Jüdisch & Trans

Jüdisch & Trans

Ich wollte eigentlich nur beten

HaShem hat Humor

„Bist du ein Junge, oder ein Mädchen?“
Mit diesen Worten startete meine Pokémon-Karriere in meiner Lieblingsgeneration Rubin und Saphir. Damals habe ich mit einem kindlichen Selbstbewusstsein „Junge“ gewählt und mir nichts weiter dabei gedacht. Für mich war es eine so einfache Frage, was ich bin. Als Jugendlicher und jetzt als Erwachsener war das ganze dann schon viel schwerer. Plötzlich kommt ein Druck von außen: „Was bist du?“. Viel zu lange habe ich diesem Druck nachgegeben.

Ich weiß noch, wie eifersüchtig ich war, als ich merkte, dass jüdische Burschen Kippah tragen sollen, ich aber nicht. Wie sie Bar-Mitzva-Feiern haben, ich aber nicht. Wie sie, wenn sie besonders orthodox waren, Zizit tragen sollten, aber ich nicht einmal auf die Idee kommen durfte, diese Fäden überhaupt nur zu lange anzuschauen, geschweige dessen, sie anzufassen.

Bevor ich ein junger Erwachsener wurde, noch bevor ich mich geoutet hatte, wuchs in mir der Drang nach jüdischem Leben. Aufgrund meiner gemischten Herkunft war ich überwiegend von nichtjüdischen Menschen umgeben, was in einer sehr seltsamen Art von Einsamkeit resultierte. Also tat ich das, was einer der wohl wichtigsten Schritte meines Lebens werden sollte: Ich bewegte meinen Tuches in die Liberale Synagoge (für die Orthodoxe war ich zu sehr Feminist, jedenfalls war das meine Ausrede – ich wollte einfach keinen Rock oder Kleid anziehen). Für eine recht lange Zeit war ich dort glücklich wie noch nie. Ich konnte endlich ein religiöses Leben führen und Teil einer Gemeinde sein, wo Frauen, Männer und Nicht-Binäre Menschen gleichgestellt waren und sind.

Aber irgendetwas fehlte immer noch. HaShem hat oft versucht mir den Weg zu leiten und zu zeigen, was mein Problem ist. Ich habe es gekonnt ignoriert. Aber irgendwo zwischen Talmud-Diskussionen über die sieben Geschlechter des Judentums und meiner Begeisterung für Männer des TaNaCh ist der Groschen gefallen.

HaShem macht keine Fehler

Mein „Coming Out“ war auf allen Ebenen unspektakulär – dafür bin ich auch unendlich dankbar. Meine Gemeinde, meine Familie und meine Freund:innen waren alle so wenig darüber überrascht, dass es fast schon lustig war. Mein neuer Name fand und findet bis heute viele Fans. Oft kann ich dann voller Stolz sagen, dass ich mir den Namen Aaron Bezalel selbst ausgesucht habe, weil die beiden Charaktere das sind, was ich sein möchte.

Beide Namen haben eine tiefe Verbundenheit mit Religion und Community – zwei Aspekte, die mein Leben so tiefgreifend verändert haben, dass ich nicht wüsste, was ich ohne sie wäre.

Ich liebe es, Jude zu sein. Ich liebe es, Ich zu sein. HaShem macht keine Fehler. Er wird seine Gründe haben, wieso Er mir eine männliche Seele in einenm nicht-männlichen Körper gegeben hat. Und während ich absolutes Vertrauen in HaShems Plan habe, bringt es mich manchmal in Situationen, die so unangenehm sind, dass ich mich doch frage: „Wieso?“

Es ist kaum etwas so unangenehm, wie in einer vollen, nicht-liberalen Synagoge zu sein, mitten ins Gebet vertieft, während man gefragt wird, ob man denn überhaupt ein Mann sei. Wenn andere Männer einen anstarren, mit einem solchen Hass, weil sie glauben, etwas zu sehen, was nicht da ist. Wenn die Angst da ist, dass die eigene Familie wegen dir Probleme bekommen könnte, sollte jemand dahinterkommen, wer oder was du bist.

Ich glaube für die meisten religiösen jüdischen Menschen gibt es Trans*-Personen nur im Fernsehen, oder online, wenn sie so „komische“ Sachen von sich geben, wie „Nicht-Binärität“. Für stark-zionistisch Denkende gibt es Trans*-Menschen „nur in Israel“, vor allem wenn es um den Nahen Osten geht, weil wir nur dort nicht umgebracht werden. Natürlich gibt es dann noch die berühmten „Chickens for KFC“-Witze, die man so oft liest und hört, als würde jemand versuchen, Hot Dogs in einem Stadion zu verkaufen.

Oft frag’ ich mich, ob die Leute wissen, dass es Trans*-Menschen im echten Leben auch gibt und manchmal in näherer Umgebung, als man glauben möchte. Manchmal frage ich mich außerdem, ob Leute verstehen, dass ich ein Trans-Mann bin, oder ob sie denken, ich sei einfach ein ausgesucht hässlicher junger Mann mit sehr dünnem Bart.

Aber zurück zum Judentum: Das Judentum hat einen stark auf die binären Geschlechter basierenden Kult. Die Aufgaben der Frauen und der Männer sind in (sehr) orthodoxen Familien und Gemeinden stark getrennt. Das ist mitunter eine der größeren Schwierigkeiten, welche Jüdinnen und Juden mit Trans*-Personen haben: Was macht eine Trans*-Person dann? Eine Frau soll Kinder gebären, das Haus leiten und sich um alles kümmern, während der Mann lernt und betet. So jedenfalls das (sehr) orthodoxe Geschlechterbild. Obwohl ich selbst mit einigen liberalen und konservativen Jüdinnen  und Juden befreundet bin, wurden mir am Anfang oft ähnliche Fragen gestellt: Trägst du dann Kippah? Zündest du dann nicht mehr Kerzen am Shabbat? Übernimmst du dann alle Mitzwot, also wirklich ALLE? Und der absolute Publikums-Liebling: Musst du dich dann auch beschneiden lassen?

Während meines noch nicht allzu langen Lebens wurde mir oft gesagt, ich bin der erste Jude, den man kennengelernt hat. Jetzt bin ich auch noch oft die erste Trans*-Person, die Menschen treffen. Also werden mir jetzt noch mehr Fragen gestellt. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Freud hätte seine Freude daran gehabt

Oft, wenn ich meinen inneren Wiener raushängen lasse und mich darüber beschwere, dass mich schon wieder eine fremde Person gefragt hat, wie das jetzt eigentlich so ist, mit dem Sex und den Juden, bekomme ich als Antwort: “Naja, aber du musst ja nicht sagen dass du Jud‘ (oder Trans*) bist.” Doch, muss ich. Nicht nur, weil ich stolz darauf bin, Jude zu sein, sondern weil es kaum Juden wie mich gibt. Viele Trans*-Personen, die ich kennengelernt habe, kennen keine „echten“ Juden, und viele Juden kennen keine „echten“ Trans*-Personen.

Natürlich ist es anstrengend, wenn Menschen übergriffige Fragen stellen, aber es ist mir lieber, dass sie fragen, anstatt dass sie Berührungsängste haben. Die meisten Menschen haben wenig Ahnung vom Judentum oder von Trans* Personen und freuen sich, wenn sie die Chance haben, endlich alles bezüglich jüdischer und transgeschlechtlicher  Genitalien zu fragen.

Also, um meine eigene Frage zu beantworten, wieso HaShem mich Trans* gemacht hat: Denn, wer beantwortet gerne so viele Fragen zu Geschlechtsorganen, wenn nicht ein gebürtiger Wiener Jud‘?  (Looking at you Freud, mein Homie. Du und deine Entwicklungsphasen werden voller Stolz fortgesetzt).

Aaron bezalel haber

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