Wer ist schuld an Andrew Tate?

JEWISH FEMINIST SPACE LASER #1:

Wer ist schuld an Andrew Tate? 

Frausein im jüdischen Aktivismus zwischen Projektionsfläche und Behauptungskampf

Eine der grundlegendsten antisemitischen Erzählungen findet sich dort, wo man sie zunächst nicht vermuten würde: in bestimmten pseudo-feministischen und matriarchatstheoretischen Strömungen. In deren esoterischen Texten schreibt sich Geschichte als eine Erzählung vom Verlust weiblicher Freiheit. Am Anfang stehe das friedliche Matriarchat im Naturzustand, anti-hierarchisch wie ein Sitzkreis im Plenum, in der Mitte die weibliche Gottheit. Dann erfolge die Vertreibung aus dem Paradies, denn vor etwa 3000 Jahren träte das Judentum auf die Bühne der Weltgeschichte und mit ihm das ganze Unheil – Monotheismus, Herrschaft, Krieg, Geschlechterrollen und vor allem das Patriarchat.

Diese Erzählung ist bemerkenswert, aber keineswegs aufgrund ihrer historischen Richtigkeit. Denn das Judentum erscheint in dieser Erzählung nicht als Produkt patriarchaler Gesellschaften, sondern als deren Ursprung. Eine vergleichsweise winzige monotheistische Religion wird zur Ursache der Geschichte selbst samt ihrer Machtstrukturen verklärt. Ich wage mit Hoffnung zu behaupten, dass die meisten Menschen eine solche Theorie heute wohl zurückweisen würden. Ihre Spuren sind dennoch in aktuellen Debatten präsent, denn das Bild des Judentums als besonders patriarchale, konservative und männlich dominierte Tradition gehört weiterhin zur Wahrnehmung vieler kultureller und politischer Milieus. Jüdisches Leben erscheint darin häufig als etwas, das ausschließlich von Männern repräsentiert wird – von Rabbinern, Gemeindevorsitzenden und Gelehrten.

Umgekehrt liegt es mir angesichts meiner Lebensrealität fern, ein Bild von einer besonders feministischen jüdischen Religion zu zeichnen, in der keine patriarchalen Strukturen herrschen. Die gibt es überall dort, wo es Männer gibt. Hinzu kommt, dass dort, wo die Angst ums Überleben groß ist, das Bedürfnis nach der Bewahrung von Traditionen steigt und damit auch die Akzeptanz veralteter Geschlechterrollen. Diese Angst ums Überleben ist im Judentum im doppelten Sinne groß, einmal als Sorge um das Ende der Überlieferung von Kultur und Ideengeschichte, ein zweites Mal im Wortsinn.

Ängstliche Sicherheitsmänner, sexualisierter Paternalismus

Wer als junge Frau eine jüdische Organisation leitet, durchkreuzt die Erwartungen zwischen antisemitischen Projektionen und realem Patriarchat bereits durch ihr bloßes Dasein. Nach außen gilt es, jenen Vorstellungen entgegenzutreten, die mitunter das Judentum zum historischen Ursprung patriarchaler Herrschaft erklären. Nach innen gilt es, dieselben Diskussionen über Sichtbarkeit, Repräsentation und Autorität zu führen, die es in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen zu führen gibt.

Kritik an Geschlechterverhältnissen innerhalb jüdischer Strukturen wird hierbei rasch als Bestätigung antisemitischer Klischees instrumentalisiert. Umgekehrt wird die Abwehr solcher Klischees mit der Behauptung verwechselt, feministische Kritik sei überflüssig geworden. Beides greift zu kurz. Die Realität jüdischer Community-Arbeit ist nämlich deutlich komplexer als diese Projektionen.

Wer als Frau Verantwortung übernimmt, kennt die Situation gut, zugleich Symbolfigur und Statistin zu sein. Zum einen wird man als Repräsentantin einer ganzen Community betrachtet, zum anderen wird man für seine mühevolle Arbeit belächelt und nicht ernst genommen.

Besonders deutlich wird dies dort, wo Alter und Geschlecht aufeinandertreffen. Eine junge Stimme zu sein, die eine Minderheit vertritt, bedeutet meist, von älteren Männern und deren Institutionen abhängig zu sein. Hände schütteln, lächeln, nicht zu viel lächeln, sonst wird es als Flirt wahrgenommen, aber auch nicht zu wenig lächeln, sonst wirkst du verbittert – du willst doch wirklich nicht die nervige jüdische Frau sein, die sich über alles beschwert! Zu lange Umarmungen, zu nahe kommende Köpfe während eindringlicher Konversationen. Besprechungen mit der Polizei, bei denen nur den Männern die Hand geschüttelt wird, man andauernd unterbrochen wird, einem kein einziges Mal in die Augen geschaut wird. Momente, in denen unklar ist, ob der Sicherheitsmann gerade Angst hat, von meiner verführerischen weiblichen Energy aufgefressen zu werden, oder er womöglich doch denkt, ich sei minderjährig und gehöre eigentlich in die Schule.

Diese subtile Form der Entwertung nenne ich den sexualisierten Paternalismus. Du fragst dich ständig: Will er mit mir schlafen, mich wie ein Baby füttern oder mich doch lieber einsperren? Dieser Chauvinismus zeigt sich in speziellen Blicken, in der Suche nach dem „eigentlich Verantwortlichen“ hinter der jungen Frau und damit in der selbstverständlichen Annahme, Entscheidungen würden letztlich von jemand anderem getroffen werden.

Gerade in so kleinen Gemeinden wie unserer – wir kratzen gerade mal an den zehntausend Mitgliedern – kommt eine weitere Dimension hinzu: Jüdische Institutionen sind nicht nur politische oder religiöse Räume. Sie sind soziale Räume – mitunter enge. Man kennt einander seit Jahren, manchmal seit der Kindheit. Wer gestern noch als das Baby eines Gemeindemitglieds wahrgenommen wurde, wird heute nur schwerlich als politische Akteurin ernst genommen. Beim Empfang des Simon-Wiesenthal-Preises sagte ein ehemaliger IKG-Spitzenfunktionär zu mir und dem mehrheitlich weiblichen JöH-Vorstand: “Der einzige Grund, warum ihr gerade so erfolgreich seid, ist, weil ihr alle so schöne Frauen seid! Bitte richte deinem Vater liebe Grüße aus!” – I rest my case.

Widersprüche aushalten

Zurück zum angeblichen Ur-Matriarchat des eso-feministischen Antisemitismus, nach welchem wir nicht nur die Banken und das Wetter kontrollieren, sondern auch die Geschlechterrollenverteilung in der katholischen Ehe und obendrein die insgesamt drei Gehirnzellen der Manosphere. Abgesehen davon, dass die Überidealisierung von Matriarchaten und deren klischeehafter Charakteristika – à la die Frau ist die Mutter des gesamten Stammes und alle lieben sich und sind super fürsorglich miteinander – höchst frauenfeindlich ist, wird in dieser Idee die komplexe historische Entwicklung des Patriarchats auf einen einzigen Ursprung reduziert. Die Juden werden als Zerstörer einer ursprünglich harmonischen Welt dargestellt, in der man zwar eine Lebenserwartung von dreißig Jahren hatte, in der es aber angeblich keine Hierarchien gab und sogar die Geschlechterbinarität einen Ausnahmefall darstellte. Es wird ein dichotomes Bild von Gut und Böse gezeichnet, ein Schwarz-Weiß-Denken, das immer auch mit einem Erlösungsversprechen einhergeht – wenn nur diese eine Sache nicht existiert hätte, könnten wir alle gemeinsam zu unserem harmonischen Ursprung zurück… Kommt euch diese Argumentation bekannt vor?

Leseempfehlung für alle Höhlenmensch-Feministinnen mit Judenknacks: Im kürzlich erschienenen Buch “Denialism” schreibt die Antisemitismusforscherin Isolde Vogel: “Im Antisemitismus kann alles Schlechte mit dem angeblichen Wirken von Jüdinnen und Juden erklärt werden. Nicht nur alles Jüdische wird abgelehnt, auch alles Abgelehnte wird als jüdisch wahrgenommen und zum Feind erklärt.“

Für uns bedeutet das Spannungsfeld zwischen frauenfeindlichen Strukturen von innen und Antisemitismus von außen vor allem die Zurückweisung falscher Alternativen. Weder ist das Judentum die Ursache patriarchaler Herrschaft, noch verschwinden Fragen von Macht, Autorität und Geschlecht innerhalb der jüdischen Gemeinde dadurch, dass man vom Widerspruch absieht, da die Thematisierung von außen instrumentalisiert werden könnte. Die Herausforderung besteht darin, beides gleichzeitig auszuhalten: Antisemitischen Projektionen entgegenzutreten und feministische Kritik dort zu üben, wo sie notwendig ist.

Sashi Turkof

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