Die Linke) vor der letzten Bundestagswahl wird für manche eine „Rosa, der Antisemitismus egal ist“, für andere eine „Rosa, die nicht links genug für diese Partei ist“. Leerstellen werden mit dem gefüllt, was mein digitales Gegenüber von der in seinem Kopf fabrizierten Rosa erwartet.
Digitaler Scheiterhaufen
Zufall sind diese Projektionen nicht. In den sozialen Medien wird sich gerne an Frauen abgearbeitet – ganz besonders, wenn sie nicht dem patriarchalen Idealbild einer Frau entsprechen. Das heißt, wenn sie dick oder lesbisch oder wütend oder trans oder erfolgreich sind oder wenn sie sich politisch äußern – vor allem aber dann, wenn sie anderer Meinung als Männer im Internet sind. Dabei ist egal, welche Männer und welche Meinung. Eine Frau, die es wagt, einem Mann zu widersprechen, gehört für sie auf den digitalen Scheiterhaufen. Ein Feuer, in dem auch immer ein Platz für Jüdinnen:Juden freigehalten wird. Zumindest für die schlechten Juden, die sich wahlweise nicht dezidiert antizionistisch positionieren oder mit Israel überidentifizieren. Wenn es dann auch noch eine jüdische Frau wagt, eine eigene politische Meinung zu haben – Storno.
Nun könnte man meinen, das Internet sei ein eigener Raum, getrennt von der materiellen, der echten Welt. Nur ist diese Trennung eine Illusion. Die Welten greifen verhängnisvoll ineinander. Ende April erkannte mich ein (mir fremder) Mann in einer Bar, beleidigte mich als „Scheiß Zionistin“ und „Genozid-Alte“ und unterstellte mir, für meine Inhalte von Israel bezahlt zu werden. Er hatte ganz offensichtlich eine negative parasoziale Beziehung entwickelt. Beim Verarbeiten der Situation fiel mir auf, dass dieser Mann nicht mit mir gesprochen hatte. Er redete auf die Rosa ein, die er sich aufgrund der Zusammensetzung meines Social-Media-Outputs und seines Weltbildes erschaffen hatte. Einerseits hilft mir diese Erkenntnis, weil ich mich so besser von dem geballten Hass abgrenzen kann, den er mir entgegen brachte. Andererseits macht es die Situation nicht weniger gefährlich oder beängstigend. Welche Versionen von mir existieren noch in dieser Welt?
Juckt?
An dieser Stelle würde ich gerne zu einem hoffnungsvollen Ende kommen. Im Hintergrund läuft Zara Larssons „Symphony“ und ich sage empowernd: One Day, Baby werden wir in einer Welt leben, in der (jüdische) Frauen politisch sein können, ohne in Kommentarspalten beleidigt oder in Bars angegriffen zu werden. Dahin kommen wir, wenn wir nur noch mehr bilden, furchtlos und stark sind!
Aber leider springen in der Realität keine happy Delfine durch einen Regenbogen. Ich kann lediglich die zweite Zeile des Goethe-Gedichts zitieren: „Doch bin ich, wie ich bin, und nimm mich nur hin! Willst bess‘re besitzen, so laß dir sie schnitzen.“ Ich interpretiere das als eine goethesche Art zu sagen: „juckt“. Sollen sich Antisemit:innen eine Rosa ausdenken, die nichts mit mir zu tun hat. Ich werde sie nicht vom Gegenteil überzeugen. Aber ich kann dafür sorgen, dass sich andere jüdische Menschen, die gegen patriarchale Strukturen kämpfen, durch meine Videos verstanden und ermutigt fühlen. Meine Delfine-Regenbogen-Symphony.
Rosa Jellinek